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Eine Klarstellung zum Nationalsozialismus

Es ist schon besonders absurd, wenn irgendwelche daher gelaufenen Journalisten uns im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Rilke-Preis Nähe zum Nationalsozialismus unterstellen und meinen, wir würden den Preis und das Buch nur zu Tarnzwecken erarbeitet haben? Wißt ihr eigentlich, wie viele Arbeitsstunden wir in das Buch gesteckt haben? Und das alles soll nur der Mimikry gedient haben? Das glaubt ihr doch selbst nicht.

Den Rilke-Preis haben wir aus einer inneren Überzeugung heraus initiiert, weil wir wissen, daß es mittlerweile ums Ganze geht und politische Schaukämpfe nur die kulturellen Herausforderungen der Zukunft verstellen. Es hat seinen Grund, warum wir einen Rilke-Preis gestartet haben und keinen Ernst-Jünger- oder Gottfried Benn-Preis, denn es geht heute generell um den Erhalt und die Revitalisierung unserer Kultur. Diese Ziele sind nur zu erreichen, wenn ein möglichst breiter intellektueller Dialog über Generationen, Jahrhunderte sowie politische Lager hinweg stattfindet. Rilke eignet sich dafür hervorragend und wir haben in unserem Buch Erste Worte nach dem Gedankenstrich deshalb besonders seine Brückenschläge in die Antike sowie kunsthistorische Betrachtungen herausgestellt.

Einen ganz anderen Brückenschlag wirft man uns aber vor, der davon ablenken soll, daß es uns um die Substanz einer deutschen Zukunft geht und wir dazu unter die Oberfläche getaucht sind: Ich spreche vom ewig gleichen Vorwurf, wir würden uns nicht ausreichend vom Nationalsozialismus abgrenzen. Wie absurd dieser Vorwurf ist, beweisen zwei ausführliche Beiträge dieses Onlinemagazins: Marco Reese geht hier dem Verhältnis von Konservativen zum Nationalsozialismus nach und Larsen Kempf hat für uns hier »Über die geistige Verwandtschaft von Sowjet- und Nationalsozialismus« geschrieben.

Ich möchte es noch einmal ganz deutlich mit Hannah Arendt ausführen und beschäftige mich mit dieser Frage nicht, weil ich mich von irgendetwas gutmenschlich distanzieren möchte, sondern weil wir so vielleicht dem Kern des Problems der Moderne näherkommen, das Rilke aus meiner Sicht z.B. in Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge erkennt, nämlich das Problem des Einzelnen (z.B. Künstler) im Triumph der Massen. Ich bin ein ganz eindeutiger Anhänger der Totalitarismus-Theorie, weil sie zwischen autoritären und totalitären Systemen zu unterscheiden weiß. Während Faschismus-Theoretiker mittels der »Herrschaft des Verdachts« herumschnüffeln, sucht die politische Philosophin Hannah Arendt in ihrem wohl bedeutendsten Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft nach den tiefer liegenden Wurzeln der Misere der Moderne:

Gerade Gleichheit vor dem Gesetz kann es nur für Ungleiche, also, politisch gesprochen, nur für Menschen geben, die entweder von Geburt oder durch ihren Beruf oder durch ihren politischen Willen divh in Gruppen scheiden und differenzieren. Der Zusammenbruch der Klassengesellschaft, welche die einzige zugleich soziale und politische Strukturiertheit der Nationalstaaten bildete, war zweifelsohne »eines der dramatischsten Ereignisse der neueren deutschen Geschichte« und hat dem Aufstieg der Nazibewegung die gleichen günstigen Bedingungen geboten wie das Fehlen jeder gesellschaftlichen Strukturiertheit in der ungeheuren russischen Landbevölkerung (…). Unter solchen Bedingungen einer Massengesellschaft verlieren die demokratischen Institutionen wie die demokratischen Freiheiten ihren Sinn: sie können nicht funktionieren, weil die Mehrheit des Volkes nie in ihnen vertreten ist, und sie werden ausgesprochen gefährlich, wenn der nicht vertretene Teil des Volkes, der die wahre Mehrheit darstellt, sich dagegen auflehnt, von einer angeblichen Mehrheit regiert zu werden.

