Gesichtet

Die Welt ist verrückt nach Turnschuhen

Vom einfachen Arbeiter bis hin zum Topmodel und Manager, sogar in Dax-Vorständen ist er mittlerweile daheim: Der Turnschuh oder Sneaker.

Alle tragen ihn, alle lieben ihn, alle kaufen ihn. In zahllosen Varianten und „Stil“-Richtungen und dabei sind sie doch allen irgendwie gleich. Man könnte auch sagen, der Turnschuh verkörpert unseren postmodernen Lifestyle der beliebigen Austauschbarkeit.

Nun steht der Sneaker aber nicht nur für den von uns gepflegten massentauglichen Individualismus, sondern ist auch ein perfektes Beispiel dafür, wie dekadent, überfüllt und nicht-nachhaltig unsere Gesellschaft geworden ist. Früher ein Schuh, der außerhalb des Sportplatzes wieder in der Tasche verschwand, gibt es heute Zeitschriften, Internetseiten und Blogs, die sich ausschließlich mit dem Turnschuh beschäftigen. Die Sneakers sind längst gesellschaftsfähig geworden. Der Massenschuh für den Massenmenschen!

Accessoire des Massenmenschen

Masse ist dabei wörtlich zu verstehen. In Europa kauft jeder pro Jahr durchschnittlich 5,5 Paar Sneakers, in den USA – dem Vorzeigeland der Verschwendung und Dekadenz – sogar sieben. Das macht allein für das Jahr 2019 1,3 Milliarden verkaufte Sneakers. Um diesen ausufernden Hunger zu stillen, werden aktuell knapp 70 Millionen Paar Turnschuhe täglich hergestellt, täglich! Die Welt ist verrückt nach Sneakers.

Kein Wunder also, dass das „Turnschuh-Business“ mittlerweile ein Milliardengeschäft ist. 2019 wurde in der Turnschuhbranche ein Umsatz von 61,7 Milliarden Euro erwirtschaftet. Und dieser Markt explodiert. Wurden 2012 noch 30,4 Milliarden Euro Umsatz mit Turnschuhen gemacht, rechnen Prognosen 2025 mit rund 91 Milliarden Euro Umsatz. Das wäre eine Verdreifachung innerhalb von 13 Jahren!

Nike und Adidas

Das Schuhgeschäft läuft indes mehr oder minder monopolisiert ab. Allein die beiden größten Turnschuhhersteller, Nike und Adidas, teilen sich den Löwenanteil. Von insgesamt 61,7 Milliarden Euro Umsatz entfielen 22,3 Milliarden US-Dollar auf Nike und 14,6 Milliarden US-Dollar auf Adidas. Der größte Absatzmarkt sind die USA und China mit zweistelligen Milliardenbeträgen. Aber auch Deutschland ist mit mehreren Milliarden Euro jährlich dabei.

Darüber hinaus beträgt die Gewinnmarge bei diesem Produkt je nach Modell bis zu 50 Prozent des Gesamtpreises. Sneakers sind also längst Kultobjekt geworden. Man zahlt für einen Namen auf dem Schuh!

In den vergangenen Jahren sind immer wieder Dokumentationen erschienen, die auf die katastrophalen Zustände in der Kleiderproduktion in Fernost aufmerksam machen. Dort arbeiten Menschen unter schlechtesten Bedingungen für Hungerlöhne, damit wir hier im Westen T-Shirts für ein paar Euro kaufen können. Und auch mit der Umwelt wird es da nicht so genau genommen.

Giftige Chemikalien, die beispielsweise beim Färbeprozess anfallen, werden ungefiltert in Flüsse geleitet. Mit dem Ergebnis, dass ganze Landstriche veröden, Flüsse tot sind und Seen wie Kloaken riechen. Ganz davon abgesehen, dass diese Leute dort dann auf diesem giftigen Boden leben müssen. Insgesamt zählt die Kleidungsindustrie seit einiger Zeit als die umweltschädlichste.

Recycling unmöglich

Interessanterweise wird die Schuhproduktion hierbei meist ausgeklammert, obwohl die Herstellung von Sneakers umweltschädlicher ist als die Produktion jedes anderen Kleidungsstücks. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Schuh aus Leder oder Plastik hergestellt wurde. So gingen die positiven Entwicklungen und Verbesserungen für Mensch und Natur in der Kleidungsindustrie mehr oder weniger spurlos an der Schuhproduktion vorbei, sodass diese mittlerweile über ein Jahrzehnt hinterherhinkt. In Bangladesch werden Gerber für Schuhleder nach wie vor keine 50 Jahre alt.

Der durchschnittliche Sneaker besteht aus rund 65 verschiedenen Teilen, die zusammengeklebt werden. Dadurch wird aber das Recyceln der Schuhe oftmals unmöglich. Deswegen landen über 90 Prozent der weltweit weggeschmissenen Turnschuhe auf irgendwelchen Müllhalden, wo sie die nächsten Jahrhunderte vor sich hin rotten.

Vom Reparieren braucht man gar nicht sprechen. Das lohnt sich erstens bei den meisten Schuhen nicht und ist überdies auch gar nicht möglich, weil nicht gewollt. Schuhe, die man immer wieder zum Schuster bringen kann und damit Jahrzehnte überdauern, sind schlecht fürs Geschäft. Wenn hingegen der Schuh nach spätestens zwei Jahren hinüber ist, soll stets ein neuer gekauft werden. Oftmals werden besagte Schuhe aber nicht einmal abgetragen. Man will schließlich immer mit schönen neuen und vor allem „trendigen“ Schuhen gesehen werden.

12,8 Paar Schuhe für jeden Deutschen …

Am besten hat man noch für jeden beliebigen Anlass den „passenden“ Schuh im Schrank. Der Deutsche besitzt durchschnittlich 12,8 Paar Schuhe. Frauen sogar durchschnittlich 17,3 Paar. Davon werden aber lediglich 10,8 Paar auch regelmäßig getragen. Der Rest verstaubt praktisch im Schrank, bis er irgendwann im Müll landet. Bei Männern sind es rund 8,2 Paar Schuhe pro Person, wovon nur die Hälfte regelmäßig genutzt werden. Sneakers als Paradebeispiel unserer Wegwerfgesellschaft!

Wie bei so vielem anderen sollten wir uns fragen, ob das wirklich nötig ist. Wer braucht denn bitteschön über ein Dutzend Schuhe im Schrank? Und was ist eigentlich so verkehrt an handgemachten Lederschuhen, die einen über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg begleiten können? Ist es wirklich individualistisch, wenn jeder die gleiche bunte Massenware im Schrank hat?

Ständig wird uns gesagt, wir müssten das Klima retten. Braunkohle sei schlecht für die Umwelt. In schuhförmiger Umweltzerstörung auf eine Demo für den Klimaschutz zu gehen ist dagegen in Ordnung? Wir beklagen, dass Raubbau mit den Ressourcen der Welt betrieben wird. 17 Paar Schuhe ist aber eine existentielle Notwendigkeit? Schuhe, die dreimal um die halbe Welt gekarrt werden, bis sie bei uns im Schrank enden?

… und Frauen noch einige mehr!

Reden lässt sich immer leicht. Forderungen sind einfach und bequem vorgebracht. Wenn nicht nur das Handeln immer so anstrengend wäre. Dabei muss man dafür nicht in weite Ferne schweifen und beim ganz Großen anfangen. Es reicht schon, im eigenen Schuhschrank zu beginnen. Aber das würde ja eine konkrete Einschränkung im persönlichen Drang zur Selbstverwirklichung bedeuten. Welch grausame Vorstellung!

(Bild: Pixabay)


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