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Hegemann lesen?

hegemannWenn junge Autoren überraschenderweise ein großes Publikum erreichen, dann ist es für uns als Kulturmagazin für Schüler und Studenten geradezu eine Pflicht, darüber zu berichten. So haben wir auch vor drei Jahren über das »Wunderkind« Helene Hegemann berichtet, die nun mit Jage zwei Tiger ihren zweiten Roman vorgelegt hat.

Ihr erster Roman Axolotl Roadkill zählte 2010 zu den literarischen Sensationen und wurde von Kritikern frenetisch umjubelt. Das änderte sich erst, als herauskam, daß große Teile des Werkes abgeschrieben waren. Unsere Rezensentin Kristina Kesselring stellte in ihrer Besprechung fest:

Die Kritiker liebten sie viel zu bereitwillig, wie sich nun herausstellte. Hegemann – eine billige Plagiatorin, dutzende Seiten ihres Werks gestohlen, manchmal blank abgeschrieben. Ein eindeutiges Armutszeugnis für alle Literaten und Feuilletonisten, die ihr zu Füßen lagen und darüber hinaus offensichtliches übersehen wollten. Irgendwie musste man sich nun aus der Affäre winden – und das auf beiden Seiten. Die meisten Zeitungen schlugen nun ganz andere Töne an, betrogen worden seien sie, wir alle. Nun machte Hegemann die Erfahrung, die andere erst nach Jahrzehnten machen. Wer hoch hinaus kommt, kann auch sehr tief fallen.

Welche Schlüsse hat nun Hegemann für ihren zweiten Roman aus diesem Skandal gezogen? Lohnt sich überhaupt die Lektüre des neuen Buchs?

Die Süddeutsche Zeitung von heute kritisiert an Jage zwei Tiger, daß der Roman sich nicht an Gleichaltrige richte, sondern einzig und allein »an die Adresse des kulturellen Establishments«.

Weiß Helene Hegemann, dass sie mehr beschreiben könnte, als eine neu einsetzende Quadrille des Immergleichen? Doch statt sich und ihre Generation abzugrenzen, versucht sie alle Differenzen zu überspielen, alle einzuladen, die skeptisch und abgezockt genug sind. Dieses Buch krankt an seinem vorauseilenden Exhibitionismus. Daran, dass Hegemann doch nur den Voyeurismus des Kulturbetriebs befriedigt. Statt mehr einzufordern als ein privates, kaugummiverziertes Glück, etwa den Anspruch auf etwas, das Zukunft heißt.

Ohne das Buch bisher gelesen zu haben, aber ich kenne Axolotl Roadkill: Ich vermute die Süddeutsche hat Recht. Hegemann ist keine, die das Lebensgefühl der jungen Generation einfangen kann oder auch nur will. Die Suche nach einem jungen Genie, dem das gelingt, geht also weiter.

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1 Kommentar zu “Hegemann lesen?

  1. Mal ehrlich: Was soll diese »Rezension« bezwecken?
    Ein Autor, der selber schreibt, dass er das Buch nicht gelesen hat, es aber aufgrund des Vorgängers und einer Süddeutschen-Rezension meint bewerten zu können … das ist doch daneben!
    Sie können schreiben, dass ihr erster Roman misslungen ist, wenn Sie ihn gelesen haben, und nur das. Aufgrund einer Lektüre, die drei Jahre her ist, auf ein ungelesenes Buch zu schließen ist der Autorin gegenüber einfach unfair.
    Jaja, Plagiatsvorwürfe, das war auch wirklich nicht sauber von ihr. An Formulierungen wie »große Teile des Buches« störe ich mich dennoch. Welche großen Teile? Von offizieller Seite ist stets von »zwei Seiten« die Rede. »Große Teile« ist da wohl eher die Formulierung einer BILD-Redaktion.

    Ich selber kann mit Hegemann nichts anfangen, hab schon ihr erstes Buch nicht durchgestanden und werde ihr zweites gar nicht erst beginnen. Aber soviel Fairness ist dennoch angebracht, dass ein Buch GELESEN und dann bewertet wird, nicht aufgrund von Skandälchen in die Tonne gekloppt, bevor man es aufgeschlagen hat.

    Ade! Bob.

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