Alter Blog

Die Kriegsschauplätze in der kybernetischen Gegenwart

Mit Peter Sloterdijk habe ich schon einmal darauf hingewiesen, daß wir die Gegenwart nur mit einer »Theorie unwahrscheinlicher Großkörper« begreifen können.

Die Theorie der Großkörper bildet ein Kompositum aus Streßtheorie, Medientheorie, Kredittheorie, Organisationstheorie und Netzwerktheorie.

Aufgrund der Wichtigkeit dieser Felder lösen sich Gegensätze wie »links« und »rechts« zunehmend auf, auch wenn es natürlich noch Unterschiede zwischen ihnen gibt. Aber der entscheidende Zugang zu unserer Gegenwart liegt eben woanders. Wir finden ihn nicht, wenn wir uns zu sehr von der NSU, Christian Wulff, Gender Mainstreaming, dem Schuldkult und anderen oberflächlichen Themen ablenken lassen.

Die neuen Eroberer, diejenigen, die wir hier Kybernetiker nennen, bilden keine organisierte Partei – was uns die Sache viel leichter gemacht hätte –, sondern eine diffuse Konstellation von Akteuren, die von ein und derselben Fabel angetrieben, besessen und geblendet sind. Sie sind die Mörder der Zeit, die Kreuzritter des Ewiggleichen und die Liebhaber der Schicksalsergebenheit.

Ich habe hier eben aus dem Pamphlet Kybernetik und Revolte des anonymen französischen Autorenkollektivs TIQQUN zitiert. Der 2001 erstmals erschienene Text beschäftigt sich mit den verborgenen Machtstrukturen der globalisierten Welt, in der keine Persönlichkeiten mehr herrschen, sondern Dispositive, die sich ständig verschieben und immer nur kurzzeitig zu erkennen sind. Das Perfide daran: Genau in dem Moment, wo wir glauben, das System sei am Einstürzen oder irgendeiner der Köpfe breche weg, erneuert es sich im Eiltempo über eine andere Herrschaftstechnologie. TIQQUN betont, Kybernetik sei eine »Kriegskunst, deren Ziel darin besteht, im Katastrophenfall den Kopf des Gesellschaftskörpers zu retten.“

Die Eliten sind austauschbar. Sie geben dem System nur das menschliche Antlitz. In ihre Positionen kommen sie nur, wenn sie bereit sind, sich selbst zuerst zu unterwerfen, um dann andere zu unterwerfen. TIQQUN nennt diese Sorte Mensch »Bloom«.

Eingespannt in den Schraubstock einer gleichermaßen totalisierenden und individualisierenden Kontrolle und bis auf die Haut bedrängt von einem doppelten Zwang, der uns mit der gleichen Bewegung, mit der er uns ins Dasein erhebt, zum Erlöschen bringt, entscheiden sich die meisten von uns für eine Art der Politik des Verschwindens: den inneren Tod vortäuschen und, wie der Gefangene vor dem Großinquisitor, kein Sterbenswörtchen sagen.

Deshalb ist es ein Irrglaube, gegen dieses System mit stillem Protest etwas ausrichten zu können. Wer still ist, bestätigt gerade dieses System, was wie jeder Totalitarismus darauf aus ist, den Menschen zu einer fleischlosen Hülle zu machen:

Jeder muß zu einer fleischlosen Hülle werden, zum bestmöglichen Leiter der gesellschaftlichen Kommunikation, zum Ort einer unendlichen Rückkopplung, die reibungslos vonstatten geht. Der Kybernetisierungsprozeß vollendet somit den „Zivilisationsprozeß“, bis hin zur Abstraktion der Körper und ihrer Affekte im Reich der Zeichen.

Roland Woldag hat im Gespräch mit mir darauf vertraut, daß dieses System den Keim zur Selbstvernichtung in sich trägt und früher oder später kollabiert, ohne daß wir etwas dazutun müssen. Diesen Optimismus sehe ich sehr skeptisch, weil mir dazu die historischen Vorbilder fehlen. Vielmehr treten doch immer in einem chaotischen Zustand verschiedene Gruppen hervor, die das Machtvakuum einnehmen wollen. Im kybernetischen Zeitalter hat sich dieser früher revolutionäre Vorgang verstetigt.

Die Kybernetik ist folglich darauf ausgerichtet, zu beunruhigen und im gleichen Zuge zu kontrollieren. (…) Der Notstand, der das wesentliche Merkmal der Krisen ist, ermöglicht es, die Selbstregulierung anzukurbeln, sich selbst als permanente Bewegung in Gang zu halten.

Das Autorenkollektiv TIQQUN sieht daher nur einen Ausweg:

Den Prozeß der Kybernetisierung zum Scheitern zu bringen und das Empire zu stürzen verläuft über eine Öffnung für die Panik.

Die Frage lautet also: Wollen wir diese auslösen oder fürchten wir uns vor ihrer Unbeherrschbarkeit?

Verwandte Themen

Gastgeber und Gäste Dieses Werk ist eine um mehr als das Doppelte erweiterte Neuauflage eines vernachlässigten Buches, das bereits 1994 unter demselben Haupttitel erschie...
Wissenschaftliche Ethik? Rolf Peter Sieferle beschreibt in seinem Buch „Das Migrationsproblem“ den Konflikt zwischen normativer Ethik und empirischer Moral. Er verdeutlicht di...
Die Kulturschaffenden und die Politik Aus der liberalen Nichteinmischungsdoktrin ergibt sich das grundsätzliche Problem des politischen Engagements von Intellektuellen und Künstlern. ...

1 Kommentar zu “Die Kriegsschauplätze in der kybernetischen Gegenwart

  1. Nazi-Crust fuck off!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo