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Eliten-Einwanderung: Pro und Contra

In der WELT findet sich heute ein sehr interessanter Beitrag von Gunnar Heinsohn, in dem er erklärt, wie der weltweite Kampf um die klügsten Köpfe geführt wird und gewonnen werden kann. Seine These: Die Einwanderungsfrage ist für die Zukunft Europas wichtiger als die Währungsordnung.

Heinsohn zeichnet das Bild einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, in denen Staaten darum bemüht sein sollten, die eigene Bevölkerung ohne Rücksicht auf die Erhaltung des eigenen Volkes bestmöglich zu optimieren. Das heißt: Bildungsferne Ausländer fernhalten! Jeodch zugleich die klugen Köpfe aus aller Welt anwerben. Bevölkerungspolitik bräuchte dann ein solcher Staat gar nicht mehr, »weil mäßig besteuerte Bürger ihre wenigen Kinder allein versorgen können«.

Für Europa sieht er schwarz:

Scheitern müssen Nationen, die bei Patenten zurückliegen, Eliteabwanderung erleiden und bei der Geburtenrate unter 1,6 bleiben. Das trifft die Fläche von Lettland bis Griechenland sowie von der Elbe bis nach Wladiwostok.

Die Besten dort studieren den Globus wie eine Speisekarte und wollen nicht in einem bald ebenfalls absinkenden Gebiet landen. Um solche Leute muss man überall werben. Zugleich will jeder Staatsverband Zuzügler vermeiden oder sich wieder von ihnen befreien, wenn sie das Tempo nicht mitgehen.

Deutschland mit seiner völlig beliebigen Zuwanderungspolitik prophezeit Heinsohn große Probleme:

Doch die meisten Nachbarländer hat Deutschland. Wenn diese ihre Sozialausgaben kürzen und Unerwünschte vergraulen, greift Berlins Verfassungsgrundsatz, dass alle ins Land Kommenden – selbst die Illegalen – menschenwürdig zu bezahlen sind.

(…)

Wenn Berlin die Nettozahlungen eines abziehenden Englands übernehmen muss, ungebrochen eigene Talente an Grenzoptimierer verliert und immer mehr Verlorene hinzugewinnt, wird offenbar, dass die EU nicht am Euro, sondern an der Grenzfrage zerbricht. Eine Währungsordnung lässt sich über Nacht ändern, eine unzulängliche Arbeitsbevölkerung aber bleibt auf Jahrzehnte.

Heinsohn weiß aber auch, daß die von ihm beschriebenen Probleme nicht einfach mit einer Rolle rückwärts zum Nationalstaat des 19. und 20. Jahrhunderts zu lösen sind:

Bei täglichem, ja stündlichem Wettbewerb mit den Besten von überall wird Nationalismus oder gar Nibelungentreue zum Standortnachteil.

Aber hat Heinsohn mit seiner Analyse überhaupt recht? Leben wir in einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, die Staaten gar keine andere Wahl mehr läßt, als durch internationale Optimierungstechniken den Bevölkerungskörper heranzuzüchten, der ökonomisch am wettbewerbfähigsten ist?

Um ein Nachdenken über diese wichtige Frage anzuregen, möchte ich lediglich ein paar Gegenargumente zusammentragen bzw. zumindest aufzeigen, welche Dimension das angesprochene Problem hat:

  1. Sollte es keine Alternativen zum Wachstumszwang geben, dann hat Heinsohn sicherlich recht. Das heißt: Nur wer die Rolle des Staates als Garant für (ewiges) Wachstum in Frage stellt, kann auch an einer ökonomischen Optimierung der Bevölkerung zweifeln.
  2. Wie Paul Collier in Exodus so schön bewiesen hat, ist »Einwanderung, um einen angeblichen Fachkräftemangel zu beseitigen, nicht im Interesse der einheimischen Bevölkerung, sondern höchstens ein Anliegen der Wirtschaft. Es ist für Unternehmen billiger, bereits ausgebildete Fachkräfte einwandern zu lassen, anstatt für die Weiterbildung der einheimischen Bevölkerung zu sorgen.«
  3. Wieder in Anlehnung an Collier: Auch die »hypererfolgreichen« Einwanderer können Probleme verursachen. Man denke nur an die »tiger mothers«. In manchen Städten könnte es in den nächsten Jahren zu einem regelrechten Austausch der Eliten kommen. 90 Prozent der Schüler der angesehensten Schule in Sydney z.B. sind Ostasiaten. In New York sieht es ähnlich aus (70 Prozent) und in Kanada ist jeder zweite Jura-Student Asiate. Die Frage ist also, ob wir diesen kulturellen Austausch wollen? Dies ist eine politische Frage, die wichtiger ist als die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit in der Spitze.
  4. Im Interview mit uns hat Collier noch ein Argument hinzugefügt: »Einwanderer mit guter Ausbildung sind für die Aufnahmeländer selbstverständlich am wertvollsten. Dennoch ist es mein wichtigstes Anliegen, Menschen zu helfen, die in den ärmsten Gesellschaften vergessen werden. Diese Menschen werden mit ihren Fähigkeiten in ihrer Heimat am meisten gebraucht. Diesen Gesellschaften wäre am besten gedient, wenn aufgeweckte junge Menschen nach Europa kommen, um hier zu lernen und sich weiterzubilden. Mit ihren neuerworbenen Fähigkeiten und Einstellungen sollten sie dann in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Genau eine solche Art der Einwanderung und des Austausches sollten wir forcieren.«
Junges Europa. Szenarien des UmbruchsDer zweite Band der Reihe BN-Anstoß fragt, was nach der Europäischen Union kommt. »Junges Europa« nannte 1834 der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini einen revolutionären Geheimbund, der ein »Europa der Völker« anstrebte. Felix Menzel und Philip Stein beschreiben auf 100 Seiten acht Szenarien, die zu einem Umbruch und der Verwirklichung dieses Ideals heute führen könnten. Mit dabei: Die Frage nach zukünftigen Konflikten durch Einwanderung und das Thema Wachstumszwang.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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