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Heino, Teil II: Nazi-Dunkelziffer

heino2Es ist klar, daß die Debatte um den Nazivorwurf von Jan Delay an Heino hauptsächlich über die BILD-Zeitung ausgetragen wird. Heute also der nächste Akt: Während Freunde und Kollegen Heino größtenteils den Rücken stärken, stellt die BILD die Gretchenfrage: Wie haltet ihr es mit dem Nationalsozialismus? Die mitgelieferte Antwort für die Leser zeigt, daß der Nazivorwurf überhaupt nicht an »echte« Nazis gerichtet ist.

Es geht vielmehr darum, das Denken der Menschen im Sinne einer linken Ideologie einzuschränken und eine »Herrschaft des Verdachts« zu etablieren. Die BILD schreibt also:

Das Problem bei der Verortung eines Menschen als Nazi ist es, dass die Grenzen fließend verlaufen: Von der Ausländerfeindlichkeit zu Rassismus, von Antisemitismus zu Judenhass, von Patriotismus zum Nationalismus und so weiter. Und noch etwas kommt dazu: Wer kann schon in die Hirne der Menschen schauen? »Dunkelziffer« heißt das Schlagwort. Wer weiß schon, ob jemand »nur« ein heimlicher Sympathisant ist?

»In die Hirne der Menschen schauen« – so argumentiert man, wenn man jemandem etwas unterstellen will, ohne handfeste Beweise zu haben. Nach dem Motto: Er sagt es zwar nicht, meint es aber. Nach dieser Logik läßt sich aus jedem Patrioten ein »heimlicher Sympathisant« des Nationalsozialismus machen.

Metaphysische Nazis

2008 hatte ausgerechnet der derzeitige Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Bordkorb (SPD), auf die Absurdität dieser Vorgehensweise hingewiesen. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung mit dem Titel »Der metaphysische Nazi« verteidigte er die Neue Rechte (insbesondere Alain de Benoist) und den Konservatismus gegen Nazivorwürfe.

Wenn schon vor jeder Analyse feststeht, dass einer wie de Benoist in Wahrheit ein Neonazi in Nadelstreifen sei, dann kann er machen, was er will. Nur wenn er sich offen als Neonazi bekennt, sind seine Kritiker zufrieden. Unternimmt er jedoch den Versuch, seinen Standpunkt zu erklären und das auch noch feinsinnig, kann ihm dies ebenfalls nur zum Nachteil gereichen. Es würde lediglich die Vorurteile seiner Kritiker bestätigen, dass der Franzose in Wahrheit ein so kluger, gerissener Neonazi sei, dass die chamäleonhafte Verstellung nicht einmal ein Experte zu entschlüsseln in der Lage ist. Der neurechte Intellektuelle entpuppt sich so als »metaphysischer« Nazi, der seine Gefährlichkeit gerade dadurch zeigt, dass sie nicht nachweisbar ist.

Für Brodkorb ergeben sich aus dem unreflektierten Nazivorwurf drei Hauptprobleme:

  1. Der Holocaust wird verharmlost, wenn jeder ein Nazi sein kann: »Man beraubt sich so jedes spezifischen Begriffs für das wohl größte Verbrechen der Menschheit.«
  2. Alle rechten und rechtsextremen Ideologien jenseits des Hitlerismus geraten aus dem Blickfeld. Brodkorb wirft es gerade seinem eigenen Milieu vor, in der Vergangenheit hängengeblieben zu sein. Es konzentriere sich ausschließlich auf die zwölf bösen Jahre. Währenddessen sei die rechte und rechtsextreme Szene schon viel weiter und in der »Postmoderne« angekommen. Das wiederum sorge für die linke Szene für ein Problem: Ihre »Waffen von gestern« seien »stumpf« geworden. Folgt man Brodkorb, müßte sich die Linke also den Argumenten der Rechten (zu Masseneinwanderung, Dekadenz, Kulturverfall, Gender, EU-Kritik, …) stellen und sie inhaltlich besiegen. Brodkorb vergißt dabei eins: Diese diskursive Vorgehensweise wäre anstrengend und würde die meisten Linken intellektuell überfordern.
  3. Die politische Kultur in Deutschland wird beschädigt. Nutznießer davon sei ausgerechnet die CDU, die sich so über Jahrzehnte eine gemäßigt rechte Konkurrenz vom Halse halten konnte. Brodkorb vertritt die Meinung, daß gerade die SPD ein Interesse an der Entstehung einer demokratischen Rechtspartei haben müßte, wenn sie jemals wieder den Kanzler stellen will.

Sollte die SPD also die Entstehung der Alternative für Deutschland begrüßen? Aus machtpolitischer Sicht begeht Brodkorb einen entscheidenden Denkfehler: Die Bürger in Deutschland wünschen sich keine »rechte« Partei, sondern eine Alternative zu allen etablierten Parteien. Nur so ist es zu erklären, warum die AfD bei der Bundestagswahl von allen großen Parteien Wähler abwerben konnte.

Der Erfolg der Non-Konformen

Das ist die politische Dimension der derzeitigen Verschiebungen im Koordinatensystem der Parteien. Nach dem Erfolg von Akif Pirinçci wird man auch von einer kulturellen Dimension sprechen müssen: Die »Waffen von gestern« und der Gründungsmythos der Bundesrepublik (Auschwitz) mögen als Einlaßschranken für das politisch-mediale Establishment noch funktionieren. Ganz sicher sorgen sie aber auch dafür, daß das Lager derjenigen, die draußen bleiben müssen, rasant wächst und deutlich mehr Zuspruch aus dem Volk erhält als die Opportunisten in Nadelstreifen von taz bis BILD und Linkspartei bis CDU.

nazivorwurfIm vierten Band der Reihe BN-Anstoß setzen wir uns mit dem Nazivorwurf auf 100 Seiten auseinander. Das Büchlein erscheint Anfang Juni und kann hier vorbestellt werden. Die Autoren sind Felix Menzel, Johannes Schüller, Carlo Clemens, Gereon Breuer, Andre Rebenow und Philip Stein.

 (Bild: Heino / ger1axg / CC)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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