Rezension

Jenseits des Kanons (III): „Der Bannwald“

Es gibt Romane, die uns in Zeiten des Niedergangs eine geistige Sommerfrische sein können. Sie bieten Rückzugsorte, sichere Häfen, verlassene Bergklausen der Schönheit und Fülle in einer von Hässlichkeit regierten Welt. Nähern wir uns ihnen, so gewähren sie uns Einlass in eine verlorene Gegenwelt, aus der wir Hoffnung und Kraft für die Gegenwart schöpfen können.

Der Bannwald von Joseph Georg Oberkofler ist ein solcher Roman. Die bäuerliche Familiensaga aus dem Jahr 1939 führt uns zur geistigen Sommerfrische in die windigen Berge und Täler Tirols, der Heimat des österreichischen Schriftstellers – genauer gesagt an den altehrwürdigen Hof der Gennersippe, die bereits seit Jahrhunderten, fest verwurzelt wie ein stolzer Baum aus Urzeiten, in ehrlicher Arbeit ihr Feld bestellt und ihr Weidevieh hält.

Rauhes Gesetz der Natur vs. sanfte Bürgerlichkeit

Eine in unserer heutigen Zeit der allgemeinen Entortung und Entwurzelung geradezu utopisch und romantisch anmutende Vorstellung, wäre da nicht der alltägliche Kampf um Brot, Gut, Boden und junge Herzen. Oberkofler prägte eigens für diesen Kampf den Begriff des bäuerlichen rauhen Gesetzes, antagonistisch zum bürgerlichen sanften Gesetz Adalbert Stifters. Im Vorwort zu seinem Erzählungsband „Bunte Steine“ schrieb jener:

„Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle anderen Menschen sein soll.“

Während Stifter den Menschen als Sittenwesen malt, das im Sinne der Klassik nur durch Gewährleistung von menschlichem Gesetz und Gerechtigkeit gedeihen kann, sieht Oberkofler eher das Urbild des Menschen, das nie von Sanftheit und Bürgerlichkeit, sondern stetig von Aufopferung und Kampf geprägt war. Die Gesetze dieses Ur-Menschen sind nicht die Gesetze der Städte und der Bürger, sind nicht die Gesetze der Händler und Advokaten, sondern die ewigen Gesetze der Natur, die genauso harten wie schönen Gesetze wilden Lebens und das Gesetz der Sippe, die in der bäuerlichen Welt Schutz- und Ordnungsraum zugleich ist, der bürgerlichen Gesellschaft in Wesen und Sinn aber diametral entgegensteht.

Geheimnisvolle und wunderbare Heimat

Hier gelten eben nicht bürgerliche Luftschlösser und liberale Träumereien – hier gilt das rauhe Gesetz, dessen mystische Grundlage bürgerlichen Gerechtigkeitsvorstellungen entgegensteht. Oberkofler selbst beschrieb seinen Weg zu diesem Gesetz im Beitrag „Von vorväterlichen Dingen“ der ersten Ausgabe des Bergland-Heftes 1940 wie folgt.

„Es war mir wohl so bestimmt, in der frühesten Jugend schon auf einigen Höfen unserer Sippe Eindrücke besonderer Art zu gewinnen. Vielleicht auch öffnete sich mein Gemüt empfänglicher für diese Dinge, die anderen eine Selbstverständlichkeit sind, die mir aber, wie ich später erkannte, ein Doppelgesicht zeigten: Das alltägliche bäuerliche Leben und das unergründlich aus der Tiefe schwebende Antlitz einer uralten Ordnung, nach der sich Sippe und Hof gestaltet. Jene Erlebnisse führten mich über verborgene Schwellen, und der Geist der Vorfahren griff nach mir.

All dies Geheimnisvolle und Wunderbare ist für mich im sakralen Namen Heimat beschlossen. Denn Heimat ist Schickung und Fügung und nicht Los aus Zufall oder Wahl. Sie ist Erbe und Vermächtnis und Bildnerin von Stamm und Volk. Sie ist der Ursprung, aber sie steht nicht schon am Beginne da, nach Not oder Willen, sie wird und wächst mit den Geschlechtern in Jahrhunderten. Und darum prägen neben Landschaft und Geschichte vor allem vorväterliche Dinge ihr unvergängliches Antlitz.“

So kann man, um an Oberkofler anzuschließen, postulieren, dass Heimat gleichsam aber auch nichts Statisches ist, nichts auf dessen alten Schultern man sich ausruhen könne. Heimat ist eine stetige Standortbestimmung. Man kann die Heimat nicht behalten, ohne immerzu um sie zu ringen und zu streiten.

Diese Erkenntnis ist letztlich ein zentrales Motiv im Roman Oberkoflers, liegt die generationenübergreifende Herausforderung der Gennersippe doch darin, den Bannwald, der ihr schon seit Anbeginn ihrer Ansiedlung zu Vorin, dem Ort des Geschehens, dank eines uralten Vertrages zu ihrer Verfügung steht, auch wirklich zu ihrem Eigentum zu machen. Diesem Ziel hat sich Peter Genner, der neunte Genner in seiner Geschlechtsfolge und fortwährend der alte Genner genannt, verschrieben.

