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Erika Steinbach: NS = links

Auf Twitter postete Erika Steinbach gestern:

Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI…..

Das ist eine mutige Aussage und die taz hat sie auch bereits entdeckt. Ich halte es für wichtig, darüber zu diskutieren, obwohl ich diese These für falsch halte.

Hier findet ihr meine Meinung zu dem Thema:

  • Eine Klarstellung zum Nationalsozialismus: Die von Steinbach aufgeworfene Frage ist falsch gestellt. Ausschlaggebend ist nicht, ob der NS links oder rechts ist (er ist nämlich keines von beiden in Reinkultur), sondern wo die Ursprünge des Totalitarismus liegen. Meine Antwort: Der Triumph der Massen.

Einige unserer Autoren haben sich mit der Frage ebenfalls sehr intensiv beschäftigt. Lest dazu bitte:

Nachtrag, 14:51 Uhr: Jetzt hat auch Spiegel-Online über den »Eklat« berichtet.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

7 Kommentare zu “Erika Steinbach: NS = links

  1. Die Frage liegt doch ganz darin, wie man »Links« und »Rechts« definiert.

    Nationalismus gegen Internationalismus?
    Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft?
    Beibehaltung gegen Veränderung?

    So wirklich weiß das keiner. Stattdessen versuchen sich speziell die Deutschen an dieser Schwarz-Weiß-Malerei, um ihre Gegner abzuwerten und sich selbst, als »die Mitte« zu definieren bzw. seine »Seite« als die Gute darzustellen.

    Ich finde, dass sich politische Einstellungen keineswegs mit den Begriffen »Links« und »Rechts« abdecken lassen, sondern man muss in einzelnen Themenfeldern sehen, was man will und danach detailliert unterscheiden.
    So kann man doch gleichzeitig sozial, konservativ und patriotisch sein oder sozial und liberal oder nationalliberal oder gar internationalistisch und konservativ.

  2. Übrigens verstehen sich Oberlercher und Mahler seit jeher als Linke. Letzterer sieht die von Marx vorhergesagte Machtübernahme der Proletarier am 30.01.33 realisiert, hingegen Rußland 1917 in eine asiatische Produktionsform verwandelt wurde.

  3. Die angelsächsische Definition lautet: Links ist starker Staat, rechts Minimalstaat. Links ist öffentliches Recht, rechts Privatrecht. Im angelsächsisch-rechten Staat gibt es keine Gesellschaftspolitik, keine Wirtschaftspolitik, keine Kulturpolitik, sondern nur äußere und innere Sicherheit zur Verteidigung von Leben und Privateigentum der Bürger, es herrscht freie Marktwirtschaft. Nach dieser Definition war die NSDAP eine linke Partei, wirtschaftspolitisch rechts vom Kommunismus, aber weit links von freier Marktwirtschaft. Siehe auch »The world’s smallest political quiz«: http://www.theadvocates.org/content/what-does-your-score-mean?nav=quiz

  4. Nach wie vor gültig:

    »In der parteipolitischen Auseinandersetzung werden auch einzelne Aussagen der Linkspartei schon mal als rechtsextrem bezeichnet, was darauf hinweist, dass das Attribut »rechts« in all seinen Abstufungen eher als Universal-Schimpfwort einsetzt wird, denn als präzise Ortsbeschreibung im gesäßdemokratischen Koordinatensystem.

    Nur zur Veranschaulichung: Gorbatschow, ursprünglich ein Linker, wollte den Kommunismus retten, indem er marktwirtschafte Elemente einführte. Sozusagen mit Neoliberalismus zum Neokommunismus. Die gegen diese Veränderung putschenden Alt-Kommunisten, Politiker also, die definitionsgemäß eigentlich noch linker waren als G., wurden in der westlichen Berichterstattung hingegen unisono als »konservative« bzw. »rechte« Aufrührer (»Rechtsputsch«) bezeichnet. Als Krönung dieser absurden und willkürlichen Etikettenzuweisung ist nur noch festzuhalten, dass bezeichnenderweise Jelzin, von Hause aus mehr russischer Nationalist als Demokrat den linken Gorbatschow erst befreit und danach kaltgestellt hat, ohne dass seine durch die Putschniederschlagung begründete »demokratische« Legitimation je ernsthaft in Frage gestellt wurde.

