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hier & jetzt im Ausnahmezustand

Schon vor über einem Jahr habe ich die Zeitschrift hier & jetzt des NPD-nahen Bildungswerk für Heimat und nationale Identität besprochen und als »Achterbahnfahrt zwischen der Alten und Neuen Rechten« bezeichnet. Was hat sich seitdem getan? Die aktuelle Frühjahrsausgabe 2012 beschäftigt sich mit dem »Ausnahmezustand«. Chefredakteur Arne Schimmer knüpft an den italienischen Philosophen Giorgio Agamben an, indem er von einem »permanenten Ausnahmezustand« spricht, der von Sondergesetzen, supranationalen Institutionen, der Skandalokratie und einem sich schleichend ausweitenden Sicherheitsapparat getragen werde.

Der Anlaß für diese Überlegungen sind die Geschehnisse nach der Enthüllung der NSU. Obwohl selbst heute die Ermittlungen zur »Zwickauer Terrorzelle« längst nicht abgeschlossen sind, steht für die gesamte Politikerklasse schon seit Monaten fest, welche Schlüsse aus diesem Fall zu ziehen sind. Die NPD soll verboten werden – unabhängig davon, ob es für die radikal rechte Partei vielleicht auch entlastendes Material (wie z.B. die Verstrickungen des Verfassungsschutzes) gibt.

Neben den Gefahren für die Rechte nach der NSU geht es in der hier & jetzt aber schwerpunktmäßig um ein anderes Thema, das diejenigen überraschen dürfte, die glauben, die Rechte sei mit dem Nationalstaat verheiratet und habe aus diesem Grund keine Europa-Vision. Zunächst ist in dem Heft der Essay »Der Reichsgedanke. Das Modell für die zukünftige Struktur Europas« von Alain de Benoist abgedruckt, der bereits 2001 auf Deutsch erschienen ist, aber überhaupt nichts an Gültigkeit eingebüßt hat:

Europa, wenn es zustande kommen soll, braucht eine politische Entscheidungseinheit. Diese politische Einheit kann aber nicht nach dem jakobinischen, also zentralisierenden Modell der Nation errichtet werden, sonst liefe sie Gefahr, den Reichtum und die Vielfalt aller seiner Bestandteile zu verlieren. Sie kann ebensowenig allein aus der wirtschaftlichen Supranationalität hervorgehen, von der die Brüsseler Technokraten träumen. Eigentlich kann Europa nur nach dem Modell der Föderation zustande kommen, einer Föderation aber, die eine Idee, einen Entwurf, ein Prinzip in sich trägt, das heißt letzten Endes das imperiale Modell. (…)

Imperiales Prinzip oben, unmittelbare Demokratie unten: Das würde eine alte Tradition erneuern!

Die Hauptaufgabe des »imperialen Modells« ist es dabei, Schutz für die eigene Vielfalt zu bieten. Alain de Benoist unterscheidet zwischen einem sowjetischen Imperialismus, der zentralistisch ist; einem amerikanischen, der die weltweite Kulturhegemonie über den Konsum anstrebt; und eben dem europäischen Modell.

Wir sind sogar der Auffassung, daß wir gerade im Namen dessen, was das Reich/Imperium wirklich ist, die modernen Imperialismen anklagen können und müssen.

In eine ähnlich konstruktive Richtung argumentiert in der ersten Hälfte seines Beitrags Tomislav Sunic, der über »Endzeiten« schreibt und sich dabei über »Die Balkanisierung Europas und Jüngers Anarch« Gedanken macht. Sunic wendet sich mit Ernst Jünger gegen die Untergangsstimmung, die viele Rechte ausleben:

Das Schicksal darf geahnt, gefühlt, gefürchtet, aber es darf nicht gewußt werden. Verhielte es sich anders, so würde der Mensch das Leben eines Gefangenen führen, der die Stunde seiner Hinrichtung kennt. (An der Zeitmauer)

Um sich nicht dieser Gefangenschaft freiwillig auszuliefern, lautet übrigens der zentrale Aufruf unserer ersten Thesen-durch-Fakten-Anschläge »Pessimismus ist Feigheit«. Die Geschichte verläuft immer chaotisch und zum Glück mit einer unkontrollierbaren Ironie, auf die auch Sunic hinweist. So könne es durchaus sein, daß gerade die Masseneinwanderung nach Europa zu einer Schärfung der eigenen Identität beiträgt.

Je mehr hereinkommen, desto mehr sind wir uns unserer eigenen Herkunft bewußt.

Sunic gelingt es danach, den Nationalismus alter Prägung von einem gemeinsamen europäischen Kulturbewußtsein abzugrenzen.

Alle bisherigen Methoden der nationalen Selbstbestimmung – wie die Zugehörigkeit zu seinem Stamm oder einem eigenen Staat auf Kosten der benachbarten europäischen Staaten und Stämme, beispielsweise Polen gegen Deutsche, Serben gegen Kroaten oder Iren gegen Engländer – haben sich als katastrophal erwiesen. Solche exklusiven Nationalismen legitimieren nur das neomarxistische und -liberale Experiment des Multikulturalismus.

