Rezension

Jenseits des Kanons: „Vorsommer“ von Karl Benno von Mechow

Es gibt eine Menge Schriftsteller, deren Ruhm bis in unsere Tage hineinreicht. Die Frage, ob ihr Ruhm verdient ist, stellt sich dabei nicht – die Kunst ist eine wählerische Geliebte. Dennoch lässt sich feststellen, dass der Ruhm mancher Schriftsteller geradezu übermäßig vergrößert wird, während der anderer regelrecht unter den Tisch gekehrt wird.

Dieser Umstand mag unterschiedliche Gründe haben: Zum einen ist dort das fehlende Interesse an Literatur jenseits des Kanons, zum anderen ist dort aber auch eine politische Ablehnung gegenüber Schriftstellern, die in ihrem Werk und Wirken als konservativ gelten.

Ein Stück nahezu vergessene Kulturgeschichte

Angestaubt mag man sie nennen, veraltet und nicht mehr zeitgemäß. Aber der, der ihnen seine Aufmerksamkeit leiht, wird schon merken, wie lebendig sie sind und welche Welten sie dem Leser eröffnen. Wie umfassend sie die Wirklichkeit des Menschen und der Natur mimetisch wiedergeben, in schönen und wahren Worten vertonen.

Die Erinnerung an sie mag verblasst sein, verdrängt aus dem kollektiven Kulturgedächtnis, aber ihre Bücher liegen noch in unzähligen Bibliotheken und Antiquariaten. Man braucht sie nur zur Hand zu nehmen, um ein Stück nahezu vergessener deutscher Kulturgeschichte wieder aufleben zu lassen. Es geht nämlich auch darum, verlorene Narrationen wiederherzustellen, den Bruch zwischen den Deutschen und ihrer Geschichte zu schließen, sowie das Unwissen darüber, was ihre Vorfahren bewegt hatte, zu bekämpfen.

Jenseits des Kanons: Warum?

So soll sich die Artikelreihe „Jenseits des Kanons“ diesem Ziel widmen und zu Unrecht vergessene deutsche Schriftsteller einem neuen Publikum zugänglich machen und erschließen. Ein Ausgangspunkt wird dabei die Beschäftigung mit der von April 1934 bis Herbst 1944 bestehenden Literaturzeitschrift „Das Innere Reich“ sein, in der neben ihren Verlegern Paul Alverdes und Karl Benno von Mechow auch Geistesgrößen wie Martin Heidegger, der erste magische Surrealist Georg Britting, der österreichische Dichterfürst Josef Weinheber, der „deutsche Gentleman“ Rudolf G. Binding und viele mehr ihre Werke veröffentlichten.

Es kann und soll dabei nicht mein Anliegen sein, eine umfassende und wissenschaftlich genaue Darstellung des Wirkens dieser Literaturzeitschrift abzugeben. Viel eher möchte ich einzelne Autoren aus ihrem Kreis, deren Prosa ich schätzen gelernt habe, periodisch anhand eines ihrer Werke vorstellen, jeweils verbunden mit einem Einblick in ihre Biographie.

Lob von Sophie Scholl

Den Beginn soll dabei der Roman Vorsommer von Karl Benno von Mechow markieren. Im Jahr 1940 schreibt Sophie Scholl an ihren Freund Fritz Hartnagel:

„Das Buch Vorsommer, kennst Du es schon. Ich bin davon abgekommen, viele Romane zu lesen, da ich finde, daß sie oft unnötig verwirren. Ich habe oft das Gefühl (ob es wahr ist, weiß ich nicht), als läse man eine Geschichte, wie man einen Wein trinkt. Die Wirkung ist groß, solange man trinkt, nachher kommt allenfalls noch etwas Katzenjammer, dann ist es genau wie vorher, selten besser. Bei diesem Roman ging mir’s nicht so. Er ist so gründlich und klar durchgeführt. Er ist so beherrscht und sauber. Er kann mir selbst klären und erfrischen.“

Genauso wie viele andere ihrer Zeitgenossen schätzte sie den Autor, der selbst als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient, sich später aber in die Neumark zurückgezogen hatte, um sich der Landwirtschaft und Schriftstellerei zu widmen. Neben jenen Kriegserfahrungen, die er in seinem Frühwerk noch als Abenteuer romantisiert, spielt vor allem das ländliche Leben sowie das Verhältnis zwischen Mensch und Natur dementsprechend eine zentrale Rolle in seiner Prosa.

