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Die »Döner-Morde«, Thilo Sarrazin und der alltägliche Irrsinn

Zu den »Döner-Morden« muß man nur eins sagen: Das ist einfach nur krank. Mit Enzensberger kann man bei den Morden von einer kruden »Ich-Therapie« radikaler Verlierer der Gesellschaft sprechen. Auch ein Vergleich zum Amokläufer hilft hier weiter, weil die Ausgrenzung der Täter aus jeglichen sozialen Kollektiven wohl schon eine große Rolle bei den Motiven spielen dürfte. Für unsinnig halte ich hingegen die »Terrorismus«-Vorwürfe, weil die Täter nicht in die Öffentlichkeit drängten und damit weit davon entfernt waren, die gesamte Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Ihre Taten waren zutiefst sinnlos – zwar ideologisch motiviert, aber der öffentliche Auftritt im Gegensatz zu den Taten überhaupt nicht durchdacht.

Ob nun aber Terroristen, Amokläufer oder radikale Verlierer – das alles sind Definitionsfragen. Viel entscheidender ist doch, welche »Bedrohung« in der Gegenwart von rechtsextremen Gewalttätern ausgeht? Der Grünen-Chef Cem Özdemir meint, es sei eine »neue Dimension« dieser Bedrohung erreicht und gestern bei Günther Jauch sagte er auch warum. Bücher wie das von Thilo Sarrazin hätten zu einer besonders ausländerfeindlichen Stimmung beigetragen, die solche Taten begünstigen würden. Özdemir drückte sich so ungeschickt aus, daß man den Eindruck gewinnen konnte (oder sollte?), die Zwickauer Terrorzelle habe zuerst Sarrazin gelesen und dann zugeschlagen. Widerspruch kam von niemand. Auch Moderator Jauch störte das virtuose Hantieren mit der Zeitleiste nicht. In der selben Sendung forderte CSU-Innenminister Joachim Herrmann (der mit dem netten Sohn) ein neues NPD-Verbotsverfahren. Der Zentralrat der Juden hat bereits Zustimmung signalisiert.

Die harten Fakten der Gegenwart geraten dabei völlig in den Hintergrund: An diesem Wochenende hat der eher gemäßigte Holger Apfel den nostalgischen Udo Voigt als NPD-Parteichef abgelöst. Das macht die NPD zu keiner grundsätzlich anderen Partei, aber man wird ja wohl noch in Zeiten von Kraftausdrücken auf die kleinen, aber feinen Unterschiede hinweisen dürfen.

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5 Kommentare zu “Die »Döner-Morde«, Thilo Sarrazin und der alltägliche Irrsinn

  1. Die Rolle der V-Männer bezgl. des Rechtsextremismus hat Özdemir (immerhin!) einmal angedeutet! Bei den Döner-Morden war auch ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes schon im Visier der Fahndung. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%B6ner-Mordserie

    Ich persönlich halte den »Rechtsterrorismus« für ein Produkt aus ideologisierten Einzelnen, die gezielt von Diensten Unterstützung bzw. Anregungen zur teilweisen Umsetzung ihrer Wahnideen erhalten. Man darf nicht vergessen, dass allein 17 deutsche Geheimdienste im Bundesgebiet operieren. Da sind die der Alliierten, die Militärbasen und Immunität nutzen können, noch nicht dabei.

    Dasselbe gilt m.E. auch für Teile des sogenannten »Linksterrorismus«. Ich halte diese staatlich miterzeugten Terrorgefahren für einen Stabilitätsmechanismus des Staates, der dann im öffentlich wirksamen Bewältigungsprozess sich selbst relegitimiert.

    PS: Gibt Holger Apfel jetzt auch Gas?

  2. Die Geschichte mit den Döner-Morden ist doch mehr als seltsam. Erst einmal haben nun die Medien ein Thema, um vom Euro abzulenken. Dann dieser Quatsch mit dem Terrorismus. Da hätte es Öffentlichkeit bedurft und sicherlich andere Ziele. Warum die Polizisten? Warum taucht auch erst jetzt so ein Bekennervideo auf? Konnten die Täter so etwas tatsächlich selbst herstellen? Woher kommen die darin verwendeten Fotos? Bei der ganzen Unterwanderung soll es keine Hinweise gegeben haben? Warum erst jetzt der Selbstmord und warum? Insgesamt alles sehr konstruiert. Man hatte bei der Berichterstattung das Gefühl, daß den Leuten richtig ein Stein vom Herzen gefallen war. Endlich, da haben wir die braune RAF. Unsere Stellen sind auf Jahre gesichert und unser Wirken hat einen Sinn. Wir haben es ja immer gesagt usw…

  3. An diesen »Döner-Morden« ist von vorne bis hinten etwas erz- und oberfaul…!

  4. Anti Michel

    Ziertat: „Zu den “Döner-Morden” muß man nur eins sagen: Das ist einfach nur krank.“
    Genaus. Wie viele Dönerbäcker will man noch befördern, um im Himmel feine reine Rassenparties zu feieren? Ich finde, in Deutschland verdienen wir dönerbefreite Zonen, südlich und nördlich der Icke-Linie. Hoch die Bratwurscht mit Sauerkraut.

  5. Naja, eher gemässigt – wenn man den Apfel über die letzten 20 Jahre beobachtet dann entsteht der Eindruck daß das ein fauler brauner Apfel ist 😉 Der Fini der NPD ist er gewiß nicht, und das möchte er wohl auch nicht sein. Es ist natürlich eine Riesendummheit als NPD den Slogan »Gas geben« zz benützen, von daher hat der Apfel schlichtweg etwas mehr Sinn für die Realität der Udo Voigt inzwischen verlorengegangen ist. Die NPD befindet sich so oder so in einer geschichtlichen Sackgasse. Es mag Raum für eine wie auch immer geartete rechte Partei geben, aber nicht für die NPD oder einen wie auch immer gearteten Reformnationalsozialismus.

    Zu dieser Zelle gibt es einige offene Fragen, indessen würde ich ihr die Eigenschaft als Terrororganisation nicht absprechen, es gibt ja diesen Film.

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