Zudem weist Sunic darauf hin, daß an der europäischen Misere nicht die Einwanderer Schuld tragen, sondern die Politiker und »ihre sogenannte kapitalistische ›Superklasse‹«. Das alles ist absolut richtig und es ist bemerkenswert, daß eine NPD-nahe Zeitschrift zu diesen Schlüssen kommt, da das öffentliche Erscheinungsbild der Partei etwas anderes nahelegt.

Der Beitrag von Sunic zeigt jedoch leider in der zweiten Hälfte, warum es häufig so leicht ist, die Rechte zu stigmatisieren. Wer verleumdet wird und sich sogar in die Nähe von Terroristen gerückt sieht, der neigt verständlicherweise schnell dazu, emotional und polemisch auf diese Absurditäten zu reagieren. Gerade im »permanenten Ausnahmezustand« ist es jedoch wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und die eigene intellektuelle Spannkraft aufrechtzuerhalten. Sunic jedoch tappt in die Falle und bricht mitten in seinem Text die Argumentation ab und beginnt, mit populistischen Vokabeln und Sätzen um sich zu werfen:

Das Kapital mit seinen Schmugglern von Menschen und Gütern auf der einen und die Antifas, Päderasten, Menschenrechtsaktivisten und christlichen Aktivisten auf der anderen Seite: das sind heute die echten Wortführer für die Abschaffung der Grenzen und die Lautsprecher für ein multirassisches, multikulturelles und wurzelloses Europa.

Das, was hier angeblich geschieht, bezeichnet Sunic auch salopp als »Überfremdungsterror«, ohne begründen zu können, wer diesen Terror nun eigentlich ganz genau ausübt. Im Zweifelsfall sicher alle: Kapitalisten, Christen, Antifas, Menschenrechtsaktivisten, …

Man kann diese Polemik nicht ernst nehmen, weil unbeachtet bleibt, daß es Unternehmen gibt, die nicht vom »Multi-Kulti-Virus« befallen sind, sondern einfach nur über Ländergrenzen hinweg Handel treiben, weil sie anders nicht existieren können. Ich denke dabei  an den innovativen Mittelständler, der seine Waren weltweit exportiert, weil sie einfach gut sind und weil er damit Geld verdient. Wie undifferenziert die Analyse der »Kapitalisten« ist, zeigt sich selbst mit einem Blick auf wenig sympathische Konzerne wie NOKIA, die gerade nicht für Masseneinwanderung nach Deutschland sorgen, sondern die Menschen in Niedriglohnländern gnadenlos ausnutzen.

Die hier & jetzt bleibt also eine Achterbahnfahrt. Neben ausgezeichneten Analysen und einem lobenswerten Blick über den Tellerrand stehen polemischer Unsinn und Thesen, die ständig wiederholt werden, aber davon auch nicht richtiger werden.

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4 Kommentare zu “hier & jetzt im Ausnahmezustand

  1. Bringtnix

    Man hat das Gefühl, daß nichts mehr hilft. Dann wenigstens schön auf die Kacke hauen und mal schauen, was geschieht.
    Kein schlimmrer Irrtum als der, stets sei das Analytische lobenswert und das Polemische unsinnig. Meist ödet das erste an, während das zweite fetzt. Deswegen gähnen die meisten JF-Abonnenten so oft, während die hier&jetzt-Leser Molotowcocktails trinken.

  2. Die h&j will aber doch gerade eine analytische Zeitschrift sein und keine polemische.

    Mir ist übrigens vollkommen klar, daß man die Menschen unterschiedlich ansprechen muß: die einen eher mit Argumenten, die anderen eher über das Gefühl.

    Aber die h&j hat sich ja mit ihrer Grundausrichtung von Vornherein auf die Seite der Argumente geschlagen.

  3. Vinneuil

    Ich sehe kein Problem an der Polemik Sunics, und die Akteure, die sich zu der Durchführung der von ihm benannten Politik zusammenschließen, sind uns ja auch hinreichend bekannt. Ds wissen wir doch alle, wer diesen »Terror« ausübt, finanziert, propagiert (Kapitalisten, Käßmannchristen, Antifas, Menschenrechtsaktivisten), das ist zunächst eine schlichte empirische Tatsache, und dann eine Herausforderung dafür eine Erklärung und einen gemeinsamen Nenner zu finden.

  4. Petrus Urinus Minor

    »Das Kapital mit seinen Schmugglern von Menschen und Gütern auf der einen und die Antifas, Päderasten, Menschenrechtsaktivisten und christlichen Aktivisten auf der anderen Seite: das sind heute die echten Wortführer für die Abschaffung der Grenzen und die Lautsprecher für ein multirassisches, multikulturelles und wurzelloses Europa.«

    »Das, was hier angeblich geschieht, bezeichnet Sunic auch salopp als “Überfremdungsterror”, ohne begründen zu können, wer diesen Terror nun eigentlich ganz genau ausübt. Im Zweifelsfall sicher alle: Kapitalisten, Christen, Antifas, Menschenrechtsaktivisten, …«

    Ähm, was denn sonst?

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