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Gebärstreik wegen Krise?

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung versucht zu belegen, daß die steigenden Arbeitslosenzahlen in Europa den demographischen Aufschwung in den betroffenen Ländern ausbremsen oder gar die Geburtenrate senken. Schuld am Gebärstreik soll also die schwächelnde Wirtschaft bzw. der Arbeitsmarkt sein? Stimmt das?

Zunächst zu den Fakten der Studie: Insbesondere junge Europäer würden ihre Entscheidung für das erste Kind von ihren wirtschaftlichen Aussichten abhängig machen. Mit Blick auf den eigenen Freundeskreis kann ich dies durchaus bestätigen: Ich habe den Eindruck, daß sich viele erst für Kinder entscheiden, wenn der Berufseinstieg gelungen ist und auch die Anschaffung einer Familienkutsche und teuren Einbauküche möglich ist. Ohne Zweifel ist diese Ängstlichkeit und dieses materialistische Denken ein großes Problem. Dabei geht es Deutschland in Europa noch mit am besten.

In den europäischen Krisenländern sind Ängste junger Menschen da schon eher nachvollziehbar. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß es einen spürbaren Einbruch der Geburtenrate nach der beginnenden Krise 2008 vor allem in Spanien, Ungarn, Irland, Kroatien und Lettland gegeben hätte. So richtig zusammenfassen lassen sich diese Länder allerdings nicht. Zu einem Stop des Aufwärtstrends sei es in Tschechien, Polen, Großbritannien und Italien gekommen.

Details zu den Situationen in den einzelnen Ländern werden über diese Datenblätter ersichtlich. Dazu ein paar Anmerkungen:

  • Die These der Studie ließe sich am Beispiel von Bulgarien belegen. Zwischen 2001 bis zum Ausbruch der Finanzkrise ist dort die Geburtenrate von ca. 1,2 auf 1,6 gestiegen und danach abrupt abgefallen, währenddessen die Arbeitslosigkeit ab 2008 anstieg.
  • Deutschland dümpelt so vor sich hin bei 1,4. Weder die Familienpolitik noch die Wirtschaft scheinen hierzulande etwas an der Geburtenmisere ändern zu können.
  • In Frankreich ist die Geburtenrate seit Jahren erstaunlich hoch bei fast 2,0. Es geht also auch anders. Da die Arbeitslosenzahlen in Frankreich im untersuchten Zeitraum bis 2011 nicht signifikant angestiegen sind, läßt sich hier zum Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Geburtenrate noch nichts sagen.
  • Keine Sorgen machen müssen wir uns um Großbritannien. Der Aufschwung der Geburtenrate wurde zwar etwas abgestoppt, während die Arbeitslosigkeit leicht angestiegen ist, aber trotzdem ist Großbritannien Deutschland noch weit voraus und nähert sich den zwei Kindern pro Familie an.
  • Irland ist ebenso kein Problemfall. Die Geburtenrate ist auch hier in den letzten zehn Jahren gestiegen und liegt bei über 2,0. Anhand der Kurve Irlands ließe sich sogar das Gegenteil der Studie behaupten: Als es Irland wirtschaftlich am besten ging, war die Geburtenrate am niedrigsten.
  • Rußland erlebt einen ordentlichen Aufschwung. Woran liegt das? Jedenfalls soll es weiter in die richtige Richtung gehen. Putin hat Anfang des Jahres eine Drei-Kind-Politik ausgerufen.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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