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Gauck-Rede: Eine „europäische Agora“

Die Rede unseres Bundespräsidenten Joachim Gauck von gestern über Europa ist erstaunlich vielschichtig. Jeder sollte sie deshalb in Gänze lesen! 

Zunächst einmal ist es absurd, daß Gauck so tut, als habe Europa erst nach 1945 zur Einheit gefunden. Das ist sein zentraler Denkfehler. Europa ist mehr und etwas völlig anderes als die mißratene Europäische Union. Aber wie wir bereits wissen, kann Gauck eben den „Schuldkult“ nicht ablegen und so beginnen seine Sätze wie die von allen anderen Spitzenpolitikern:

… gerade wir Deutschen wissen tief in unserem Innern, dass da etwas ist, was uns mit Europa in besonderer Weise verbindet. War es doch unser Land, von dem aus alles Europäische, alle universellen Werte zunichte gemacht werden sollten. War es doch unser Land, dem die westlichen Siegermächte trotzdem gleich nach dem Krieg Hilfe und Solidarität zuteilwerden ließen. Uns blieb damals erspart, was nach unserer Hybris leicht hätte folgen können: eine Existenz als verstoßener Fremdling außerhalb der Völkerfamilie.

Gerade wir Deutsche haben aber eben auch schon vor 1933 zum Kerneuropa gehört. Ohne die deutsche Kultur ist Europa undenkbar. „Europa“ konnte Deutschland also nach 1945 weder aus kultureller Sicht noch aus wirtschaftlicher aufgrund der zentralen Lage als „Fremdling“ behandeln.

Zum Zweiten erkennt Gauck nicht den grundlegenden Konstruktionsfehler der Europäischen Union. Er zitiert zwar Jean Monnet, erkennt aber nicht dessen tragische Rolle, so wie es unser Autor Carlos Wefers Verástegui einmal seziert hat. Dann springt Gauck weiter zu Denis de Rougement, bringt aber nur ein belangloses Zitat, anstatt auf den Kern seines föderalistischen Denkens (Europa der Regionen) einzugehen.

Stammen diese Sequenzen aus dem Zitate-Handbuch seines Redenschreibers oder weiß es Gauck besser, versteckt aber seine Kenntnisse? Vermutlich kam tatsächlich das Zitate-Handbuch zum Einsatz. Anders ist nicht der große Irrtum von Gauck zu verstehen, Europa habe keinen Gründungsmythos.

Das ist falsch: Europa hat sogar das Glück, das es immer wieder zur Beschäftigung mit seinem Gründungsmythos gedrängt wird – immer dann nämlich, wenn der Kampf gegen den Islam wieder aktuell wird.

Gauck jedoch wehrt sich gegen diesen Gründungsmythos, weil Europa manipulierbarer wird, wenn man sich nur auf einen gemeinsamen Wertekanon beruft. In Gaucks Worten klingt das dann so:

Wir versammeln uns im Namen Europas nicht um Monumente, die den Ruhm der einen aus der Niederlage der anderen ableiten. Wir versammeln uns für etwas – für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, für Menschenrechte, für Solidarität. (…)

Unsere europäische Wertegemeinschaft will ein Raum von Freiheit und Toleranz sein. Sie bestraft Fanatiker und Ideologen, die Menschen gegeneinander hetzen, Gewalt predigen und unsere politischen Grundlagen untergraben. Sie gestaltet einen Raum,  in dem die Völker friedlich miteinander leben und nicht mehr gegenseitig zu Felde ziehen.

Ins völlig Banale läßt Gauck diesen Wertekanon gleiten, indem er darauf hinweist, er sei nicht an Ländergrenzen gebunden. Ein Schuß Größenwahnsinn steckt aber auch drin, denn „er hat über alle nationalen, ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg Gültigkeit“. Wenn das Europäische aber nun etwas Global-Allgemeingültiges sein soll, ist es auf jeden Fall nichts spezifisch Europäisches mehr. Während Europas expansive Kraft sich früher auf Eroberungen fremder Länder konzentrierte, erleben wir hier bei Gauck die gleiche Denkweise. Am „europäischen“ Wesen soll die Welt genesen. Heute sind es nur die „richtigen Werte“, die der ganzen Welt beigebracht werden sollen. Welch absurdes Verständnis von der Freiheit der Völker steckt da nur dahinter!

Gauck triebt es dann auf die Spitze, indem er die „Muslime“ mit ins europäische Boot holt.  Sei seien ein „selbstverständlicher Teil“ unseres „Miteinanders“. So wie Gauck Europa versteht, braucht man es überhaupt nicht. Ihm geht es um eine Vereinheitlichung, damit „wir“ uns bestmöglich an der Globalisierung beteiligen können. Sein Vorschlag, wir sollten alle besser Englisch lernen, um an einer „europäischen Agora“ (er schlägt dazu einen gemeinsamen TV-Kanal vor) teilzunehmen, weist in die gleiche Richtung.

In meinem Beitrag über ein „Identitäres Europa“ habe ich dazu betont:

Die Idee Europa hat jedoch nur einen Sinn, wenn sie sich als katechontische Kraft gegen die Globalisierung stellt. Europa muß als Gegenmodell zur Postdemokratie der bestehenden und entstehenden Weltimperien jenseits des Atlantiks und in Asien ein kulturelles Biotop der Vielfalt ausbilden. Dieses Europa braucht keinen Euro. Dieses Europa braucht keine Verordnungen zur Krümmung von Gurken. Dieses Europa braucht keine Umverteilung.

Dieses Europa braucht aber ein gemeinsames Selbstbewußtsein, um die eigenen Bürger und die eigene Kultur nach innen und außen zu schützen. Europa muß in erster Linie eine Schutzmacht gegen die Islamisierung und die selbstzerstörerischen Kräfte der modernen Zivilisation sein.

Hintergrund: Sehr zu empfehlen zu diesem Thema ist auch unser Gespräch mit Roland Woldag, das in zwei Teilen erschienen ist:

(Bild: Joachim Gauck / Tobias Kleinschmidt — www?.secu?ri?ty?con?fer?ence?.de, CC)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar

  1. “Ein Sonntagsprediger, der kein Zuhause hat?” Das haben wir bei Geolitico gelesen. Wir sehen das genauso, wer keine Herkunft hat und sich zu ihr bekennt, der kann auch keine Zukunft gestalten. Somit ist die Rede von Gauck eher als sehr dürftig anzusehen.

    http://rundertischdgf.wordpress.com/2013/02/23/gauck-der-prasident-europas-uber-hofberichterstatter-hoflinge-und-das-gemeine-volk/

    http://rundertischdgf.wordpress.com/2013/02/24/heidegger-zukunft-braucht-herkunft/

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