Auf seinem Hof verblieben sind neben seinen Knechten und Mägden nur seine Tochter Brigitta und der älteste Sohn Wolfgang. Den Rest hat es zu fremden Mädchen und Höfen verschlagen. Wolfgang jedoch hat sich noch nicht als Genner bewährt und erst recht nicht als Hüter des familieneigenes Hofes, ist er trotz seines höheren Alters immer noch Junggeselle und hat es noch vor sich, eine eigene Sippe zu gründen.

Heilige Bäume

Diese Sippengründung verläuft aber alles andere als harmonisch, er trifft sich heimlich mit der Sabina Plank, Tochter des Anwalts Simon Plank zu Auchta und aus ihrer gemeinsamen Lust erwächst ein schweres Schicksal, das von nun an wie ein düsterer Schleier auf dem Geschehen um den Bannwald weilt. Der Anwalt Plank soll nämlich den Verkauf des Bannwalds an die Gennersippe beim Forstamt genehmigen, mag daran aber nicht mehr denken, als es schließlich ersichtlich wird, dass Wolfgang Genner seine Tochter verführt und ihr ein „Strauchbalg“ eingehandelt hat.

Während Sabina sich nichts sehnlicher wünschte als eine baldige Hochzeit mit dem Vater ihres Sohnes, sträubt sich dieser gegen seine familiäre Verantwortung und bringt Schande und Unglück über Vorin. Denn Anwalt Plank sinnt auf Rache für seine zurückgelassene Tochter und als wäre das nicht genug, warten auch bereits die hämischen Holzhändler Kölbl und Grant bloß auf die Bewilligung, die alten, heiligen Bäume des Bannwalds schlagen zu dürfen.

Bald jedoch wird allen Beteiligten klar, dass hier größere Kräfte am Walten sind, als ihre menschlichen Bedürfnisse und Wünsche, dass sich hier ein Gesetz Bahn bricht, das über allem zu stehen und die Geschicke der Menschen zu einem Ziel hin zu leiten scheint – das Gesetz des Bannwaldes selbst, dem das Leben nicht nur in Form seiner Flora und Fauna innewohnt, sondern der, so heißt es beim alten Genner oft, seinen eigenen Willen und damit seine eigene Wirkmächtigkeit zu haben scheint.

Gott und unsere Heimat bleiben

Denn egal was geschieht, so heißt es bei den Gennern: „Gott und Vorin bleibt.“ Dieser Wille des Bannwaldes, in den sich die Einzelschicksale der Menschen zu Vorin und Auchta eingliedern und von dem sie sich tragen lassen, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Er manifestiert sich eher nach und nach im Geschehen des Romans. Auch das rauhe Gesetz ist nicht etwa wie das mosaische in Stein gemeißelt. Es wohnt den Menschen eher in ihrem tiefsten Inneren inne. Dieses tiefste Innere ist den Bauern, so sehr es sie auch leitet, verschlossen und unzugänglich. Kein Psychologe braucht oder könnte sie gar über die Vorgänge in ihrem geistigen Innenleben aufklären.

Und dennoch gewährt ihnen dieses tiefste Innere, im Einklang mit der sie umgebenden Natur und ihren harten Gesetzen des Lebens, Einblick in die höchsten Sphären unseres Lebens, die ewigen Wahrheiten, die sie durchdringen und ausformen. Die innerliche Verbundenheit mit diesen ewigen Wahrheiten und Kreisläufen des Lebens lässt sie vor dem unausweichlichen Schicksal felsenfest bestehen und sich an ihm bewähren, trotz ihrer aller persönlicher Unzulänglichkeiten und Schwächen.

Ein Roman über Schicksalsergebenheit

Der Bannwald ist trotz seiner klaren und schlichten Sprache kein prosaischer Roman, keine gewöhnliche Bauernchronik oder eine bloßem Realismus verpflichtete Schilderung bäuerlichen Lebens, Der Bannwald ist ein mystisches Gewebe von Geburt, Leben und Tod, von Liebe und Rache, von Heimat und Ehre, von Schicksal und Schicksalsergebenheit. Er stellt das bäuerliche Leben nicht bloß dar.

Er lässt den Leser wahrlich darin eindringen und ihn selbst von der Ursprünglichkeit und Klarheit jenes Lebens ergriffen werden. Und mahnt den Leser darüber hinaus, das rauhe Gesetz nicht zu vernachlässigen und immerzu um das eigene Schicksal und damit auch die eigene Heimat zu streiten, koste es, was es wolle.

So kann gegen Ende des Romans Wolfgang den Bannwald nur noch durch ein folgenschweres Opfer vorm Zugriff der Händler bewahren und die durch sein Vergehen geschändete Familienehre retten. Seiner Sippe gibt er zuvor noch die erst rätsel- und dann schicksalhafte Losung: „Wenn der erste Baum fällt, wachen alle Genner auf.“ Und tatsächlich stellt sich Wolfgang den Händlern und ihren Sägen in den Weg, nachdem der Plank die Schlägerung bewilligt – untätig zusehen kann er nicht, schließlich rufen ihn seine Ahnen in einer letzten Heldentat zu sich und nehmen ihn in das Herz des Bannwaldes auf.

(Bildhintergrund: Pixabay)


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