Anstoß

Die Errungenschaften des christlichen Abendlandes

Gibt es ein christliches Abendland? Nach Meinung des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof aus München/Freising, Kardinal Marx, wohl nicht. Dieser Begriff sei „ausgrenzend“. Vielmehr sollte man sich dafür stark machen, „daß verschiedene Religionen mit jeweils eigenen Wahrheitsansprüchen friedlich zusammenleben“ könnten in dem Gebiet, was manch einer als christliches Abendland bezeichnet.

Zunächst einmal ist es nicht verwunderlich, wenn ein sogenannter geistlicher Würdenträger nachkonziliar-relativistischer Prägung von seiner eigenen Religion so wenig hält, dass er diverse Wahrheitsansprüche als offenbar gleichwertig betrachtet. Wie soll der eigene Wahrheitsanspruch denn noch überzeugen, wenn er letztlich nicht mehr als einer unter vielen ist? Diese theologische „Entgleisung“ des Herrn Marx steht aber auch symptomatisch für eine Zeit, die sich offenbar der eigenen Wurzeln schämt.

Ständig sind jene populärwissenschaftlichen Geschichtsblätter, die an jedem Bahnhofskiosk zum Erwerb ausliegen, voll von Artikeln über die rückständige katholische Kirche, mordende Christenhorden und engstirnige Päpste. Auch wird keine Gelegenheit ausgelassen, den christlichen Einfluss auf die heutige europäische und westliche Zivilisation kleinzureden. Gibt es jedoch Aspekte und Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Lebens und Denkens, welche ohne das Christentum und dessen Wirkgeschichte nicht vorstellbar wären? Wie christlich ist eigentlich das Abendland?

Die drei Hügel Europas

Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss hat einmal bemerkt, Europa sei auf drei Hügeln erbaut: dem Areopag, dem Forum Romanum und dem Hügel Golgatha. Und ohne letzteren wären die ersten beiden in Vergessenheit geraten. Schließlich waren es die christlichen Klöster, die in Europa die viele Errungenschaften der Antike – wie die Literatur – konservierten, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt zur neuen Blüte erwachen konnten.

Apropos Klöster: Keine Zivilisation ohne das christliche Mönchstum. War es nicht selbiges, welches überall in Europa wildes Land kultivierte, Wald und Sümpfe in fruchtbaren Ackerboden verwandelte? Ein Beispiel ist das Kloster Citeaux, das zu Beginn des 12. Jahrhunderts in Burgund gegründet wurde und später einen maßgeblichen Beitrag an der klösterlichen Reformbewegung hatte.

Ein weiteres Beispiel ist der irische Wandermönch Kolumban von Luxeuil, der im 6. und zu Beginn des 7. Jahrhunderts vor allem in Frankreich tätig war. Er gründete einige Klöster und trug überhaupt wesentlich zur Christianisierung bei. Das Leben, in den von ihm gegründeten Klöstern war zwar sehr hart – es gab nur eine Mahlzeit am Tag und an drei Tagen der Woche sogar gar nichts zu essen – dennoch erfreute sich das Klosterleben vor allem bei jungen Adligen enormer Beliebtheit. Jedenfalls traten Grafensöhne scharenweise in selbige ein, so dass die Konvente oft mehrere hundert Mönche zählten. Galt doch in dieser Zeit der Eintritt ins Kloster auch als Eintritt in die gebildete Welt. Dort lernte man Lesen und Schreiben, sowie Einsicht in die antike Literatur.

Glaube und Vernunft

Glaube und Vernunft waren nun auch keine Gegensätze mehr. Dass der Glaube vernünftig ist und alle Vernunft letztlich auf Glauben beruht, ist keine Erkenntnis der Aufklärung. Schon Augustinus wusste das und suchte dies in seinem Monumentalwerk „de civitate Dei“ zu fassen. Im Übrigen: Auch die Vorstellung, der Staat sei kein Selbstzweck, sondern habe lediglich die Aufgabe, seinen Bürgern das bestmögliche Leben zu ermöglichen, stammt aus der Feder Augustins – ganz im Gegensatz zum Staatskult der Römer.

Der Sozialstaat – ebenfalls eine christliche Errungenschaft. Die Sorge um alle Mitglieder der Gemeinschaft, unabhängig ihres Standes ist nicht zuletzt ein Grund, warum sich das Christentum in der Antike wachsender Beliebtheit erfreute – trotz Verfolgung. Auch war es die katholische Kirche, die sich jahrhundertelang fast allein um die Armen, Kranken und Waisen kümmerte. Das Spital als Institution taucht erstmals im 5. Jahrhundert in Konstantinopel auf und wurde vom dortigen Bischof gegründet.

Auch die Neuzeit kennt Geschichten wie diese. Erwähnt seien die Namen Johannes Bosco, Vinzenz von Paul und Adolf Kolping. Ebenso waren es christliche Missionare, die überall auf der Welt Schulen gründeten, um den Einheimischen grundlegende Bildung beizubringen und somit wesentliches zur Zivilisierung der Welt.