    Definitionen dessen, was als »rechts«, »rechtsextrem« u.s.w. bezeichnet werden kann, unterliegen somit einem weiten Spielraum und allgemein gültige Bedeutung erlangt, was nur oft genug wiederholt wird, ungeachtet seiner Richtigkeit. Der größtmögliche Grad an Verwerflichkeit lässt sich dem Attribut »rechts« nun einmal durch einen direkten Bezug auf ihn, Hitler himself, aufprägen. Und so geschah es und gilt es weiterhin, ungeachtet der nur selten (u.a. von Haffner und Fest) in Erinnerung gerufenen Tatsache, dass die NSDArbeiterP als ausgesprochen linkes Projekt gestartet war, dessen klassenegalisierende Komponenten, von der »Bewegung« frühzeitig und subtil in der Bevölkerung implantiert, in der jungen Bundesrepublik vollends zur Wirkung gelangten. Trotzdem gilt Hilter als der Rechtsextreme schlechthin.«

    PB (17:10, 4. Nov 2005)

  5. Interessante Aussage; übrigens hat Karlheinz Weißmann die gleiche Frage (ob der NS seinem Wesen nach links oder rechts war) in »Alles was rechts ist« auch aufgeworfen.

    Meiner Ansicht nach war »der NS« als historisches Phänomen, oder besser gesagt die NSDAP, weder »rechts« noch »links«, wenn man den Begriff »rechts« als »hierachisches Denken« (Prototyp Nietzsche) und den Begriff »links« als »egalitäres Denken« (Prototyp Marx)definiert.

    Insgesamt war die NSDAP als Massenpartei eher eine Art »Sammelbecken« für verschiedenste Strömungen dieser Zeit. Das vereinende Moment lag hier eher in gemeinsamen Feinden (bzw. in »als solchen wahrgenommenen«), d.h. Kapitalismus, diffuse bloschewistische Bedrohung, Internationalismus, Kriegsgegner des Ersten Weltkriegs,
    und weniger in einer in sich geschlossenen »NS-Ideologie«.

    Eine solche »geschlossene Ideologie der ganzen Parei« gab
    es nämlich 1933 gar nicht, genauso wenig wie ein »Parteiprogramm«, das zu diesem Zeitpunkt in Kraft getreten wäre. Vieles wurde ab da sehr chaotisch (Stichwort: »Ämterchaos«) und ad hoc entschieden.

    Weiterhin hatten die Weltanschauungen bespielsweise eines Ernst Röhm, Alfred Rosenberg und und Hermann Göring sehr wenig miteinander zu tun: Röhm z.B. war der heutigen Definition nach »links« und wollte eine proletarische Revolution, Göring dagegen paktierte mit Großkapital und -unternehmen, Rosenberg wollte eine komplett neue Weltanschauung jenseits von links und rechts und eine Revision der christlichen Werte.

    Meiner Ansicht nach kann man also überhaupt nicht von einer »rechten« oder »linken« NS-Weltanschauung sprechen, sondern nur von verschiedenen Ideologien oder Ideologie-Elementen, die unter diesem Oberbgriff und innerhalb der NSDAP vereint wurden.

  6. Für mich waren die Nazis linke, weil sie das RECHT, insbesondere das des einzelnen, nicht anerkannten, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ziele ging. Das eint sie mit den Kommunisten/Linken, die für ein vermeintlich »höheres« Ziel auch über Leichen gingen und gehen …

    In der aktuellen politischen Auseinandersetzung, in der es vielfach um die Besetzung von Begriffen geht, ist der Vergleich Nazis gleich linke legitim, auch wenn er historisch gesehen nicht differenziert genug sein mag und zum Teil vielleicht auch falsch. Aber wer erwartet schon von einem kurzen Schlagwortsatz die volle Wahrheit?

    Die linke und der mainstream einschließlich CDU scheren sich einen Dreck um Differenziertheit, wenn es um den »Kampf gegen rechts« geht. In einer Diskussion auf dem Niveau des Schlagworts »Kampf gegen rechts« ist das Schlagwort: »Nazis waren auch nur linke«, absolut stimmig und ich muss vor Frau Steinbach den Hut ziehen, die als Mitglied einer etablierten Partei, hier die Diskussion in die völlig richtige Richtung lenkt. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

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