Gesichtet

Die Maske der Verschwörungen

Warum denken Menschen, die satanische Elite würde Kinderblut trinken, um dadurch ihr Leben zu verlängern? Warum glauben Leute daran, dass Regierungen, besser die sogenannte New World Order, Chemikalien per Flugzeug versprühen lassen würde oder aber, dass als Menschen getarnte humanoide Echsen in die Machtpositionen dieser Welt einsickern würden.

Zugegeben, ausgeschlossen ist das alles genauso wenig, wie dass das eigene Leben eine Simulation in der Art von der Truman Show über ein The Village-artiges Szenario bis hin zu einer Matrix-gleichen Täuschung oder gar noch Absurderes ist. Hillary Putnam und René Descartes lassen grüßen. Aber auch, dass all diese Vorstellungen ausgehend von dem, was wir wissen, oder zumindest für Wissen halten, sehr absurd sind und nahezu allem uns bekannten widersprechen, ist offensichtlich. Doch woher kommt die Begeisterung über, aber auch die Furcht vor diesen Dingen?

Wahre Verschwörungen

Nun gibt es tatsächlich Verschwörungen, Geheimes, sermones sinistri oder sonst irgendwie Verborgenes und die Verfechter der von der Allgemeinheit mehr oder minder anerkannten „Wahrheit“ sollten sehr vorsichtig sein, wenn sie sich geradezu reflexartig über jene, die als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden, lustig machen. Gerade dann, wenn ungeachtet dessen, was verlautbart wird, dieses als Unfug abgetan wird, da es nicht der momentanen offiziellen Meinung entspricht.

Allzu oft haben sich Verschwörungen als wahr herausgestellt. Caesar wurde von Senatoren ermordet. Die Bartholomäusnacht ist geschehen. Die von britischen und US-amerikanischen Geheimdiensten verlautbarte Verschwörungstheorie, der Irak arbeite 2003 an Massenvernichtungswaffen oder sei gar im Besitz dieser, erwies sich als Verschwörung der Koalition, um den Einmarsch in den Irak politisch besser rechtfertigen zu können und eine lange vor den Enthüllungen Edward Snowdens kursierende Furcht, Geheimdienste könnten Zugriff auf allerlei elektronische Daten haben und diesen hemmungslos nutzen, bestätigte sich.

Sicher soll diese unvollständige Aufzählung keineswegs den Schluss nahelegen, eine jede Verschwörungstheorie sei wahr. Aber es ist eben auch nicht jede Verschwörungstheorie unwahr, welche nicht von der sich Allwissenheit anmaßenden Stimme der Etablierten genehmigt wurde. Sicher, das schafft Unsicherheit und es zwingt aufgrund des eigenen Unwissens in vielerlei Fachfragen dazu, sich auf die zu verlassen, denen man am meisten Glauben schenkt. Leider ist auch das nicht immer die beste Wahl.

Anonymität der Machtstrukturen

Die modernen Herrschaftssysteme, gerade jene, die von sich behaupten demokratisch zu sein, bringen eine gewisse Anonymität der Machtstrukturen und einen häufig sehr formellen bürokratischen Ablauf mit sich. Zumindest auf dem Papier scheint ein jedes Bürgerrecht bedacht und sinnvoll beachtet worden zu sein. Kaum ein Amtsinhaber, ob nun gewählt oder eingestellt, kann alleine für einen Missstand verantwortlich gemacht werden.

Das so häufig zu hörende „Merkel muss weg“ ist besserenfalls ein Versuch, die machtlose Wut auf einen anonymen Staat zu personalisieren, schlechterenfalls eine Offenbarung der Unkenntnis des Rufers über das politische System, welches er gerade kritisiert. Heute kann, wenn überhaupt, nur selten ein grausamer antigonischer Tyrann, ein inkompetenter Fürst, ein gieriger ausbeuterischer Fabrikbesitzer oder ein machtbesessener, unnötig aufrührerischer Demagoge benannt oder gar zur Rechenschaft gezogen werden.

Doch scheint es da ein Unbehagen zu geben, über das was geschieht. Dieses Unbehagen über die Entwicklung der sogenannten westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten ist gewachsen. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 hat das Bild des strahlenden Siegers des Kalten Krieges Risse bekommen. Freilich mag der eine oder andere Haarriss schon lange vorher da gewesen sein.

Die Finanzkrisen, die Flüchtlingskrise und nun die Coronakrise haben die sich auftuenden Spalte noch weiter vertieft. Die Schar der Unzufriedenen, derer, die gegen das Handeln der Herrschenden, welches kaum sichtbare Ergebnisse zum Vorteil der Unzufriedenen, ganz zu schweigen von befriedigenden Lösungen brachte, ist mit jedem neuen Notstand gewachsen. Immer mehr von denen, die an das System und an die Autoritäten glaubten, haben sich der Masse derer, die dagegen sind, angeschlossen.

Doch wohin mit all dem Frust, dem zerstörten Vertrauen und dem verlorenen Glauben daran, dass die da oben schon das Richtige tun? Ein einzelner Verantwortlicher oder wenigstens eine Institution, die alles das, was schiefgegangen ist, verbockt hat, ist nur schwerlich auszumachen. Zumal viele der wirtschaftlichen und politischen Systeme des Westens in ihrer Gänze ohnehin im Niedergang zu sein scheinen. Kaum zu glauben ist die Gier, die Inkompetenz und die häufig immensen Schaden anrichtende eitle Schacherei um Bezüge, Gehälter und Ruhm, den bestenfalls die eigene Oma anerkennt. Kaum zu glauben ist, dass hinter all dem keine bösartige Absicht, kein weitreichender Plan, sondern nur dumpfes Versagen stehen sollen.

Unbehagen über das Versagen der Mächtigen

Der anonyme Staat und die zergliederte Wirtschaft, deren Verflechtungen und Organisation sich den meisten normalen Menschen entziehen, sind kaum verstandesmäßig fassbar, nicht gefühlsmäßig zu begreifen. Die Verschwörer eines machiavellistischen Planes, welcher mehr Finsternis in die Welt bringen soll, allerdings schon. Sehr leicht geben sich viele derer, die nicht viel mehr als Misstrauen, Verachtung und zuweilen Furcht vor ihren Eliten empfinden, dem Trug hin, dass die Welt aus klar abzugrenzenden Mächten bestünde.

Hinter der Maske der satanischen Kinderblutnascher stecken nicht zwingenderweise die zweifellos bösartigen Anhänger des Antichristen, welche unser aller Zukunft, den schützenswertesten unserer Gesellschaft das Lebenselixier aussaugen wollen. Dies wäre im Übrigen eine vortreffliche Missachtung vom 1. Mose 9,4 und erhält damit zusätzlich eine satanische Aufladung. Wer wie ich Atheist ist, der wird ohne viel Mühe erkennen, dass es sich viel wahrscheinlicher um das in Bild gegossene Unbehagen über das Versagen der Macht handelt. Die Macht derer, die, wenn sie auch als Einzelne nicht auszumachen sind, doch im Ganzen in den Augen jener, für die sie Verantwortung tragen, versagt haben.


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