Anstoß

Leitkultur und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten

Neuerdings wird in Deutschland ja gerne mal darüber diskutiert, ob wir hierzulande eine Leitkultur brauchen oder der radikale Multikulturalismus doch zu bevorzugen sei.

Vor allem jetzt in der Wahlkampfphase ist es wieder en vogue, darüber zu debattieren. In Zeiten der zunehmenden Auflösung und Verflüssigung des deutschen Staates durch massenhafte Einwanderung und die dadurch sichtbar gewordenen identitären Missstände und Bruchlinien in dieser Gesellschaft drängt sich diese Frage auch zunehmend auf. Nicht umsonst spricht sich eine Mehrheit der Deutschen gegen die Aussage aus, der Islam gehöre zu Deutschland. Auch die Masseneinwanderung gehöre begrenzt.

Da fordert zum Beispiel – auf Stimmen im Wahlkampf schielend – der Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Betonung der deutschen Leitkultur im Dialog mit ausländischen Minderheiten, womit vor allem muslimische Minderheiten gemeint sind. Die CSU packt ohnehin ihren patriotisch-konservativen Sprech pünktlich zum Wahlkampf aus. Man möchte ja schließlich nicht wertvolle Stimmen an die Konkurrenz von rechts verlieren.

Özoguz: Es gibt keine deutsche Kultur jenseits der Sprache

Natürlich gibt es in diesem Chor der politischen Heuchelei die Unverbesserlichen, die – zumindest ehrlich – weiterhin vom multikulturellen Utopia träumen. So unsere famose Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD), die behauptete, eine genuin deutsche Kultur „jenseits der Sprache“, sei „schlicht nicht identifizierbar“. Auch wäre das Zusammenleben zwischen den verschiedenen Minderheiten ein tägliches Aushandeln. Also weit davon entfernt, eine wie auch immer geartete Leitlinie im kulturellen Dasein Deutschlands als wichtig zu erachten. Vielmehr müsse der deutsche Michel sich mit seinem türkischen Nachbarn zusammensetzen und ausdiskutieren, was als gemeinsame Kultur akzeptiert werden könne. Selten stupider Vorschlag!

Was aber ist nun eine Leitkultur genau? Wie der Name schon sagt, soll dies eine Kultur sein, die – zumeist in einem Staat – als die leitende, maßgebende angesehen wird. Alle anderen Kulturen müssen sich dieser unterordnen. Allein hier muss man sich fragen, ob das Verhalten deutscher Politiker nicht doppelzüngig ist, wenn sie einerseits groß eine Leitkultur fordern, andererseits aber dafür sorgen, dass bald nicht mehr viele von den entsprechenden Kulturträgern da sind, womit auch eine deutsche Leitkultur hinfällig wird.

Leitkultur nicht nur fordern, sondern aktiv fördern

Auch mutete es etwas skurril an, wenn Leitkultur gefordert, aber nicht gefördert wird. Denn nirgends sind Programme zu sehen, die aktiv daran arbeiten, den Menschen in Deutschland die deutsche Kultur (wieder) nahezubringen, geschweige denn einen positiven Zugang zu schaffen. Stattdessen immer wieder die gleiche Leier von der „historischen Schuld“ und der „besonderen Verantwortung vor der Geschichte“.

Aber genau genommen ist das auch nicht im Sinne jener Leitkulturforderer. De Maizière, Seehofer und Co. scheinen nicht daran interessiert zu sein, die deutsche Kultur in allen ihre Facetten als kulturelle Orientierung innerhalb Deutschlands zu wollen. Vielmehr soll allein aus der Integrationskraft des Grundgesetzes ein Rahmen des Zusammenlebens geschaffen werden. Wie das zu bewerkstelligen sein soll, erschließt sich nicht. Denn das Grundgesetz ist ein Werk, das auf einer Kultur basiert, nämlich der deutschen, selbst jedoch keine Kultur schafft.

Wenn man es ernst meinen würde mit der Leitkultur, sollte man lieber gestern als heute dafür sorgen, dass in unseren Schulen den Kindern wieder ein positives Bild von ihrem Vaterland bzw. Gastland vermittelt wird. Dies ist jedoch nicht der Fall. Daher sind diese Forderungen unserer Herren Politiker nichts als heiße Luft. Wahlkampfgewäsch!

Fortschritt auf Grundlage unserer Traditionen

Als Alternative ist konservative Politik heute mehr denn je gefragt, da es in Zeiten des unablässigen Kultur- und Identitätsverfalls umso wichtiger wird, sich auf Tradition und Geschichte zu besinnen. „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“, sagte nicht umsonst der preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt. Jedoch darf sich das Konservative nicht damit begnügen,  nur als ein Aufhalten des Unabwendbaren zu fungieren. Im Gegenteil sollten auf einem festen kulturellen Fundament kommende Aufgaben bewältigt werden. Ein starres Festklammern wird nicht funktionieren. Ebenso dachte Bismarck: „Der Mensch kann den Strom der Zeit nicht schaffen und nicht lenken, er kann nur darauf hinfahren und steuern.“ Wir sind angewiesen auf Traditionen, Autoritäten und intakte Institutionen. Fortschritt ist nur auf Grundlage dessen möglich.

