Rezension

„Die Exkommunikation Luthers aus rechtshistorischer Perspektive“

Als 2017 das Luther-Jubiläum – 500 Jahre Reformation – von den evangelischen Landeskirchen begangen wurde, hat sich auch der eine oder andere deutsche katholische Würdenträger wohlwollend über ihn zu Wort gemeldet. „Wir können von Martin Luther lernen“, sagte beispielsweise Kardinal Kasper. Kardinal Lehmann nannte den Reformator sogar ein „Vorbild im Glauben“.

Nun, auch im vergangenen Jahr wurde ein „Luther-Jubiläum“ begangen, allerdings weitestgehend am Bewusstsein der Öffentlichkeit vorbei: Am 3. Januar 1521 wurde Martin Luther durch Papst Leo X. exkommuniziert. Dieses Jubiläum hat der katholische Theologe Josef Otter zum Anlass genommen, eine Arbeit über den Lutherprozess, der Causa Lutheri, von 1517 bis 1521, zu schreiben und dabei vor allem der Frage nachzugehen, ob eine Aufhebung des Lutherbannes – wie seit dem 2. Vatikanischen Konzil immer wieder von Theologen gefordert – aus rechtshistorischer Perspektive tatsächlich das Verhältnis zwischen den christlichen Konfessionen im Zuge einer ökumenischen Annäherung verbessern würde.

Obwohl es sich bei dem Werk „Die Exkommunikation Martin Luthers aus rechtshistorischer Perspektive“ (2021) um eine Dissertation und damit vor allem einem Fachpublikum gewidmete Arbeit handelt, kann dennoch auch der interessierte Laie einen großen Mehrwert daraus ziehen. In drei Teilen – chronologische Beschreibung der Causa Lutheri, allgemeine Untersuchung des damals gültigen kanonisch-rechtlichen Rahmens, schließlich Synthese der beiden ersten Teile – entfaltet der Autor in flüssiger Sprache und präziser Schilderung die ganze Problematik des Lutherprozesses.

Otter konstatiert, dass Luther seitens der katholischen Kirche seit der Aufnahme des Prozesses zum Jahresende 1517 bis zu seiner endgültigen Exkommunikation im Januar 1521 zahlreiche Gelegenheiten gegeben wurden, zu widerrufen und sich der Hierarchie zu unterwerfen – etwas, wozu Luther selbst in einigen Briefen immer wieder seine Bereitschaft erklärte, vorausgesetzt, man würde ihm sein Unrecht nachweisen.

Katholische Nachsicht

Präzise sind die mannigfaltigen Versuche seitens der katholischen Kirche geschildert, die Umkehr des Reformators zu erwirken. Sie war sich dazu auch nicht zu schade, mit äußerster Milde und Nachsichtigkeit gegenüber Luther zu agieren. Ebenso werden die Bruchlinien in Luthers Denken deutlich herausgearbeitet. Dadurch wird dem Leser ersichtlich, dass die Richtung, die Luthers Denken eingeschlagen hatte, ihn immer weiter von der katholischen Position entfernte und damit eine Einigung am Ende unmöglich machte.

Letztlich ließ der Wittenberger Professor jedoch keine Begründung gelten, weder von der Kommission, die der Heilige Stuhl für die Causa Lutheri einrichtete, noch die ausführlichen Urteile der theologischen Fakultäten der Löwener und Kölner Universitäten. Nach der Verbrennung der päpstlichen Bannandrohungsbulle und des gesamten Corpus Iuris Canonici seitens Luther im Oktober 1520 als Antwort auf den päpstlichen Befehl zu widerrufen, war für Martin Luther in der römisch-katholischen Kirche kein Platz mehr.

Josef Otter setzt den pathetischen Aussprüchen Lehmanns und Kaspers sein nüchtern gehaltenes Buch entgegen, was dadurch vielleicht nur umso überzeugender ist. So ist es für den Autor bei allen ökumenischen Überlegungen keineswegs zielführend, den Lutherbann aufheben zu wollen. Denn dies würde die auch weiterhin bestehenden „Differenzen und Folgen des Bruchs“, die der Augustinerprofessor seiner „mit großer Bestimmtheit selbstgewählte(n) Abkehr von der hierarchisch verfassten Kirche“ in Kauf nahm, nicht überwinden können. Ganz im Gegenteil!

Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die einen tieferen Blick in die genaueren Zusammenhänge zwischen 1517 und 1521 werfen wollen, auf dem neuesten Stand der historischen Forschung. Nicht zuletzt Protestanten und katholischen Befürwortern eines weitergehenden Ökumenismus sei dieses Werk des Domvikars Dr. Josef Otter aus Vaduz (Liechtenstein) ans Herz gelegt. Nach der Lektüre wird klar: Martin Luther kann keinesfalls das Fundament eines wie auch immer gearteten ökumenischen Dialogs sein.

OTTER, Josef: Die Exkommunikation Martin Luthers aus rechtshistorischer Perspektive, St. Ottilien 2021.

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