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Ich lebe mein Leben

ersteworte»Ist es möglich, dass nicht die anderen die Masse sind, sondern Mittelmäßigkeit ein auch Dich knechtendes Phänomen ist? Ist es möglich, dass Du dem Zwang erliegst, den Mittelmäßigen zu antworten? Und solltest Du nicht besser auf das antworten, was aus Dir selbst kommt, was Dir in einem ruhigen Moment offensichtlich wird und was Du findest, weil Du einmal in Dich hineingehört hast? Wenn all das auch nur zu einem Bruchteil möglich ist, solltest Du zuerst einmal das Zuhören lernen und jenen folgen, die ständig am Üben sind. Denn Üben heißt, sich seine Vitalität zu bewahren und am Leben aktiv teilzunehmen. Mit Zuhören und Üben beginnt das mühselige Verrücken der Steine, das notwendig ist, um unsere Kultur zu verstehen. Kultur schimmert nicht an der Oberfläche.«

Diese einleitenden Sätze stammen aus unserem Buch Erste Worte nach dem Gedankenstrich. Sie sind bis heute gültig und werden es auch bleiben. Um die Kunst, Literatur und Lyrik kommt man nicht herum, wenn man sich von der Mittelmäßigkeit verabschieden möchte.

Alle Steigerungen geistiger und leiblicher Art beginnen mit einer Sezession von der Gewöhnlichkeit.

druckausgabe11… schreibt Peter Sloterdijk in seinem Werk Du mußt dein Leben ändern. Im Titelbild unserer Jubiläumsausgabe 5 Jahre Blaue Narzisse (9/2009) haben wir dieses Problem zudem einmal mit Rodins Denker visualisiert.

Nun geht es aber bei dieser Sezession vom Gewöhnlichen nicht um eine radikale Abkehr vom bisherigen Leben. Die Kunst liegt vielmehr darin, diese Sezession in Einklang mit der Tradition zu bringen. Vielleicht hilft uns dabei Rilkes Gedicht »Ich lebe mein Leben« (1899) weiter:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Mehr zu Rilke, der Sezession von der Masse und ersten Gehversuchen in Kunst und Literatur in unserem Buch Erste Worte nach dem Gedankenstrich.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare zu “Ich lebe mein Leben

  1. eddy edmund

    Entsteht nicht »Alles« erst einmal aus sich selbst heraus..ist (geistiges) Leben nicht zuallervorderst ein Ballon
    den jeder nach eigen Fasson zu fuellen gedenkt ?! Ist »Mittelmaessigkeit« nicht stets ein Spiegelbild einer verzerrten Wirklichkeit ? Ist mit »ueben« Aktiv-nach eigen Sinn/Zweck,Gutduenken oder Passiv- nach Vorgabe,Tradition/Riten gemeint…! Ein Medium Schnitt »Bildung 3 komma…« kann 10 mal 3 auf 10″ oder aber auch aus »6 mal 1&
    4 mal 6″ bedeuten…! A hat sicher mehr »geuebt«,B ist sicher zufriedener
    ,erfolgreicher…!Tradition,Bildung,
    Riten bilden erst einmal nur ein Geruest fuer die zwischen 1&9 auf der Skala »Null auf Zehn«…eruebtes wissen heisst noch lang nicht Wissen zu nutzen wissen!

  2. eddy edmund

    Und was ist Kultur ?! Vielleicht irgentwo doch (nur) eine variable ver-/ererbbare Summe …Wenn dem so ist & davon gehe ich aus frage ich mich allerdings ob von »Null oder Zehn« auf Werteskala vererbt..! Und wenn ich die Veraenderung in meinem Umfeld – von Heimat spreche ich mangels noch vorhandener emotionaler Komponente nicht…also diese neue Casting Kultur »nebenan« betrachte kommt mir der »Untergangsbunker des Fuehrers« wie eine Insel der Gluecksseligkeit vor…!Ich frage mich in Anbetracht dieser Castingkultur der nummerisch immer groesser werdenden alleruntersten Kaste…wer sitzt eigentlich in der Jury bei Beurteilung dieser »Verjudung«?! Es entspricht einer Art »geistigem allumfassenden Big Brother – auf Titten und…Ha,Ha.
    .zugegebenermassen oft nicht schlechte Aersche reduziert«
    Und hier ist Zions Amoral vielleicht am offensichtlichsten …Kiltur als klar definierter Feind der geplanten »One world Konsumenten
    Gesellschaft«…erinnert mich an einen Thriller ueber einen US Drogenjunkie – die Chimaere muss auf dem »Altar Zions einen Ehrenplatz inne gehabt haben«…scheinbar 24 Stunden am Tag wach- im extremsten Urkonsumentenformat! Als Contraer der
    natuerlich negroide »Schoengeist« dessen Pseudokultur aus wahlloser Relikienansammlung bestand…die Dinge standen dann
    aufgereit in »Castingkultur«…nicht nach Epochen sondern nach aufgeklebten Preisschildern geordnet…! Leider suchte ich vergeblich…Ha,Ha…nach den Preisschildern auf den zwischen Kunstgenuss koksenden Titten & Aerschen…! Nungut die Aersche im Sinne eines in der Suedsee koksen & nebenbei malenden Franzosen natuerlich auch Kunst…Ha,Ha…und einige »Titten« erweckten in mir tatsaechlich mal wieder den Wunsch nach Voelker verbindender Kultur- kleiner Scherz…Ha,Ha…ausser fuer die die Eddy Edmund leibhaft kennen…! Sollte jetzt nicht platt klingen…eher nach sinniger molto,molto kultureller Integration…!
    Wobei »multi« & »kulturel« das Stichwort das Fragen aufwuerft waere…Zum Beispiel die warum »multi« ,mehrere auf kleinem Raum existente Kulturen erst als ueberaus positiv propagiert werden (»kulturelle Vielfalt«) um folgend ebend diese hemmungslos zu einem »monokulturellem« Einheitsbrei zu vermischen…!? Erinnert mich an ein Werbeflyer(«Esskultur«) eines Restaurantbesitzer mit neuer Geschaeftsidee fuer Gesellschaften ab 10 Personen…Der gute Mann besitzt scheinbar 100 Speisekarten vom Chinesen, Italiener bis zum Mexikaner aus seiner Stadt und er bietet ein 4 Gaenge Menue an wobei der Clou
    ist das alle 40 Speisen (ausgehend von 10 Gaesten) in einem anderen Restaurant hergestellt werden und trotzdem Gang fuer Gang zeitgleich (und friach,ggf.warm) von seinem Personal serviert werden…ich fragte mich kurz ob Logistik UPS neuerdings Leute in die Gastronomie entlaesst-trotz Anerkennung fuer die(bei Gelingen) reife logistische Leistung beschlich mich allerdings ein ungutes Gefuehl…
    Awaiting…worauf auch immer…

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