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Henning Ritter gestorben

henning_ritterHenning Ritter ist gestern im Alter von 69 Jahren gestorben. Die meisten unserer Leser werden ihn vermutlich nicht kennen. Ich bin auch erst auf ihn aufmerksam geworden, als in unseren wöchentlichen Kulturtips sein Buch Die Schreie der Verwundeten. Versuch über die Grausamkeit empfohlen wurde.

Das Buch hatte mein Interesse geweckt, weil ich mir einige Erkenntnisse über die »totalitäre Moderne« erhoffte. Ritter schildert in dem Buch, wie und warum aus den nachvollziehbaren Gründen und guten Absichten der Revolutionäre Systeme der Vernichtung, Denunziation und Grausamkeit entstehen. Der Sohn von Joachim Ritter präsentiert dazu zwar keine neuen Gedanken. Er beschränkt sich darauf das Wesentliche, was zu dieser Frage bisher gesagt wurde, zu filtern und verständlich zu erzählen. Somit kann der Leser sich die Lektüre ganzer Bücherreihen sparen, wenn er hier aufmerksam zuhört.

Mit Friedrich Sieburg weist Ritter auf die Grundeigenschaft der blutrünstigen Revolutionäre am Beispiel von Robespierre hin: Es ist die unbedingte Konsequenz, der Drang, »Worte zu Taten« zu machen.

Die Konsequenz verbindet das Gute und das Böse so, daß sie ineinander umschlagen: Das mit letzter Konsequenz gewollte Gute wird böse, das Böse treibt das Gute aus sich hervor.

Robespierre habe sich nicht am Rationalismus des Gesellschaftsvertrags orientiert, sondern »an dem Gedanken der Regeneration und der Erneuerung des Menschen«. Immer wenn es um diesen Neuen Menschen geht, droht ein totalitäres Regime. Totalitarismus ist damit also weder rechts noch links, noch sind die Deutschen oder die Franzosen anfälliger für ihn. Er ist ein Phänomen der Moderne, das sich bis heute hält, wenn es etwa um den »moralisch perfekten«, politisch- sowie ökologisch-korrekten Menschen geht, der noch dazu seine Gesundheit so zu optimieren habe, daß die Demographiefalle nicht ganz so dolle zuschnappt.

Mit Benjamin Constant legt Ritter dar, daß in einer freiheitlichen Gesellschaft deshalb jeder Bürger ein Recht auf Gleichgültigkeit gegenüber der Politik haben müsse. Der paradoxe Charakter der Geschichte will es nun aber, daß diese geforderte Gleichgültigkeit zugleich der nächste Grund für eine Radikalisierung im Schatten der Friedfertigkeit ist. Ritter betont:

Friedlichen Völkern werden Kriegsgründe und Kriegsziele präsentiert, die so unkriegerisch erscheinen wie nur möglich. (…) Am Horizont zeichneten sich Kriege ab, die um der Friedlichkeit menschlicher Existenz willen geführt werden – letzte Kriege.

Diese »letzten Kriege« sind »totale« Kriege und können aufgrund der technischen Errungenschaften der Zivilisation von Menschen geführt werden, die eigentlich an Verweichlichung leiden. Mit Constant gesprochen:

Diese Vandalen verbinden die Brutalität der Barbarei mit dem Raffinement der Verweichlichung und die Hinterhältigkeit der Habgier mit den Exzessen der Gewalt.

Die Reise von Ritter durch die Ideengeschichte geht danach weiter mit Tocqueville, Schopenhauer, Henri Dunant und Charles Darwin. Hier geht es zu dem Buch!

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