Leitkultur will aber nicht Fundament sein, sondern Richtlinie. Erik Lehnert (IfS) schreibt dazu: „Gesellschaftliche Phänomene haben eine eigene Dynamik, die spätestens dann nicht mehr aufzuhalten ist, wenn die Grundlagen einer Gesellschaft gerechtfertigt und verteidigt werden müssen.“ Genau das ist aber der Fall. Die Frage, ob Deutschland eine Leitkultur benötigt, wurde erst aufgeworfen zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Kultur schon lange zur Disposition freigegeben wurde. Sie soll eine „Antwort auf den Multikulturalismus“ geben. Gesellschaftliche Grundlagen oder „gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten“, wie der Sozialwissenschaftler Manfred Kleine-Hartlage schreibt, funktionieren aber nur, wenn sie unhinterfragt angenommen werden. Nur so können sie integrativ wirken. Genau das ist bei einer Leitkultur nicht der Fall.

Das Eigene als unhinterfragbare Prämisse

Deutschland fällt es aber seit 1945, spätestens jedoch nach den Studentenrevolten schwer, das Eigene als unhinterfragbare Prämisse in den Raum zu stellen und von jedem Fremden zu verlangen, das anzuerkennen oder, falls nicht möglich, wieder zu gehen. Wer eine einseitig negative Fixierung auf seine Geschichte hat, wird es schwer haben, einen positiven Bezug zu sich selbst zu entwickeln. Daher wird verkrampft versucht, Identitätsschöpfung aus der Utopie zu vollbringen, sprich: man versucht Bestätigung aus der Zukunft zu schöpfen.

Eine Diskussion über Kultur und Identität in Deutschland unter dem Diktum des Multikulturalismus war gescheitert, bevor sie begann. Wer annimmt, alle Kulturen seien gleich und auf einer höheren Ebene kompatibel, verspielt den Vorteil, den eine Kultur hat: ihre Einzigartigkeit. Dieser Kulturrelativismus wird jedoch in dem Moment ad absurdum geführt, wenn man aus der eigenen Wohlfühlzone tritt. Es reicht schon der Besuch in einem Nachbarland oder in der Vorstadt einer deutschen Großstadt, um zu merken, dass es durchaus greifbare Unterschiede zwischen den Kulturen gibt. Nochmals Lehnert dazu: „Wer Leitkultur sagt, will also nicht Gefolgschaft, sondern Verhandlung.“

Wir haben es in Deutschland mit einer zunehmenden Minderheit von jungen, fertilen muslimischen Menschen zu tun, die nicht im Traum daran denken, ihre Kultur abzulegen zugunsten einer von Schuldkomplexen und Neurosen gespickten Täteridentität. Mit Diskussion und Verhandlung werden wir nur den Kürzeren ziehen. Es hilft herzlich wenig, wenn die Bundeskanzlerin die Deutschen auffordert, an Weihnachten die Blockflöten rauszuholen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu flöten, wenn gleichzeitig die politische Elite nicht müde wird zu betonen, dass Deutschland mehr leisten müsse in der Integration (statt den Ausländern), Deutschland sich seiner Schuld bewusst sein solle (statt stolz auf seine Geschichte und Kultur zu sein), Deutschland von Rechtsextremen unterwandert sei (statt nationale Politik zu machen).

Vergangenheit und Erinnerung haben eine unendliche Kraft

Des weiteren Deutschland mit Ausländern flutet (statt Anreize zu schaffen, damit deutsche Frauen wieder mehr Kinder bekommen), deutsches Vermögen ins Ausland verschenkt (statt es den Deutschen zukommen zu lassen) und den deutschen Nationalfeiertag in einer Langweiligkeit zu vollziehen, dass der deutsche Michel zu Hause auf seinem Sessel vor seinem Fernseher nur einschlafen kann (statt durch solche Staatsakte den Patriotismus in Deutschland aktiv zu fördern).

In einer Welt, die zusammenrückt durch Handel, Flugzeug und Internet, ist es wichtiger denn je, sich seiner Wurzeln, seiner Geschichte, seiner Identität – kurz: seiner Kultur – bewusst zu sein. Erreicht wird das aber lediglich durch ein selbstbewusstes Leben dieser Kultur und nicht dadurch, diese in Talkshows und Feuilletons totzuquatschen. Denn „die Vergangenheit und die Erinnerung haben eine unendliche Kraft“ (Humboldt).

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