Das Grundproblem der Moderne – und zur Sicherheit sei dies noch einmal betont: der NS ist ein modernes Phänomen – liegt in der Massengesellschaft begründet. Nun ist klar, daß wir dieser nicht entkommen können, aber – und da kommen Kunst und Kultur ins Spiel – müssen mit aller Hartnäckigkeit Inseln errichtet werden, wo die Gesetze der Masse nicht gelten. Totalitarismen machen genau das Gegenteil und nivellieren auch noch »den Unterschied zwischen Herrschern und Beherrschten«, wie Arendt richtig feststellt. Da Konservative grundsätzlich auf Seiten des gesunden Menschenverstands stehen müssen und »Aufschwünge ins Übergewöhnliche« mittels Kunst und Kultur für möglich, aber nicht selbstverständlich halten, rufen sie jedem Einzelnen Rilkes »Du mußt dein Leben ändern« zu. Wie schwierig dieses konservative und kulturelle (!!!) Grundprogramm ist, hat auch Arendt erkannt:

Die Revolte der Massen gegen den Wirklichkeitssinn des gesunden Menschenverstands und das, was ihm im Lauf der Welt plausibel erscheint, ist das Resultat einer Atomisierung, durch die sie nicht nur ihren Stand in der Gesellschaft verloren, sondern mit ihm die ganze Sphäre gemeinschaftlicher Beziehungen, in deren Rahmen der gesunde Menschenverstand allein sinngemäß funktionieren kann.

Das Hauptproblem der Moderne, was ich gerade skizziert habe, fordert geradezu auf, über politische Lager hinweg zu denken. Es braucht eine »Internationale der Intellektuellen«, die sich einer schöpferischen Konfession angehörig fühlen. Hier setzt unsere Beschäftigung mit Rilke an. Wer dieses Problem für genauso existenziell hält wie ich, der bestellt bitte unverzüglich über unser Kontaktformular unser Buch Erste Worte nach dem Gedankenstrich, denn neben vielen jungen Talenten, die wir vorstellen, geht es auch ums große Ganze.

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13 Kommentare zu “Eine Klarstellung zum Nationalsozialismus

  1. Marco Reese

    Es gibt Leute, denen das einfach zu komplex ist.

  2. Zum Thema Komplexität, Kassner in den Kommentaren auf seiner Seite:

    »Die BN ist aber eindeutig rechtsextrem, auch wenn das Hitler-Regime partiell kritisiert wird (nicht wegen den bescheidenen künstlerischen Begabungen des Führers, sondern wegen den Fehlern beim Aufstieg zur Weltmacht). Wenn Menzel an einer Schulung des NPD-Nachwuchses teilnimmt und dann kritisiert, dass die Methoden noch nicht ausgereift sind, sie Massen zu vereinnahmen, wie nennt man das? Oder wenn ein durchaus freundschaftlich formulierter sogenannter Blauer Brief an Voigt eine ebenso wohlwollende Erwiderung durch Radzimanowski erfährt, die nicht weiter kommentiert wird? Worin besteht denn der “Konservatismus” der BN? Konservativ heißt bewahrend. Aus unzähligen Artikeln geht aber hervor, dass man den Staat in seiner jetzigen Form garantiert nicht bewahren möchte. Und wer sich konservativer als CDU/CSU fühlt und zugleich Spott auf die Versuche von Parteigründungen wie die von Stadtkewitz übrig hat (aus noch rechterer Position), wie nennt man den? Ich nehme mir das Recht heraus, ihn als Nazi zu bezeichnen.«

    Tja, wenn die Definition »Nazi« tatsächlich so einfach ist, dann haben wir freilich verloren…

  3. Marco Reese

    ach, dieser »Staat«, als ob es nichts Wichtigeres gäbe, womit wir uns erst einmal zu befassen hätten, aber Leute wie Kassner verstehen das einfach nicht!

    Fehler beim Aufstieg zur Weltmacht? Ach, und für das, was der NS angerichtet hat, haben wir kein Gespür? Ach so! Kassner hingegen hat anscheinend keinj Gespür dafür, was die Moderne IM GANZEN bedeutet!

    Die Kritik an PArteien richtet sich gegen die Unsinnigkeit des Parteiengagements an sich. Herr Kassner!
    Nun ja, und das Schöpfen aus Grundlagen ist konservativ, nicht das Bewahren des status quo oder das Wiederherstellen des status quo ante.

    Die Distanz zur NPD ist wohl mehr als deutlich und wieso darf man mit der LINKEn sprechen, nicht aber mit der NPD?

  4. Nils Wegner

    Tja, wenn man schon nicht in der Lage ist, unter »konservativ« etwas anderes zu verstehen als die dümmliche wortwörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen, dann ist jegliche Diskussion von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Mal ganz abgesehen davon, daß mir meine Zeit um einiges zu kostbar ist, als sie an solch kleine Geister zu verschwenden.

  5. Vinneuil

    Und sowas hat einen Doktortitel… obwohl, eigentlich ist das nicht verwunderlich.

  6. David Centmeier

    Wer selber sich für unfehlbar hält ohne es zu sein, kann nur drauf zurückgreifen, Steine zu werfen um den eigenen Illusionen nicht ins Angesicht sehen zu müssen, bzw. ernste Einstiege in die Themen von vornherein zu verhindern.

