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»Hat die Erde eine Zukunft?«

umwelt_aktivDas Titelthema der neuen Umwelt & Aktiv lautet »Die Bevölkerungsbombe«. Heiko Urbanzyk hat dazu ausführlich das Buch Countdown. Hat die Erde eine Zukunft? rezensiert. Noch viel wichtiger allerdings: Ihm ist es gelungen, den Autor des Buches, Alan Weisman, zu interviewen. Dazu zunächst Glückwunsch! Nun aber zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung:

Aufgrund meiner Beschäftigung mit der Überbevölkerung habe ich einige Kapitel des Buches von Weisman auch gelesen. Der Professor für internationalen Journalismus aus den USA war in unzähligen Ländern der Welt unterwegs, um die unterschiedlichsten Facetten der demographischen Entwicklung hautnah zu erleben. Countdown ist deshalb auch kein wissenschaftliches Werk geworden, sondern eher eine Reportagensammlung. Weisman hat z.B. mit einer Chinesin gesprochen, die ihr zweites Kind abtreiben mußte. Er war in Japan, um die Folgen der gesellschaftlichen Vergreisung zu erleben, und berichtet über Pakistan (»Ein Land voller frustrierter junger Männer«).

Bevölkerungsreduktion und Konsumverzicht?

Die Methode von Weisman vermittelt Nähe. Er beherrscht auf jeden Fall sein journalistisches Handwerk, schreibt unterhaltsam, mißreißend und emotional. Doch genau da sind wir schon beim größten Problem des Buches, weshalb ich auch relativ enttäuscht war: Weisman fehlt das theoretische Fundament und er hat kein Gespür für manchmal unpopuläre, aber wichtige volkswirtschaftliche Einsichten. Ich würde dies nicht kritisieren, wenn es Weisman bei Reportagen belassen würde, aber er glaubt ja sogar, daß er die optimale Weltbevölkerung ermitteln könnte.

Auf jeden Fall müßten wir weniger als sieben Milliarden werden, betont Weisman und schiebt hinterher, daß wir auf alle Fälle auch weniger konsumieren sollten. Ich halte solche Zielmarkierungen für absolut unseriös: Niemand, auch nicht der beste Wissenschaftler, kann vorhersagen, wie viele Menschen die Erde verträgt – zumal dies eine dumme Frage ist, da viel zu viele Variablen (weltweite Verteilung, Konsum, Alter, technologische Entwicklung, …) außer Acht gelassen werden.

Verhütungsmittel für Afrika. Wieviel bringt das?

Der Forderung nach weniger Konsum kann ich mich dagegen anschließen, doch auch hier fehlt es mir bei Weisman an der notwendigen Klarheit, denn wie soll dieses Ziel ohne einen grünen Totalitarismus erreicht werden? Genauso wie beim Thema der Bevölkerungsreduktion lügt sich Weisman die Welt schön. Aber es reicht eben nicht, genügend Verhütungsmittel in den ärmsten Ländern zur Verfügung zu stellen? Warum? Weil 90 Prozent der Teenagerschwangerschaften in den Entwicklungsländern nicht mal eben so als »Unfall« passieren, sondern die jungen Leute bereits verheiratet sind.

In dem Umwelt & Aktiv-Interview wird an einer Frage und der darauffolgenden Antwort von Weisman sehr schön deutlich, welchen Illusionen sich der Autor und vielleicht auch die ökologische Rechte (?) hingibt. Weisman wird zugespitzt gefragt, ob es möglich sei, daß alle Berliner aus der Stadt rausziehen und wieder einen eigenen Bauernhof bewirten. Seine Antwort: »Es wird eine Massenbewegung werden!«

»Ökologische Selbstversorgung ist keine Antwort auf die globale Armut, sondern ein Luxus-Lifestyle.« (Paul Collier)

Wird also alles gut, wenn wir Städter alle auf den Bauernhof rausziehen? Sogar vom ökologischen Gesichtspunkt aus muß dies verneint werden, weil wir auf dem Land mehr Fläche bräuchten, mehr Wasser verbrauchten, noch mehr Auto fahren würden und sich auch unsere CO2-Werte nicht verbessern dürften.