Der Krankengott

Das neue Sozialverständnis des Christentums im Gegensatz zu der damals heidnischen Umwelt resultiert aus dem gegensätzlichen Menschenbild. So wurde der Mensch in der Antike auch für groß gehalten. Als Mensch im eigentlichen Sinne galt jedoch nur der Freie. Unfreie und Sklaven waren außen vor. Die Christen hingegen kümmerten sich um alle gleichermaßen, inspiriert durch das Auftreten Jesu den Armen gegenüber. Den Römern wie Griechen war so etwas nicht bekannt. Nietzsche, der das antike Menschenbild hochhielt mit seiner Vorstellung von der Ungleichwertigkeit der Menschen, sprach nicht umsonst abfällig vom „Krankengott“.

Ebenso die Idee von universellen Menschenrechten ist christlich. Die Vorstellung, allen Menschen komme eine grundsätzliche Würde zu, resultiert aus der Vorstellung der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Damit gilt jedoch auch „defektes“, behindertes Leben als würdevoll. Was in der Antike unvorstellbar war. Wer die Geschichte der Antike auch nur ein bisschen kennt, wird wissen, wie tief der Bruch zwischen dem antiken und dem christlichen Menschenbild war. Erschreckenderweise zeigt unsere „moderne“ Gesellschaft ähnliche Züge, wenn offen über Sterbehilfe, Abtreibung und Präimplantationsdiagnostik diskutiert wird: All diesen Diskussionen liegt zumindest unterschwellig eine Einteilung in „wertes“ und „unwertes“ Leben zugrunde.

Gottgewollte Arbeit

Auch unser Verhältnis zur Arbeit ist christlich geprägt. Denn in der vorchristlichen Zeit war in den europäischen Hochkulturen Arbeiten durchweg negativ geprägt. So beispielsweise das altgriechische Wort „ponos“, was mit Arbeit übersetzt werden kann, eigentlich aber Pein oder Schmerz heißt. Der Freie, der vollwertige Mensch musste nicht arbeiten. Das war den Sklaven vorbehalten. Im Gegensatz dazu Paulus, der in seinem zweiten Thessalonicherbrief schreibt, er verdiene sich seinen Lebensunterhalt selbst, damit er niemandem zulasten falle. Und auf die Frage, ob man arbeiten solle, erwidert der Apostelfürst: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ (2. Thess. 3,10)

Das hört sich doch schon ziemlich „modern“ an. War damals jedoch nicht selbstverständlich. Diese Geisteshaltung trugen vor allem Klöster nach Europa. So das berühmte „ora et labora“ der Benediktiner. Von den Klöstern strahlte diese Aussage der gottgewollten Arbeit nach und nach auf die Umgebung aus. Auch Augustinus bezeichnet Arbeit als „Erheiterung“ (exhilaratio), als Gelegenheit, den Menschen aus seiner Selbstbezogenheit und seinem Trübsal zu reißen.

In der Arbeitsphilosophie des Mittelalters wird nach christlicher Vorstellung in die einerseits positive Muße (otium) und andererseits in den verachtenswerten Müßiggang (otiositas) als „aller Laster Anfang“ unterschieden. Auch diese Geisteshaltung ist heute verinnerlicht, obwohl der Großteil der Menschen nicht weiß, dass diese zutiefst christlich ist.

Linear statt zyklisch

Jedoch ist auch unser Zeitverständnis christlich geprägt. Ein lineares Zeitverständnis setzte sich zugunsten des alten, zyklischen Zeitverständnisses durch und ermöglichte so erst die grundlegende Möglichkeit der nachhaltigen Veränderung und des Fortschritts.

Endlich auch unsere ach so geliebte Demokratie wäre ohne jenen Jesus von Nazareth nicht möglich. Dazu Robert Schuman (1886-1963), französischer Staatsmann und einer der Väter der Europäischen Union: „Die Demokratie verdankt ihr Bestehen dem Christentum. Sie entstand an dem Tage, wo der Mensch dazu berufen wurde, in seinem irdischen Leben die Würde der Persönlichkeit durch individuelle Freiheit, die Achtung der Rechte jedes einzelnen und die Ausübung der Bruderliebe gegen alle zu verwirklichen. Vor Christus waren solche Ideen noch niemals formuliert worden. Somit ist die Demokratie durch die Doktrin und chronologisch an das Christentum gebunden.“

Glaube und Naturwissenschaft

Wir bilden uns heute viel auf unsere Naturwissenschaft ein. Sie mache den Glauben überflüssig, weil wir mit wissenschaftlichen Methoden irgendwann einmal das ganze Universum ergründet haben werden – so zumindest der Trugschluss. Verschwiegen wird hingegen, dass moderne Naturwissenschaft auf einem christlichen Naturverständnis beruht.

In der Antike vermutete man noch hinter jedem Busch und jeder Blume eine eigene Gottheit. Die Römer hatten allein für das Wachsen des Weizens auf den Feldern dutzenden Göttern zu danken. Erst die Vorstellung der Natur als Schöpfung Gottes entzauberte diese soweit, dass naturwissenschaftliche Methoden anknüpfen konnten.

Wer einzelne Aspekte in der Geschichte der katholischen Kirche kritisiert, sollte sich dem nicht verschließen, was er selbst dem „Christengott“ zu verdanken hat. Ob er nun an ihn glaubt oder nicht, sei dahingestellt. Denn das heutige Europa, das heutige Abendland ist ohne eine 2000-jährige Kirchengeschichte nicht vorstellbar.

(Bild: Frauenkirche München)


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