Rezension

Jost Bauch und sein Abschied von Deutschland

Vor einigen Monaten bekam ich die Neuerscheinung des kürzlich verstorbenen Soziologen Jost Bauch. Das Werk trägt den reizenden Titel Abschied von Deutschland. Eine politische Grabschrift.

In hundertzwanzig Seiten richtet der Verfasser mit beispielhafter Übersichtlichkeit auf die Dysfunktionalität des heutigen Deutschland ein grelles Scheinwerferlicht. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs warten uns die Medien mit einem unveränderlichen Deutschlandbild auf. Diesem Refrain nach sind die Deutschen nach einer unheilvollen Vorgeschichte unterwegs zur Verwestlichung und Demokratie.

Natürlich bleibt dieser Aufbruch wegen der ausgeprägt undemokratischen Vergangenheit der Deutschen und ihrer autoritären Einstellung schwer erreichbar. Bei alldem haben die Besatzung und die wohltuende amerkanische Einflussnahme dazu beigetragen, der sonst wankeligen deutschen Demokratie eine feste Grundlage zu geben.

Deutschland, eine Multiminoritätsgesellschaft

Ob ihres besonderen Deutschlandbildes sei es selbstverständlich, daß unsere Journalisten Frau Merkel laufend über den grünen Klee loben. Wie Bauch nun reichlich beweist, steht man auf einem falschen Dampfer, wenn man Deutschland als eine Volksdemokratie bezeichnet. Ebenso verfehlt wäre die Vorstellung, dass Merkels Regierung Biodeutsche begünstige. Die jeweilige deutsche Regierung handelt nach besten Kräften, die schon schrumpfende einheimische Bevölkerung durch eine Menge von aus der Dritten Welt Zugezogenen zu ersetzen. Bauch besorgt uns dabei diese erschlagenden Fakten: »Bis 2090 kippt die Mehrheit der alteingesessenen Bevölkerung, Deutschland ist eine Multiminoritätsgesellschaft.«

Weitbekannt ist, daß bei gebärfähigen deutschen Frauen die Geburtenrate stark zurückgeht und sie insbesondere bei hochqualifizierten Damen bergab eilt. So ernst ist die von Bauch angesprochene Sachlage, dass wenn die Regierung die Zuwanderung einstellt, wird die deutsche Bevölkerung bis zum Jahr 2100 auf 25 bis 30 Mio. stürzen.

Bauch macht bei seiner Darlegung einen angebrachten Vergleich aus, nämlich dass die Osteuropäer mitsamt den Ungarn einem ähnnlichen Bevölkerungsschwund gegenüberstehen. Unter der kommunistischen Herrschaft haben sie häufig zur Abtreibung als einer Art Familienplanung gegriffen. Aber im Gegensatz zu den Deutschen haben diese Völker eine durchgreifende Einwanderungspolitik zum Wettmachen der innerlichen Bevölkerungsschrumpfung abgewiesen. Und umso weniger haben sie Unmengen von Muslimen aus dem Nahen Osten und Afrika eingelassen, um das zahlenmäßig abnehmende Stammvolk und was aus ihrer Restkultur erhalten bleibt, zu verdrängen.    

Eine Erklärung für diesen Unterschied liegt laut Bauch im Verfall des deutschen Selbstbewußtseins. Durch Bauchs einsichtige Zeitanalyse scheint dabei die Einwirkung zweier Großdenker durch, seines Doktorvaters Niklas Luhmann und des im letzten Jahr den Freitod begehenden Demographen Rolf Peter Sieferle.

Luhmann und Sieferle

Von Luhmann nimmt er die Einsicht mit, daß der Tätigkeitsbereich des Einzelnen sich immer mehr als zersplittert erweist, und daß jeder sozialmoralische Halt wackelig wird. Luhmanns Zeitanalyse nimmt im heutigen Deutschland eine zugespitzte Erscheinungsform an. Die teilweise absichtliche Zerstörung einer gleichbleibenden Identität und die Gleichsetzung des Gedeihens mit einer Konsumgesellschaft und der individuellen Selbstverwirklichung sind bei den Deutschen weiter fortgeschritten als bei anderen technisch hochentwickelten Ländern.

Was Luhmann als »Teilinklusion« beschreibt, ist eine vielseitige Beteiligung an mannigfachen sozialen und freizeitlichen Betätigungsfeldern, die jedweder, generationenübergreifenden Verbindung entgegenwirkt.

Bauchs Anleihen von Sieferle sind dagegen offensichtlicher: Beiden Grüblern wurden die Überfremdung und Umvolkung ihrer Heimat zum Verhängnis. Mit einer Regierung, die diese Entwicklung vorantreibt, gehen die zwei hart ins Gericht. Was sie merklich unterscheidet, ist jedoch Bauchs intensivere Beschäftigung mit der Bewahrung einer erkennbar deutschen Nation. In dieser Hinsicht hebt er sich von Sieferele ab, der sich in erster Linie mit Umweltangelegenheiten abgibt und der eine Rückkehr zu einer vollmundigen deutschen Nationalidentität als unbedeutend oder nebensächlich einstuft.

