Rezension

Ist Harry Potter ein „Nazi“?

Die britische Schriftstellerin Joanne K. Rowling, die mit der siebenbändigen Geschichte um den jungen Zauberer Harry Potter zu literarischem Weltruhm gelangt ist, sieht sich in jüngster Zeit heftiger Kritik ausgesetzt. Auf den ersten Blick mag das erstaunen, zählt doch die „Harry Potter“-Reihe mit weltweit 500 Millionen verkauften Büchern nach der Bibel und dem Koran zu den meistverkauften Büchern der Welt.

Allein im deutschsprachigen Raum gingen 33 Millionen Exemplare über den Ladentisch. Man könnte also meinen, dass es sich bei Rowling um eine vielgeachtete Person handelt. Warum gerät sie nun immer mehr in Misskredit? Nun, sie erlaubt sich eine vom öffentlichen Mainstream abweichende eigene Meinung auf einem sehr umkämpften Themengebiet.

Meinungsfreiheit? Nicht bei Transphobie!

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als Rowling via Twitter Partei für die Ökonomin Maya Forstater ergriff. Diese war nach mehreren genderkritischen Twitter-Beiträgen von ihrem Arbeitgeber, der britisch-amerikanischen Denkfabrik „Centre for Global Development“, entlassen worden. Forstater schrieb etwa: „Ich glaube, dass männliche Menschen keine Frauen sind. Ich glaube nicht, dass ‚Frausein‘ eine Frage der Identität oder weiblicher Gefühle ist. Es geht um Biologie.“

An anderer Stelle formulierte sie: „Ich bin überrascht, dass intelligente Menschen […] sich verrenken, um nicht zugeben zu müssen, dass Männer sich nicht einfach in Frauen verwandeln können.“

Für die Gender-Lobby war das natürlich ein unerhörter Affront. Man kennt dies zur Genüge: Wer nicht freudestrahlend die Regenbogenfahne schwenkt, kann nur eines sein – ein vorurteilsbelasteter, transphober Bösewicht. Dass ein Mensch wegen unliebsamer, aber strafrechtlich völlig irrelevanter Meinungsäußerungen arbeitslos wird, ist leider immer häufiger Realität.

Und so wäre der Fall Maya Forstater wohl kaum weiter an die Öffentlichkeit gedrungen, hätte sich nicht Rowling ebenfalls in einen Twitter-Beitrag hinter die Verfemte gestellt. So schrieb sie etwa: „Zieh dich an, wie du willst. Nenn dich, wie du willst. Schlaf mit welchem Erwachsenen du willst. Lebe das beste Leben in Frieden und Sicherheit. […] Aber Frauen aus ihrem Job werfen, weil sie behaupten, dass Geschlechter real sind?“

Ein anderes Mal stellte sie den Nutzen hormoneller oder operativer „Geschlechtsumwandlungen“ infrage und warnte, dass „Jugendliche, die mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen haben, Hormone verabreicht bekommen oder Operationen durchführen lassen, die möglicherweise nicht in deren Interesse sind“.

Intolerantes Meinungsklima

Nachdem die Kritik an J. K. Rowlings Äußerungen erwartungsgemäß schnell anschwoll und sich etliche Personen des öffentlichen Lebens pflichtgemäß von ihr distanzierten, leistete sich die Erfolgsschriftstellerin aus Sicht der Gendergläubigen einen weiteren Affront. Weder ging sie im lila Büßergewand nach Canossa noch spendete sie als Wiedergutmachung einen hohen Geldbetrag an eine Organisation, die sich für die Rechte sogenannter Transmenschen einsetzt.

Stattdessen initiierte sie mit 152 weiteren Intellektuellen einen offenen Brief, in dem eine intolerante Debattenkultur beklagt wird: „Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird von Tag zu Tag mehr eingeengt. […] Redakteure werden entlassen, weil sie umstrittene Beiträge veröffentlicht haben. Bücher werden wegen angeblicher mangelnder Authentizität zurückgezogen. Journalisten dürfen über bestimmte Themen nicht schreiben. Gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht gewisse literarische Werke zitiert haben.“

Brennende Scheiterhaufen

Zuletzt erregte ein Kriminalroman Rowlings den Zorn der LGBT-Aktivisten, in dem es um einen psychopathischen Mörder geht, der bei seinen Verbrechen in ein Frauenkleid gehüllt ist. Jener Zorn scheint gegenwärtig kaum noch Grenzen zu kennen. So diskutieren derzeit etliche Fans der Autorin, ob man diese noch als guten Menschen bezeichnen könne und ob Person und Werk zu trennen seien.

Ein paar ganz Eifrige erklärten in den sozialen Netzwerken gar den Tod Rowlings, da diese durch ihre vermeintlich transphoben Äußerungen nun für sie gestorben sei. Auch machen immer mehr Videos von brennenden „Harry Potter“-Büchern die Runde. Insbesondere hierzulande sollte man solche Aktionen eigentlich zutiefst missbilligen. Doch ein allgemein vernehmbarer Aufschrei bleibt aus. Schließlich möchte niemand der Nächste sein, der ins Fadenkreuz der Meinungswächter gerät.

Harry Potter – ein „Nazi“?

Es spricht für einen immer enger werdenden Meinungskorridor, dass eine Person wie Rowling, die vormals allseits anerkannt war, nun einer hasserfüllten Kritik ausgesetzt ist, die jeden ohne ein großes finanzielles Polster schon längst in die soziale Vernichtung getrieben hätte. Angesichts dessen ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der vermeintlich transphobe Hintergrund der Autorin genutzt wird, um jene Geschichte, die sie berühmt gemacht hat, ins Kreuzfeuer zu nehmen.

So bietet die „Harry Potter“-Reihe aus Sicht heutiger LGBT- und Antirassismus-Aktivisten genügend Problemstoff. So geht es neben dem Thema Chauvinismus unter anderem um eine eigensüchtige, nur die eigene Karriere verfolgende politische Klasse, die mit ihrer Ignoranz das Wohlergehen der magischen Welt erheblich gefährdet, und um Journalisten, die nur das schreiben, von dem sie glauben, dass die Politiker es hören wollen, und die jeden diskreditieren, der nicht ihrer Linie folgt.

In der realen Welt sind solche Behauptungen heute meist als rechte Verschwörungsmythen bekannt. Aber hauptsächlich geht es um das Thema Liebe. Familiäre Liebe, geistige Liebe, bei der die Sexualität der einzelnen Protagonisten eine höchst untergeordnete Rolle spielt. Das steht ganz im Gegensatz zur heute vielfach vorherrschenden Ansicht, wonach Liebe nahezu ausschließlich auf Sexualität beruht und der Mensch sich nur frei entwickeln kann, wenn er diese möglichst hemmungslos auslebt.

Sind dann die fiktionalen zwischenmenschlichen Beziehungen in der „Harry Potter“- Welt nicht furchtbar reaktionär und antiaufklärerisch? Und was ist mit dem Umstand, dass selbst der liberalste Zauberer niemals auf die Idee käme, die Schranken zwischen der magischen und der nicht-magischen Welt niederzureißen, und er lieber unter seinesgleichen bleiben möchte? Existiert in der realen Welt nicht ein ganz ähnliches Konzept, das man Ethnopluralismus nennt? Ist Harry Potter damit in Wirklichkeit nicht ein „Nazi“?

Starker Tobak, noch! Ob das nach zehn weiteren Jahren linken Kulturkampfes immer noch so ist, wird sich zeigen.

(Bild: Pixabay)


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