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Die ganze Wahrheit

Warum die Meinungsfreiheit eine inhaltsleere Ikone der Demokratie ist, erklärt Gereon Breuer in seinem neuen Buch.

Junges, unabhängiges und freies Denken zu fördern, ist die Kernaufgabe der Blauen Narzisse. Normalerweise müßten große Zeitschriften und Verlage nonkonforme Nachwuchsdenker im Windschatten großer Namen mitziehen und ihnen im Schutzraum der Jugend eine freie Entfaltung ermöglichen. Doch von diesem Ideal sind wir weit entfernt. Schlimmer noch: Auch die Schulen und Universitäten üben einen enormen Druck auf junge Menschen aus, damit sie ihre Meinungen an den Mainstream anpassen.

Zehn Bücher in vier Jahren von jungen, nonkonformen Autoren

Aus diesem Grund ist die Meinungsfreiheit seit über zwölf Jahren eines unserer wichtigsten Themen und Anliegen. Unser Autor Gereon Breuer hat nun ein Buch über sie geschrieben. Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (100 S., 8,50 Euro) ist bereits der zehnte Band unserer Schriftenreihe BN-Anstoß, die nun seit vier Jahren besteht. Es gibt in Deutschland außer uns keinen einzigen Verlag, der gezielt junge, nonkonforme Denker fördert und es ihnen ermöglicht, kleine Bücher zu schreiben.

Breuer hat für uns bereits ein Büchlein über Geopolitik beigesteuert. In seiner Neuerscheinung Die ganze Wahrheit unterscheidet er die Meinungsfreiheit als Ideal aller, die sagen wollen, was sie denken, und Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument. Er erklärt damit, wie die Debattensimulation in Deutschland unter dem Deckmantel des demokratischen Pluralismus funktioniert. Diese verfahre nach dem Prinzip, den Massen ein paar angebliche Außenseiter (z.B. Jan Böhmermann) zu präsentieren, die belegen sollen, daß jeder alles – und dabei insbesondere den größten Humbug – sagen darf.

Ein virtueller 24-Stunden-Stammtisch

Gerade im Zeitalter des Internets hat tatsächlich jeder die Möglichkeit, rund um die Uhr die Welt mit seinen eigenen Standpunkten zu versorgen. Meinungsfreiheit ist damit aber noch lange nicht hergestellt, betont Breuer. Es reicht nicht aus, wenn im Zirkus hin und wieder ein Clown auftreten darf und die Bürger einen virtuellen 24-Stunden-Stammtisch in den Sozialen Netzwerken betreiben dürfen, denn all das ist folgenlos.

Die Meinungsfreiheit hätte in der Demokratie nur eine Bedeutung, wenn die richtige Beschreibung der Wirklichkeit zu politischen Konsequenzen führt. Genau das ist aber leider nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Konstruktivismus der Medien und wissenschaftlichen Mode hat einen von der Wirklichkeit total abgekoppelten Wahrheitsbegriff etabliert. „Es ist vielmehr meistens so, daß die Meinungen, die in der Medienöffentlichkeit stigmatisiert werden, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit der Wirklichkeit entsprechen, als jene, die dem medialen Hauptstrom angepaßt sind“, so Breuer.

Wahrheit, Wirklichkeit und die Lücken der Medien

Der Kampf für die Meinungsfreiheit gewinnt damit erst seinen Sinn, wenn er zugleich um die Wahrheit ringt. Meinungsfreiheit kann eben gerade nicht bedeuten, daß sich jeder – frei nach Pippi Langstrumpf – die Welt machen kann, wie es ihm gefällt. Sie ist vielmehr eine Verpflichtung, daß denjenigen zugehört werden muß, die schlüssig, logisch und fair argumentieren. Nötig ist es dazu, über die Vorannahmen des eigenen Denkens zu sprechen. Dies blenden gerade die Massenmedien aus. In ihnen kommen deshalb fast ausschließlich nur „Experten“ zu Wort, die sich schon auf einen linksliberalen Grundkonsens geeinigt haben.

Durch diese Vorauswahl der Meinungen, die politische Korrektheit sowie das Verbot bestimmter Ansichten aufgrund angeblicher „Volksverhetzung“ wird die Meinungsfreiheit zu einer inhaltsleeren Ikone der Demokratie. Gereon Breuer ist es gelungen, darüber ein intellektuell anspruchsvolles Buch zu schreiben. Statt das bekannte Klagelied über den Verlust der Meinungsfreiheit anzustimmen, hat er sich mit dem philosophischen und religiösen Wahrheitsbegriff beschäftigt und knüpft an so unterschiedliche Autoren wie Colin Crouch (Postdemokratie), Byung-Chul Han (Müdigkeitsgesellschaft), Hans-Hermann Hoppe, Peter Sloterdijk und Slavoj Žižek an.

Dabei gelangt er zu ungewöhnlichen, provokanten, aber in jedem Fall nachvollziehbaren Schlußfolgerungen, über die diskutiert werden darf. Im Gegensatz zum „Regierungsjournalismus“ (Wolfgang Herles) geht es uns dabei um eine Debatte, die sich nicht mit unwesentlichen Details beschäftigt, sondern sich ums Ganze dreht. Breuer hält es für notwendig, die Systemfrage zu stellen, und wir sagen: Die Diskussion ist eröffnet.

Gereon Breuer: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument. BN-Anstoß X, 100 S., 8,50 Euro. Chemnitz 2016. Hier bestellen!

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

3 Kommentare

  1. katia Stendahl

    „Der Kampf für die Meinungsfreiheit gewinnt damit erst seinen Sinn, wenn er zugleich um die Wahrheit ringt.“

    Das Ringen um Wahrheit setzt die Meinungsfreiheit voraus. Das ist glaube ich der entscheidende Punkt. Erst durch den Widerstreit um Argumente kommt die Wahrheit zu Tage.
    Nikolaus fest hat das schön ausgedrückt, indem er gesagt hat. Die Meinungsfreiheit ist der Lügendetektor der Demokratie.

    https://www.youtube.com/watch?v=JAu6nnEoi5g

  2. Sehr treffend formulierter Artikel. Die Unterscheidung zwischen „Meinungsfreiheit als Ideal aller, die sagen wollen, was sie denken“ zum einen und „Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument“ zum anderen hat eine ältere Parallele: Neil Postmans Unterscheidung zwischen zwei grundlegend verschiedenen Zukunftsvisionen:
    1) Orwells „1984“: Die Wahrheit wird vor uns verheimlicht.
    2) Huxleys „Brave New World“: Die Wahrheit geht in einem Meer von Belanglosigkeiten unter; und die Menschen werden dadurch kontrolliert, dass man ihnen Vergnügungen bereitet.
    Die viel gepriesene Meinungsfreiheit, in der Relevantes – wie z.B. der Unterschied zwischen Flucht und Migration (als Oberbegriff) – untergeht, entspricht dem ‚Meer von Belanglosigkeiten.‘

  3. Martin Schiller

    Richtig gutes Buch!

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