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Gedichte schreiben wie Houellebecq

Derzeit erreichen uns täglich neue Einsendungen für den Houellebecq-Preis, den unser Förderverein ausrichtet. Bei den Einsendungen ist bereits jetzt alles dabei: Gedichte, Kurzgeschichten und Bilder. Houellebecq ist berühmt geworden für seine Romane. Die Möglichkeit einer Insel halte ich für den besten. Trotzdem meinte der französische Skandalautor, daß der Roman »im Vergleich zur Lyrik eine zweitrangige Gattung« sei.

Als Erzähler sei er zudem »absolut untalentiert«, betont Houellebecq in dem Buch Volksfeinde. Nun ist es aber so, daß man damit zumindest noch Geld verdienen kann. Mit Lyrik nicht. Ihr Verschwinden ist sicherlich symptomatisch für den Kulturverfall unserer Tage, dessen Wesen Houellebecq gerade in seinen Gedichten am brillantesten auf den Punkt bringt.

Doch wie entsteht ein solches Gedicht? Houellebecq betont:

Es gibt ein sehr schönes Wort für einen Menschen, der einen Schatz gefunden hat; es lautet Entdecker. Ob er ihn zufällig gefunden hat, als er sich im Wald verirrte, oder nach fünfzehn Jahren Nachforschungen, in denen er alte Karten aus der Zeit der spanischen Konquistadoren gewälzt hat, ändert absolut nichts. Genau dasselbe empfindet man, wenn man ein Gedicht geschrieben hat: Ob man zwei Jahre oder eine Viertelstunde gebraucht hat, um es zu schreiben, spielt keine Rolle. Es ist – und ich weiß genau, daß das irrational ist –, als sei das Gedicht schon lange vor uns geschrieben worden, als wäre es schon ewig geschrieben gewesen und als hätten wir es nur entdeckt. Wenn das Gedicht erst einmal entdeckt wurde, hält man einen gewissen Abstand. Man hat es aus der Erde geholt, die es umgab, man hat es ein wenig abgebürstet; und nun erstrahlt es, allen zugänglich, in seinem schönen mattgoldenen Glanz.

Wer von euch etwas entdeckt hat, kann sich gerne an unserem Houellebecq-Jugendkulturpreis beteiligen. Mehr Informationen darüber gibt es hier!

Bild: Houellebecq / Mariusz Kubik (CC)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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