Im Tone einer schwärmerischen Rückkehr zur Ursprünglichkeit beschreibt er im Vorsommer, wie das junge Mädchen Ursula, gerade frisch aus der Schule in die Ferien entlassen, auf Vorschlag eines Freundes ihrer vom Krieg verwitweten Mutter, ihren ärmlichen Lebensumständen in der Stadt entflieht und den Sommer auf dem Bauernhof dessen Sohnes Thomas verbringt.

Dieser ist selbst ein ehemaliger Soldat, lebt seine heftige Neigung zu Ritt und Abenteuer aber nur im auf seinem Grund befindlichen Wald aus, durch die er regelmäßige Fahrten zusammen mit seinem Gesinde veranstaltet.

Mensch und Pferd

So wie das Verhältnis Mensch und Natur und der Einklang beider Wesen in dem Roman immer wieder in Form von malerischen Landschaftsbeschreibungen und Naturstillleben auftaucht, spielt nämlich auch die Beziehung zwischen Mensch und Pferd eine wichtige Rolle. Nicht nur in der Handlung des Romans, sondern auch in der Beziehung zwischen seinen wichtigsten beiden Protagonisten. Es ist kein Zufall, dass Thomas und Ursula sich ausgerechnet durch ihrer beider Liebe zum Pferd näher kommen, ja, der ganze Anfang des Romans deutet schon darauf hin, dass es so sein muss. Ursula fährt mit dem Zug nach Birkenstein, fühlt sich darin unwohl und begegnet eigenartigen, entfremdet wirkenden Menschen. Es ist dann Thomas, der sie, auf einem Pferd reitend mit einem Spinnenwagen abholt.

Von da an eröffnet sich eine neue Welt für Ursula, eine Welt die ihr als Stadtkind bisher verborgen geblieben war. Eine Welt, die an Schönheit und Fülle nicht geizt, deren Bächer glänzend sind und wo die Libellen ihre Füße umfliegen, wenn sie sie darin badet. Aber auch eine Welt der animalischen Grausamkeiten, wo die soziale Hierarchie der Menschen klar strukturiert und noch nicht wie in der Stadt, aus den Fugen geraten ist.

Wo Väter ihre Frauen und Kinder schlagen und alle schweigen, obwohl sie es wissen, weil es eben so ist und weil die Frau Giering ihren Mann liebt, obwohl dieser nur zum Trinken, Schlagen und Zeugen von Nachwuchs heimkommt. Und wo schließlich auch Wilja, Ursulas geliebtes Pferd auf dem Thomas sie im Reiten unterrichtet hatte, nach einer Verletzung bei einem tollkühnen Ballauftritt von Thomas selbst hingerichtet werden muss.

Die Zerrissenheit des modernen Menschen

Die innere Zerrissenheit des modernen Menschen erlebt Ursula in den wenigen Monaten in Birkenstein am eigenen Leib, aber es zerreißt sie dabei nicht, sondern lässt sie unter einigem Schweiß und vielen Tränen daran wachsen und erblühen. So ordnet sich Ursulas Wandlung vom Schulmädchen zur jungen Frau ein in die kosmische Ordnung der Natur.

Sie erlebt einen Sommer voller Blüte und Freude, Lust und neuen Erlebnissen, wähnt sich bald im Traume – muss dann aber doch dabei zusehen, wie ihre Träume mit dem Fortschreiten der Jahreszeit langsam verblühen. Wie die Wirklichkeit sie und die Menschen in Birkenstein einholt, wie Thomas, der zu Beginn immer für sie dagewesen war, tiefer und tiefer in wirtschaftliche Sorgen gerät und sie dabei ganz außer Acht zu lassen scheint. Dabei ist Ursula wie ein Segen für die Dorfgemeinde, ein jeder freut sich an ihr und sieht in ihr das Unverdorbene, Schöne und Wahre.

Dem modernen Leser, der die Liebe in Kunst, Kultur und Medien zumeist nur noch als Romanze oder gar in Form von Pornographie wie in unzähligen Netflix- und HBO-Serien kennt, erstaunt die zärtliche Zuneigung des Bauern zu seinem jungen Gast, die so frei und unbekümmert scheint in ihrer Natur, so züchtig und zurückhaltend, aber doch auch voller Leidenschaft und Schwermut ist.

