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„FOCUSsiert“ – Über Jogi Löw, Nachrichtenmagazine und Ritualkunde

„Fokussiert“ gehört zu den Lieblingsvokabeln von Bundestrainer Jogi Löw. In wie vielen Pressekonferenzen hat er nicht schon betont, wie „fokussiert“ selbst seine jungen Spieler sind? Dabei lauern für einen Fußballprofi überall Ablenkungsmöglichkeiten: hübsche Frauen, schnelle Autos, die Verlockungen des Geldes, …

Die jungen Verteidiger Aogo und Boateng (um nur zwei Beispiele zu nennen) stellen zudem offen zur Schau, daß sie trotz ihrer „Fokussierung“ auf ihren anstrengenden Beruf noch die Zeit finden, hin und wieder zum Tätowierer zu gehen.

Aber egal. Die Gleichung zur Überprüfung der „Fokussierung“ ist ganz einfach: Wenn die deutsche Nationalmannschaft die Europameisterschaft gewinnt, hat Jogi Löw alles richtig gemacht und darf danach seine „fokussierten“ Spieler über den grünen Klee loben, auch wenn sie sich gerade in einer Nobeldiskothek hemmungslos betrinken und Frauen aufreißen. Und wenn es nicht zum erhofften Erfolg reichen sollte, lag es sicher auch ein bißchen an der fehlenden Konzentration in den entscheidenden Momenten. Die Millionen Fußballexperten in Deutschland werden das schnell herausfinden.

Leider gibt es nicht so viele Zeitungsexperten wie professionelle Beobachter der schönsten Nebensache der Welt. Die Zeitungsexperten müßten dieser Tage diskutieren, ob die seit gestern vorliegenden 1000 Ausgaben des FOCUS wirklich „fokussiert“ waren. 1993 zu seinem Start hatte der FOCUS die große Chance, mit „Fakten, Fakten, Fakten“ dem Ideologiemagazin SPIEGEL Paroli zu bieten. Doch was wurde daraus?

Ein Blick in die aktuelle Ausgabe genügt, um ein ernüchterndes Fazit zu ziehen. Statt „Fakten, Fakten, Fakten“ gibt es nämlich „Preise, Preise, Preise“ – und zwar im Wert von 300.000 Euro. Dennoch muß man dem Magazin zugutehalten, daß es immer wieder ein paar Meinungsbeiträge bringt, die bei der Konkurrenz undenkbar wären. So kommen diesmal Necla Kelek und der Philosophieprofessor Christoph Türcke zu Wort.

Türcke hat soeben ein Buch über Hyperaktivität vorgelegt. Er sieht darin keine individuelle Verhaltensauffälligkeit sondern eine „Kulturstörung“, die durch „das Prinzip der Bildmaschinen“ ausgelöst wird. Damit weist er zu Recht daraufhin, daß die Mehrheit der Menschen heute überhaupt nicht mehr fähig ist, sich eine längere Zeit „fokussiert“ mit einer Sache zu beschäftigen. Zugleich greift der Leipziger Philosoph die moderne Pädagogik an, die glaubt, durch multimediale Lehrmethoden die Aufmerksamkeit der Schüler gewinnen zu können. Daß dies nicht so einfach funktioniert, hat ja gerade erst die Studie von Victor Lavy über den Frontalunterricht gezeigt.

Zur Bekämpfung des Aufmerksamkeitsschwunds will Türcke jedenfalls ein Schulfach namens „Ritualkunde“ einführen, das von der ersten Klasse bis zum Abitur laufen soll.

Es würde ebenso darstellendes Spiel wie – in höheren Klassen – Sozialkunde, Religionskunde, Ethik umfassen und in nicht konfessioneller Weise aufeinander beziehen und wäre ein erster Sammelpunkt der Widerstandskräfte gegen den kollektiven Aufmerksamkeitsschwund.

Eine gute Idee?

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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