Während wir hier in Europa jedoch über die grünen Weltverbesserungsversuche noch lachen können, sieht es in Afrika anders aus: Ich stehe bei dieser Frage auf der Seite des Entwicklungsökonomen Paul Collier, der in seinem Buch Der hungrige Planet mit volkswirtschaftlichen Argumenten belegt, warum wir Afrika am besten helfen, indem wir erstmal unsere eigenen Umwelt-Mythen über Bord werfen. In meinem aktuellen Artikel über die Überbevölkerung habe ich dazu bereits ausgeführt:

Paul Collier betont, daß man sich keiner Illusionen hingeben dürfe: »Der einzige Weg, die Nahrungsmittel bezahlbar zu machen, ist ihre Massenproduktion.« In den letzten 40 Jahren stagnierte die landwirtschaftliche Produktion in Afrika bei steigender Bevölkerung. Das Angebot an Nahrungsmitteln müsse jedoch schneller wachsen als die Nachfrage, sonst würden die Lebensmittelpreise bei weiterem Bevölkerungswachstum explodieren. Um dies wahrscheinlicher werden zu lassen, müsse die westliche Welt endlich mit ihrem Mythos von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, Öko-Lifestyle und dem Unsinn der Reduzierung sogenannter »Food Miles« brechen. Auch unter CO2-Gesichtspunkten sei es am klügsten, »Lebensmittel im günstigsten Klima anzubauen, wo immer das ist, und dann zu transportieren«. Die größten CO2-Emmissionen entstünden immer noch beim Anbau von Lebensmitteln und nicht beim Transport.

Collier, Professor in Oxford, geht sogar noch einen Schritt weiter und bricht mit dem Mythos des notwendigen Verbots von Gentechnik für Lebensmittel:

Wie die Kommerzialisierung ist auch die grüne Gentechnik kein magisches Allheilmittel für die afrikanische Landwirtschaft; ein solches Allheilmittel gibt es nicht. Aber ohne sie ist es unmöglich, Afrikas Lebensmittelproduktion mit seiner Bevölkerung Schritt halten zu lassen. Während die Großstädte an den Küsten vom Weltmarkt versorgt werden können, lässt sich das riesige afrikanische Binnenland so nicht ernähren (von Notfällen abgesehen). Die Aufhebung des Gentechnik-Verbots in Afrika und Europa könnte die globalen Lebensmittelpreise langfristig niedrig halten.

Wie sollten wir nun also an die Themen »Überbevölkerung« und »Konsumverzicht« herangehen? Aus meiner Sicht besteht das Grundproblem darin, daß sich alle schon bei der Frage einig sind: Über Überbevölkerung und Konsumverzicht sprechen wir in der öffentlichen Debatte fast ausschließlich mit einer närrischen Fokussierung auf die Umwelt. Warum eigentlich?

Beim Thema »Überbevölkerung« wäre es doch viel nahe liegender, sich zunächst anzuschauen, was denn all die Menschen auf der Welt so machen: Wohin migrieren sie?, Welche Überzeugungen haben sie?, Welche Lebenschancen haben sie? …

Zum Thema »Konsumverzicht« habe ich mich hier bereits einmal geäußert: So sympathisch mir mögliche Auswege aus dem Massenkonsum sind, so wenig glaube ich, daß sich die Mehrheit der Menschen grundlegend ändern kann. Deshalb ist es falsch, beim Individuum anzusetzen. Wichtiger und in der Wirklichkeit auch umsetzbar wäre es, mit dem »Wachstumszwang« des Staates zu brechen:

Das Grundproblem der Wachstumsgesellschaft ist jedoch, daß vom Staat erwartet wird, daß er die Konjunktur ankurbelt. Politiker werden heute nur wiedergewählt, wenn sie zumindest ein minimales Wirtschaftswachstum den Wählern vorgaukeln können. Welche Tricks angewendet werden, um diesen Anschein zu erwecken, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Die Spätfolgen dieser negativen Verquickung von scheinbarem Wirtschaftswachstum und demokratischen Wahlkampfversprechen sind fatal und haben unter anderem zu einem staatlichen Schuldenberg in Billionenhöhe, einer Diskrepanz zwischen Wachstum und Beschäftigung sowie erheblichen Umweltproblemen (Peak Everything) geführt. In der westlichen Welt führt der Versuch, das Wirtschaftswachstum weiter aufrechtzuerhalten, derzeit zu einer gefährlichen Entgrenzung des Geldes, der Realwirtschaft, politischer Institutionen und des Menschen.

Als erster Schritt, um den Wachstumszwang zu brechen, müßte also der Staat als Umverteiler und Garant einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Frage gestellt werden. Das würde bedeuten, daß wir auch in schlechten Zeiten nicht nach ihm rufen und von ihm keine Finanzspritzen auf Pump mehr erwarten sollten.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

3 Kommentare zu “»Hat die Erde eine Zukunft?«

  1. Der Artikel ist im Ansatz sehr gut, driftet jedoch bei »unseriös« ab. Na klar, niemand kann eien genaue Tragfähigkeitsberechnung angeben. Fakt ist aber es wird der Tag kommen, an dem die Erde ein Bevölerungswachstum von 0,000% erlebt. Es geht nicht anders. Ich wünsche mir auf Seiten der intellektuellen Rechten gesunden Menschenverstand unter Einschluss naturwissenschaftlicher Fundamentalkenntnisse und keine Spinndoktorei. Die Frage ist doch, wie wir in Anbetracht endlciher Ressourcen leben wollen. Je mehr Menschen es gibt, desto unfriedlicher und Kampfbetonter wird das Leben auf der Erde. Artensterben und Verteilungskämpfe um Frauen, Wasser und Landwirtschaftliche Flächen sind in vollem Gange. Daran kann jeder sehen, dass 7 Milliarden zu viel sind! Da braucht ihr keine Berechnung wieviel Weizen man noch im letzen Winkel Sibiriens und im Kongo anbauen könnte! Das ist mit Verlaub schlicht und einfach hirnamputiert! Ich will nicht auf Fleisch und Milch verzichten, damit irgendwer nach seiner Steinzeitreligion oder seinen eigenen Regeln lebt, die ihm 7 Kinder oder mehr vorschreiben. Wollt ihr jeder mit einem Kanten Brot pro Mann und Tag im Hochhausschließfach in einem Großstadtmoloch auf 10 qm wie die Karnickel leben? Ja, das würde reichen, zu nicht mehr als dem nackten Leben eines Viehs. Habt Ihr denn gar keine Idee mehr von der alten Freiheit unserer Vorväter? Es reicht mir aber schon jetzt! Die Bevölkerungsexplosion ist die Wurzel allen Übels seit Eva in den Apfel gebissen hat. Das muss aufhören, kein Preis ist dafür zu hoch. Jünger schreibt: »Man sieht, wie Äcker , die durch dreißig Geschlechter Besitzer und Pächter nährten, zerstückelt werden, auf eine Weise, die alle darben lässt.« (Waldgang, S. 86, davor noch zur Freiheit) Das hängt nicht nur mit der Frage des Eigentums, sondern der der Bevölkerungsquantität zusammen.

  2. Bestimmt, aber ohne Nasen!

    Subhumans

  3. Beim Staat in dieser Frage nach einem realistischen Ansatzpunkt zu suchen und sich nicht mit den potentiellen Totalitarismen aufzuhalten klingt vernünftig.
    Radikale Reduzierung aller Subventionen, besonders bei der Landwirtschaft, bei uns in Europa sind ein Aspekt. Diese scheinen u.a. geradezu dazu geschaffen worden zu sein, Afrikaner in die Armut und zu uns zu treiben, siehe folgende Dokumentation:
    http://www.youtube.com/watch?v=C633o2omiAc&list=PL8FCB6D84958C56C2

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