Gesichtet

Impfzwang? Wer spaltet hier die Gesellschaft?

Der Winter steht vor der Tür und wieder einmal – wer hätte es gedacht – steigt saisonbedingt die Zahl der Atemwegserkrankungen, darunter natürlich auch Covid-19. Und wieder einmal – ein Schelm, der Böses dabei denkt – verliert die Politik den Kopf, die Kontrolle und jedes Maß.

Corona sei „mit aller Macht zurück“, wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verlauten lässt. Diskussionen über ein Ende der pandemischen Lage von nationaler Tragweite seien „absurd“. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) spricht sogar schon von einem weiteren Lockdown – für alle.

Boostern?

Dabei wurde uns gesagt, alles sei dieses Mal nur halb so schlimm. Schließlich haben sich rund 80 Prozent der Erwachsenen schon impfen lassen. Jetzt heißt es auf einmal: Kommando zurück. Noch-Kanzleramtschef Helge Braun spricht schon davon, dass zwei Pikse nicht automatisch vollständig geimpft bedeute. Boostern ist das Wort der Stunde. Auch Markus Söder spricht sich für einen automatischen Verfall des Impfstatus nach spätestens neun Monaten aus. Am besten alle und gleich boostern – auch wenn führende Wissenschaftler sich dagegen aussprechen.

Abseits von derlei Überlegungen sind es aber einige andere Punkte, die mal wieder vorn und hinten keinen Sinn ergeben. So ist die FFP2-Maskenpflicht Teil der erneuten Verschärfungen im Kampf gegen das Virus. Seltsam nur, dass WHO und EU bereits vor einiger Zeit festgestellt haben, dass eine FFP2-Maske keine messbaren Vorteile zu einer herkömmlichen medizinischen Maske bietet.

2G sei Dank haben wir keine Ahnung, wo neue Infektionsherde entstehen. Und das, obwohl es scheinbar so wichtig sei, Infektionsketten zu durchbrechen. Es ist zwar schon lange bekannt, dass Geimpfte keine sterile Immunität besitzen und daher das Virus genauso weitergeben können. Wenn nun aber alles 2G wird, testet sich auch niemand mehr. Wissenschaftler sagen jedoch, nur das Testen ermöglicht uns einen Überblick, wo und wie sich Menschen infizieren. Die Schelltests waren aber kostenpflichtig und Geimpfte müssen sich ohnehin kaum testen.

Der Umstand der temporär kostenpflichtigen Tests lässt sich auch nur als pädagogische Maßnahme verstehen. Ungeimpften soll unter anderem damit das Leben schwergemacht werden. Denn das Argument, es sei nicht fair, die Kosten der Allgemeinheit aufzubürden, nachdem jeder ein Impfangebot bekommen habe, ist scheinheilig. Schließlich wurde die Entwicklung der Impfstoffe auch mit Steuergeld finanziert. Und jede Injektion wird von der Allgemeinheit bezahlt und damit auch von den Ungeimpften. Das ist dann aber in Ordnung?

Pandemie der Ungeimpften?

Ständig wird zudem von einer „Pandemie der Ungeimpften“ geredet. Das ist aber gleich aus mehreren Gründen falsch. Waren Anfang Oktober noch 25 Prozent der Coronapatienten auf deutschen Intensivstationen vollständig geimpft, waren es zur Mitte des Monates schon 30 Prozent. Aktuell geht man von teils 40 Prozent vollständig geimpfter Intensivpatienten aus. War zu erwarten gewesen, nichtsdestotrotz tut die Politik überrascht.

Dem sächsischen Ministerpräsidenten war die Überraschung buchstäblich ins Gericht geschrieben, als ihm der Chefarzt der Uniklinik Leipzig darüber informierte, dass in annähernd der Hälfte der mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten in seinem Krankenhaus vollständig Geimpfte lägen und auf der Normalstation die Geimpften sogar mehr als die Hälfte der Betten füllten.

