Rezension

Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie

Der Feminismus gehört zu den erfolgreichsten sozialen Bewegungen der neueren Geschichte. Seine neueste Form wird als Genderfeminismus, das mit ihm verbundene Forschungsfeld als Gender Studies bezeichnet.

„Gender“ bedeutet im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (Sex) das soziale Geschlecht. Für die Gender Studies ist „Gender“ die wichtigste soziale Kategorie und somit der zentrale Forschungsgegenstand. Ihr Siegeszug in der Wissenschaft scheint unaufhaltsam zu sein. An fast jeder deutschen Universität gibt es Professuren und Institute für Gender Studies. Der Einfluss der Gender Studies erstreckt sich jedoch nicht nur auf die Wissenschaft, sondern auf alle relevanten Bereiche der Gesellschaft.

Soziale Geschlecht nicht vorgegeben

Die Gender Studies haben somit eine politische Bedeutung: Sie dienen der Legitimierung der Politik des Gender Mainstreamings, die in Deutschland auch als Gleichstellungspolitik bezeichnet wird. Die Gender Studies beeinflussen daher einen wichtigen Teil der deutschen Politik.

Gender wird von den Vertretern der Gender Studies als eine soziale Konstruktion bestimmt. Das bedeutet, dass das soziale Geschlecht nicht vorgegeben und keine anthropologische Konstante bildet, sondern von den sozialen Akteuren immer wieder erzeugt und gestaltet wird. Der Prozess der aktiven Herstellung und Gestaltung von Geschlecht wird als „doing gender“ bezeichnet.

Judith Butler, die wohl bekannteste und meistzitierte Theoretikerin der Gender Studies, behauptet sogar, dass die gesamte Wirklichkeit, also auch das biologische Geschlecht, gedeutet und somit konstruiert wird. Die Realität werde durch Sprache, genauer: durch Deutung im Rahmen von „Diskursen“, durch „diskursive Praktiken“, hergestellt.

Anti-Genderisten werden pauschal als Rechtspopulisten bezeichnet

Da das Geschlecht soziale Konstruktion sei und von Akteuren immer wieder erzeugt, verändert und frei gewählt werden könne, könne es eine Vielzahl von Geschlechtern geben. Daher lehnen Gender-Forscher das von der Biologie vertretene Konzept der Zweigeschlechtlichkeit ab.

In ihren Augen ist die Zweigeschlechtlichkeit eine mit dem patriarchalischen System verbundene historische, sprachlich-diskursiv und kulturell vermittelte Konstruktion. Die Vertreter der Auffassung einer grundsätzlichen Zweigeschlechtlichkeit des Homo Sapiens werden von ihnen als Anti-Genderisten bezeichnet, die ein naiv-positivistisches Wissenschaftsverständnis verträten und reflexartig in die Nähe des sogenannten Rechtspopulismus gerückt.

Der Genderfeminismus lehnt die wissenschaftlichen Ideale der Unparteilichkeit, weltanschaulichen Neutralität, Ergebnisoffenheit und Objektivität ab. Die Erkenntnis der Welt sei sozial situiert, verortet, kontextabhängig, durch Diskurse vermittelt, von Interessen und Macht geleitet. Der Genderfeminismus stellt Wissenschaft in einen politischen Kontext. Wissenschaft dient demnach von vornherein und durchgehend politischen Interessen. Parteilichkeit gilt als ein Prinzip der wissenschaftlichen Arbeit. Zweck der Wissenschaft ist die Parteinahme für Beherrschte und Marginalisierte, d.h. zunächst vorwiegend für Frauen.

Staatsfeminismus

So heißt es unverblümt im 2016 vorgelegten Abschlussbericht des mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderten Vorhabens „Genderforschung und die neue Governance der Wissenschaft“: „Demnach ist die Genderforschung also in gewisser Weise ein Teil des Staatsfeminismus.“

Gender Studies lehnen die Vorstellung einer strikten Differenz zwischen Männern und Frauen ab, denn die Hervorhebung einer solchen Differenz könnte zu dem Schluss führen, dass das Geschlecht auf bestimmten Feldern die Ursache für unterschiedliche Leistungen sowie gesellschaftliche und familiäre Arbeitsteilungen sein könnte. Gender Studies gehen dagegen von einer prinzipiellen Gleichheit der Geschlechter aus.  Bezogen auf Männer und Frauen heißt es: Männer und Frauen sind in ihren Fähigkeiten und Potenzialen prinzipiell gleich. Das Konzept des Geschlechts als sozialer Konstruktion und der Vielfalt von Geschlechtern kommt dem Ideal der Gleichheit entgegen.