Weniger ist sie Ausdruck einer plötzlichen Anwandlung von Lust und Verliebtheit, eher fügt sie sich in den natürlichen Lauf der Dinge ein und beschwingt beide, wenn sie sie auch nicht vollends befriedigt. Das muss sie auch gar nicht, weil sie letztendlich beide stärkt und in ihrem Wesen festigt. Ursula ist in ihrer kindlichen Naivität noch gar nicht der Sinn nach einem Liebhaber, mehr sehnt sie sich nach einem Vater, der sie an die Hand nimmt und durchs Leben führt.

Thomas fühlt und ahnt diesen Umstand, liebt Ursula die meiste Zeit aber zu sehr um sich von dem Traumbild, als das sie ihm erscheint, zu lösen. Das Geschehen gipfelt darin, dass Thomas schließlich doch die Annäherung auf einem gemeinsamen Waldausflug versucht, woraufhin Ursula aufgelöst und der Sicherheit, die ihr Thomas gab, erschüttert, fortläuft. Hinfort läuft später auch die verarmte Frau Giering mit ihrem Neugeborenen, das sie sich eigentlich nicht leisten kann. Ganz Birkenstein versetzt sich in tiefster Nacht in äußerste Anspannung um Mutter und Kind im Wald zu suchen.

Erweckungserlebnis im Mondschein

Mitten unter ihnen auch Ursula, die im Wald schließlich vor Erschöpfung zwischen Sträuchern und Bäumen zusammenbricht und ein geradezu magisch anmutendes Erweckungserlebnis im Mondschein hat. Der dramatische Höhepunkt des Romans ist zugleich der Höhepunkt des Sommers, als man Frau Giering tot im Wald, aber ihr Neugeborenes lebendig wiederfindet. Da offenbaren sich Ursula die geheimen Triebkräfte des Lebens, die Gleichzeitigkeit von Hoffnung und Untergang, die das Leben in seiner Vollkommenheit ausmachen.

Schließlich verlässt sie Birkenstein, wie sie es erreicht hatte. Thomas bringt sie auf dem Spinnenwagen zurück zum Bahnhof und ihre Wege trennen sich, aber lassen beide im tiefsten Inneren bewegt und verändert zurück:

›Und wie aus einer neu erwachten Sorge und Ängstlichkeit heraus, fragte er aufgeregt: „Und was wirst du nun tun, wenn du fort bist?“
„Alles was man tun muß, jeden Tag“, antwortete Ursula.
Das würde auch er tun, sagte er. Da würden sie beide auf ihre Weise das gleiche tun, und darin eben liege das Wunder. Immer noch auf den Stufen sich haltend, ergriff er ihre Hand, und es war, als wolle er sich dankbar vor ihr verneigen. Keines Wortes mächtig, schaute er stumm zu ihr auf.
Sein Gesicht war dem ihren nahe, und sie beugte sich nieder und küßte ihn. Dann fuhr der Zug, und auch Ursula fuhr – dorthin, woher sie gekommen war.‹

Unerwünschte Literatur

Karl Benno von Mechow selbst litt seit den späten 30er Jahren unter seelischen Leiden, die man heutzutage als manische Depressionen bezeichnen würde. Trotz Behandlung in mehreren Psychiatrien und seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller in Freiburg im Breisgau verschlimmerten sie sich, Mechow veröffentlichte kaum noch etwas und geriet nach und nach in Vergessenheit.

Ende September 1960 schreibt der Spiegel schließlich in einem Dreizeiler: „IN MEMORIAM KARL BENNO VON MECHOW, Schriftsteller (Vorsommer), der seit Jahren als Folge einer schweren Krankheit zeitweilig in geistiger Umnachtung lebte, starb im Alter von 63 Jahren.“

Diese wenigen Worte konnten sein Werk gar nicht ausreichend rühmen, wollten es wohl auch gar nicht, weil Literatur seines Formats in der Nachkriegszeit zunehmend als unerwünscht betrachtet wurde. Aber die Nachkriegszeit ist fort, ihre linksgerichteten Kulturschaffenden wirken inzwischen selbst angestaubt und bieder und die Bundesrepublik steht vor einem neuen Kapitel ihrer Geschichte, in dem Vergangenes und Verlorenes, wie die Liebe zu Natur und Heimat wiedergefunden und wieder aufgelebt lassen werden kann. Einen Teil dazu möchte ich in der mit diesem Artikel eröffneten Reihe beitragen.


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