So geschützt sind die Geimpften dann doch nicht, vor allem die alten Geimpften. Dennoch wird gebetsmühlenartig wiederholt, Geimpfte seien geschützt und Ungeimpfte trügen allein das Risiko. Das ist falsch. Vergleicht man die Infektionszahlen und Sterbezahlen der einzelnen Alterskohorten, wird das deutlich. Ignorieren wir einmal die Tatsache, dass junge Menschen in der Regel nur dann an Corona sterben, wenn sie Vorerkrankungen haben und es eine Dunkelziffer gibt. So beträgt die Wahrscheinlichkeit für einen 30-Jährigen, der sich mit Corona infiziert hat, auch daran zu sterben rund 0,014 Prozent. Bei einem 60-Jährigen beträgt das Risiko schon 4,33 Prozent. Wenn sich jener Senior dann impfen lässt und man eine Schutzwirkung von 90 Prozent annimmt – was an sich schon zu hoch gegriffen ist – liegt das Risiko eines solchen Menschen immer noch bei 0,433 Prozent an Covid-19 zu versterben. Vor diesem Hintergrund erschließt es sich nicht, warum der Ungeimpfte 30-Jährige zuhause bleiben muss, während der 60-Jährige zum Kartenspielen in die Kneipe gehen darf.

Der Fall Joshua Kimmich

Ebenso ist das Gerede davon, dass es keine Impfpflicht geben wird, scheinheilig.  Was anderes ist denn die flächendeckende Einführung von 2G als ein faktischer Lockdown für Ungeimpfte? Dazu der massive gesellschaftliche Druck, der aufgebaut wird – siehe Joshua Kimmich. Zudem die ständige Drohung, die Regeln noch weiter zu verschärfen. Der faktische Lockdown für Ungeimpfte ist doch nichts weiter als ein pädagogisches Mittel. Man bekommt so lange Hausarrest, bis man sich impfen lässt.

Und alles dafür, dass unsere Intensivstationen nicht überlastet werden – was nicht einmal während des vergangenen „Corona-Horror-Winters“ der Fall war, wie eine Untersuchung vom April 2021 nachgewiesen hat. Es mag sein, dass die eine oder andere Station diesen Winter vollläuft oder volllaufen wird – nicht zuletzt deswegen, weil dieses Jahr bundesweit rund 5.000 Intensivbetten gekürzt wurden. Die Devise lautet: Betten wegrationalisieren, um anschließend auf volle Intensivstationen verweisen zu können.

Solange in diesem Land ohne Not Intensivstationen verkleinert und Intensivpfleger vergrault werden, kann man nicht von den Menschen erwarten, dass sie sich impfen lassen. Oder haben die verantwortlichen Politiker in den vergangenen zwei Jahren etwas für den Ausbau des Gesundheitswesens – mehr Geld für Pfleger, Betten, Ausrüstung – getan? Fehlanzeige! Und so kann sich ein Karl Lauterbach (SPD) wieder vor die Kamera stellen und das Ende der Welt verkünden.

Eingeflogene Rumänen

Zudem offenbart sich in dieser Bettendiskussion eine seltsame Schizophrenie in der allgemeinen Wahrnehmung. Einerseits sind keine Betten mehr frei und die Ungeimpften an allem schuld. Andererseits gibt es dann doch noch genug Betten, die mit von der Bundeswehr eingeflogenen Rumänen belegt werden können. Das mag aus nachbarschaftlicher Solidarität eine noble Geste sein; will aber nicht so recht zu den hysterischen Mahnungen und Warnungen passen.

Niemanden in Amt und Würden interessiert indes der Schutz der tatsächlichen Risikogruppen: den Alten und Kranken. Denn auch dieses Jahr grassiert Corona wieder munter in deutschen Altersheimen. Und auch dort wird – Impfung hin oder her – erneut munter gestorben. Lieber zwingt man Schülern die Maske auf. Und die Sache mit dem Impfen. Roger Köppel von der Weltwoche fand dazu deutliche Worte: Die Politiker „regieren uns in die Körpersäfte hinein. (…) Sie haben uns gesagt, das sei der absolute Schutz. Jetzt sind die Geschützten gar nicht geschützt und die Geschützten müssen vor den Ungeschützten geschützt werden, weil der Schutz gar nicht schützt.“ Ja, so geht Deutschland im Jahre 2021.


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