Das Ziel des Gender Mainstreamings ist nicht Gleichberechtigung im Sinne der Gleichheit vor dem Gesetz und der Herstellung von Chancengleichheit, sondern Gleichstellung der Geschlechter im Sinne von Ergebnisgleichheit (siehe die Einführung von Frauenquoten). In der politischen Praxis bedeutet Gender Mainstreaming eine „konsequente Fort- und Weiterentwicklung der institutionalisierten Frauenpolitik“ (Dorit Meyer).  Mädchen- und Frauenförderung sowie die paritätische Partizipation von Frauen an gesellschaftlich relevanten Ressourcen bleiben die wichtigsten Eckpfeiler dieser Politik.

Das leitende Prinzip aller Politik

Gender Mainstreaming stellt jedoch eine wesentliche Erweiterung und Steigerung der Frauenpolitik dar, denn die Geschlechterperspektive, genauer: die ergebnisorientierte Gleichstellung von Männern und Frauen, soll in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft berücksichtigt werden. Gender Mainstreaming wird als eine Querschnittsaufgabe betrachtet. Somit wird Frauenpolitik aus ihrer Nischenexistenz befreit und zum leitenden Prinzip der gesamten Politik und Gesellschaft erhoben.

Mit den Verträgen von Amsterdam und Lissabon in der Folge der Weltfrauenkonferenz von Peking ist Gender Mainstreaming in der Europäischen Union und in Deutschland zu einer staatlichen Selbstverpflichtung geworden. Sichtbarer Ausdruck dessen ist auch die Einführung der sogenannten gendergerechten Sprache als einer bewussten Manipulation an Sprache und Schriftbild mit dem Ziel einer dauerhaften Präsenz des Themas in allen Bereichen.

Gender und Diversity

Seit Ende der 90er Jahre bemühen sich die Vertreter des Gender Mainstreamings und der Gender Studies um eine Erweiterung ihrer „Kompetenz“, indem sie andere, von ihnen als marginalisiert eingestufte Gruppen einzubeziehen versuchen. Dies ist zu sehen im Rahmen des politischen Gesamtkonzeptes der sogenannten Diversity unter Einbeziehung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kräfte. Auch hier findet ein Schulterschluss mit bestimmten Ausrichtungen in Politik und Wirtschaft statt.

Sichtbares Symbol ist die 2006 unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin  Angela Merkel veröffentlichte Selbstverpflichtung „Charta der Vielfalt“ von Wirtschaftsunternehmen, akademischen und sozialen Einrichtungen sowie Behörden zur Diversität in Bezug auf Nationalität, Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung und Identität. Diese Selbstverpflichtung für Diversity Management zielt darauf ab, den Erfolg von Wirtschaftsunternehmen und öffentlichen Institutionen durch die effektive Nutzung der Diversität von Beschäftigten zu steigern.

So wenig konkret dies auch formuliert ist, so wenig bindend die Umsetzung und so wenig messbar die Auswirkungen, so ist damit doch eine quasi staatliche Verpflichtung zur Diversität vorgegeben, auf die sich seither zahlreiche Initiativen zur Förderung der Diversität berufen können.

Breite Kritik an Gender Studies

Der Sammelband Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie versammelt kritische Beiträge zu den Gender Studies. Sie stammen sowohl von Natur-  als auch von Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern. Er demonstriert die breite Palette der Kritik an den Gender Studies. Im Zentrum der Beiträge steht die Frage, ob Gender Studies als eine Wissenschaft oder eine politische Ideologie betrachtet werden können.

Die Autoren untersuchen, ob die in den Gender Studies verwendeten Begriffe, Konzepte und Methoden wissenschaftlichen Standards genügen und ob ihre Thesen der wissenschaftlichen Überprüfung standhalten können. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Auswirkungen von Gender Studies auf relevante gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft, Bildung und Politik sowie die Frage, welche Funktion die sogenannte „gendergerechte Terminologie“ erfüllt.

Mit Beiträgen von Hans Peter Klein, Dr. Axel Meyer, Adorján Kovács, Sabine Beppler-Spahl, Markus D. Meier, Alexander Ulfig, Heike Diefenbach, Wolfgang Tischner, Dagmar Lorenz, Heinz-Dieter Pohl, Tomas Kubelik und Harald Schulze-Eisentraut.

Harald Schulze-Eisentraut/Alexander Ulfig, Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie? Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), Baden-Baden 2019.


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