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Die Ordnung des Diskurses

foucaultIIIch bin positiv überrascht über die Resonanz auf meinen ersten Beitrag über Foucault. Sowohl linke als auch rechte Kommentatoren haben sich an der Diskussion beteiligt. Einige Kommentare mußte ich leider löschen, weil ich Beleidigungen und übertriebene Fäkalsprache nicht dulde.

Nun werfen mir die linken Kommentatoren vor, ich dürfe Foucault nicht zitieren, weil er kein Rechter war. Die rechten Kommentatoren hingegen verhalten sich nicht besser und schmeißen den Linken entgegen, sie würden sich als Diskussionspartner durch ihre Haltung und ihren Stil selbst disqualifizieren.

Dieses Verhalten berührt einen weiteren Aspekt des Werkes von Foucault, das ich als außerordentlich wichtig erachte: Die Ordnung des Diskurses. Diese Vorlesung vom 2. Dezember 1970 zeichnet sich dadurch aus, daß sie im Vergleich zu anderen Vorlesungen leicht und schnell verständlich ist. An einem Tag hat man den Text durchgearbeitet.

Foucault erläutert darin folgende These:

Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.

Dafür gebe es drei Prozeduren: Ausschließungen, Verbote und die Unterscheidung zwischen wahr und falsch. Sie wirken sowohl institutionell (auf der Ebene der Bildung, Verlage, …) als auch als Schere im Kopf. Die Kontrolle des Diskurses sei weiterhin dadurch gewährleistet, daß eine »Verknappung der sprechenden Subjekte« sichergestellt werde.

So viel zur Theorie. Was bedeutet das nun für uns? Es macht nur Sinn, einen Diskurs zu beginnen, wenn …

  1. wir vorher über unsere persönlichen Voraussetzungen aufklären. Das heißt: Schreiben unter Klarnamen und Angabe unserer politischen Verortung. Das ist auch der Grund, warum ich Scheindebatten, von wegen wir seien weder links noch rechts, sondern grundsätzlich ganz vorne, verachte. Solche Debatten sind ein Spiel mit der Maske. Mir kommt es darauf an, daß alle, die sich am Diskurs beteiligen, ihre Maske ablegen. Zur politischen Verortung noch ein Wort:  Selbstverständlich stehe ich rechts der Mitte. Aber diese Rechte ist eben vielfältig. Deshalb zur Konkretisierung: Ich bin entschieden pro-europäisch (und deswegen gegen die EU), konservativ im Sinne eines Bewahrens des Immer Gültigen und non-konform, weil ich trotz meiner Verortung ein Denken in starren ideologischen Blöcken ablehne.
  2. wir zum unberechenbar Ereignishaften und der bedrohlichen Materialität des Diskurses vordringen wollen. D.h. wir haben die Wahl, uns über Banalitäten zu unterhalten, oder so zu diskutieren, daß es um die Veränderung der Welt im konkreten – und nicht utopischen – Sinne geht. Die größte Bedrohung für einen solchen Diskurs, der auf Veränderung abzielt, sehe ich in den Ausschließungen der Skandalokratie und den Verboten, die durch Politische Prozesse manifestiert werden.
  3. wir uns der Ausschließungen entgegenstemmen, auch wenn wir wissen, daß sie nie aufgehoben werden können. Konkret muß sich dies in einem Eintreten für bedingungslose Meinungsfreiheit äußern. Nur wenn Linke und Rechte zusammen streiten und nicht übereinander herfallen, haben wir etwas aus den Analysen von Foucault gelernt. Wer diesen Schritt nicht geht, hätte sich die Lektüre auch sparen können.

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2 Kommentare zu “Die Ordnung des Diskurses

  1. Mauretanier

    Die Frage ist doch, was ein Diskurs mit auf grundsätzlicher Ebene Andersmeinenden bringen soll?

    Früher oder später stößt man auf axiomatische Annahmen, die charakterlich und nicht intellektuell begründet sind.

    Nur bei gleichen Grundlagen ist ein Diskurs erkenntnisfördernd.

  2. Igor Dromskajew

    Ich frage mich gerade,ob es einem Diskurs wirklich nützt,wenn man sich VOR dem Diskurs politisch offenbart.

    Wie würde ich reagieren, wenn ich weiß ein Hr. Apfel oder eine Frau Wagenknecht würde sich äußern? Wäre ich nicht bestrebt, deren Aussage sofort auch mit links oder rechts zu behaften`? Sie zu bewerten nach meinem Duktus,nach meinem Werteempfinden? »Wer frei von Vorteilen ist,der trete hervor.«

    Eine unvoreingenommene Auffassung ist einem Diskurs,der Früchte bringen soll, doch die unbedingte Voraussetzung.

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