    Schön am Zeitgeist finde ich aber, je größer die Dunkelheit, umso heller strahlt das Licht 🙂

  7. Was mich interessiert: Wie steht die Blaue Narzisse zu der Internetseite »Spreelichter« (www.spreelichter.info)? Gewiß, eine Antwort kann nicht die Meinung aller Autoren der BN wiederspiegeln. Zumindest nicht in ihrer heilvollen Komplexität. Aber so ungefähr?

  8. Nils Wegner

    @ Lüth:

    Erleuchtest Du uns auch noch mit einer Erklärung, was Dich zu dieser Frage motiviert, oder werden hier jetzt schlicht irgendwelche Portale des Nationalen Widerstands in den Raum geworfen, zu denen wir uns »zu positionieren haben«? Ich wüßte zumindest nicht auf Anhieb, wie man zwischen BN und Spreelichter einen Zusammenhang herstellen könnte. Aber vielleicht denke ich da auch nur nicht kompliziert genug, wer weiß?

    Und nebenbei: »heilvolle Komplexität« = ganz, ganz schwach. 50 Cent ins Phrasenschwein.

  9. In der Tat ein bisschen aus der Luft gegriffen. Aber versteh mich: 1. BN verwendet den Begriff »Volkstod« (http://lkb.berlinermedienvertrieb.de/www/images/66be236e21adc1d0abaaf5bfb344dac4.jpg) -> 2. Begriff googlen -> Vermutung: »Spreelichter« haben den Begriff maßgeblich in Umlauf gebracht.
    So in etwa kam mir das vor ein paar Tagen schon in den Sinn, als ich Sezession besucht habe. Und ich dachte mir: »Hm. Sie werden sagen, die Seite sei recht professionell, dennoch […] zu viel Pathos, zu wenig Inhalt.« Und da auf der Seite der BN ja ein abfälliger Unterton à la »braune Sozialisten« -zumindest meiner Ansicht nach- gang und gäbe ist und diesmal kein Axel Reitz zur Diskussion steht, habe ich diese Frage oben gestellt. Wie eingangs erwähnt: weil es mich eben interessiert.

  10. Marco Reese

    Der Begriff der Volksgemeinschaft beispielsweise ist auch von unterschiedlichen Richtungen verwendet worden.

    Warum solte man hier nicht den Ausdruck »Volkstod« gebrauchen, wenn damit beschrieben ist, was befürchtet wird, nämlich das Aussterben eines Volkes – nur weil »nationale Sozialisten« auch so reden?
    Mit Spreelichter, Altermedia et c. haben wir nichts zu tun-.

  11. Nils Wegner

    Ob man es jetzt »Volkstod« oder, in Schlau-Schlau, »Ethnosuizid« oder sonstwie nennt, ist doch völlig egal. Das Problem bleibt dasselbe, und es ist wichtig, daß überhaupt darüber gesprochen wird.

    Eine »Etymologie des rechten Vokabulars« aufzumachen, überlasse ich dann doch lieber dem »DISS«. Davon mal ganz abgesehen solltest Du vielleicht fleißiger googlen, denn wie nicht anders zu erwarten war, haben die Herren von »Spreelichter« den Terminus keineswegs »erfunden«. Den gibt es schon – zumindest in Publikationen – mindestens seit den Dreißiger Jahren.

  12. Allein der Vorwurf einer täglich durchexerzierten »Mimikry« leuchtet nicht ein, da diese im von Kassner & Co beschriebenen Ausmaß beinah übermenschliche Verstellungskünste abverlangen würde. Das erinnert sehr an die Verschwörungstheorien der 1920er – 1940er Jahre, in denen einer religiösen Minderheit vorgeworfen wurde, unter dem Deckmantel von Demokratie und Menschenrechten in Deutschland den Sowjetkommunismus durchsetzen zu wollen. Auf nähere Beschreibungen sei hier verzichtet, sonst wird der vorangehende Satz zuungunsten der BN verdreht.

    Kassner gehört zu den Linken, die – aus offensichtlicher Unkenntnis – aufgrund von Schlagwörtern wie »Nation«, »Volk« und »Hierarchie« sofort die NS-Kiste aufmachen, weil ihnen die in andere Richtung weisenden Ideen konservativer/ rechter Denker schlichtweg unbekannt sind. Leider machen Kassner & Co sich nicht die Mühe, sich ernsthaft mit Stauffenberg, Arendt und Rilke auseinanderzusetzen. Insofern geht der Vorwurf nicht an die einseitige DDR-/ 68er-Schulbildung, sondern an sie selbst. Der Mensch neigt nun mal dazu, eine komplexe Welt »übersichtlich« zu strukturieren. Zu den Aufgaben eines guten Journalisten würde es gehören, dieser Bequemlichkeit eben nicht nachzugeben. Aber Kassner gehört wohl leider zu den Journalisten, die 1968 Dutschke auch vorgeworfen hätten, mittels Mimikry Bonn an Moskau angliedern zu wollen…

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