Sieferle hält den Überfall einer kulturfremden Bevölkerung aus der Dritten Welt für ökologisch verheerend und kognitiv nivellierend. Bauch stimmt ein: »Sieferle ist der Auffassung, dass die moderne Demokratie in ihrem Übergang zur Massendemokratie ochlokratische Tendenzen aufweist. Symptomatisch für diesen Vorgang sind für ihn der Verfall der aristokratischen und bürgerlichen Lebensart, die zunehmende Herrschaft der Masse, die Einebnung aller sozialen und psychischen Differenzen und die Ausbreitung eines hedonistischen Individualismus und Nihilismus.«

Menschen ohne Heimat sind Irrläufer

Bauch ist stets bemüht, sein Land von inländischen Geringschätzern sowie vor illegalen Migranten zu verteidigen. Er zählt daher in seiner Themenbehandlung die zu rühmenden Grundzüge seiner Nation mit sinnfälligem Stolz auf. Bei seiner Auflistung dieser löblichen kulturellen, sprachlichen und stammesmäßigen Charkteristika läßt er recht wenig aus.

Bauch bringt dabei für eine »Heimaterfahrung« der Deutschen und anderer europäischer Nationen äußerst sinvolle Gründe vor. Er zieht den ostdeutschen Schriftsteller Ulrich Schacht heran, der Bauchs Ansicht glänzend bestätigt: »Menschen ohne Heimat und Nation sind Irrläufer der Geschichte. Heimat ist ein lokaler und regionaler Prägegrund unhintegehbar, radikal im Sinn des Wortes. Nation bündelt Regionen, produziert und symbolisiert in einem das allen Gemeinsame. Funktionierende Staatsnationen seien der beste Garant für qualifizierte Ordnungen, in denen der Mensch sich zurechtfindet, wo er ankommen und ausruhen, von wo aus er aufbrechen und ausgehen kann.«

Ohne eine echte Heimat und eine verwurzelte Existenz seien freischwebende Individuen »leicht manipulierbar, weil sie über eine unsichere Identität verfügen«, so Bauch. Sie sind damit in »jeder Hinsicht sozio-fungibel«, eine Einstellung, die der globalisierten Großindustrie und einem in Aussicht gestellten Weltstaat vollkommen entspricht. Mit einer Nation, die das eigene Schicksal leiten will, steht die betreffende Gesinnung in frappierendem Widerspruch.

Schwierige Debatte über das Grundgesetz

Obwohl ich kein Beckmesser sein will, fällt es mir zu, zwei Stichpunkte in Bauchs Werk unter die Lupe zu nehmen. Nach seiner Auslegung, dem Juristen Karl A. Schachtschneider folgend, wäre es falsch zu schlußfolgern, dass die menschenrechtlichen Klauseln im Grundgesetz die Gewährung von Unterhaltsrechten für Migranten und Asylbewerber erzwingt oder herausfordert. Aus »Materialisierungen« der verbrieften Menschenrechte zaubert die richterliche Herrenklasse zudem ihre Urteilsfindung her. Besonders brauchbar zu diesem Behuf ist Artikel 22 aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948: »Jeder Mensch hat das Recht auf soziale Sicherheit.«

Wenn ein bei allem mitmischender Richterstand den Westen hindurch eine entgrenzte Macht ausübt, muss jedoch zugegeben werden, daß das deutsche Grundgesetz für ein derlei gesinntes Richtertum ersprießlichen Nährboden anbietet. Die Grundrechte wurden mit dem Mittun Deutschlands Eroberer ausgeformt. Im Artikel 1 wird so ein »deutsches Volk« zweckentfremdet hevorgeholt, um die »menschliche Würde« zu behaupten, bevor die lange Liste abrollt. Künftige deutsche Staatsbürger seien darauf festgelegt, Menschenrechte als die »Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt« umzusetzen.

In diesem ersten Artikel des Grundgesetzes und den zeitweise angenommenen Zusätzen zeichnet sich ab, daß nicht die Vertreter einer einheitlichen, selbstbewussten Nation sondern eine Schar von »Menschenrechtlern« am Schalthebel sitzen. Man sollte für die Geschichtslage, die dieser Formulierung Anlass gab, Verständnis haben. Jedoch verbat sich auch ein wiedervereintes Deutschland, ihre menschenrechtlichen Grundsätzen nach nationalen Anliegen umzuarbeiten.


1 Kommentar zu “Jost Bauch und sein Abschied von Deutschland

  1. Selbstobjektivierung in Permanenz

    „Funktionierende Staatsnationen seien der beste Garant für qualifizierte Ordnungen, in denen der Mensch sich zurechtfindet, wo er ankommen und ausruhen, von wo aus er aufbrechen und ausgehen kann.“ (Ulrich Schacht, zitiert nach Prof. Paul Gottfried „Jost Bauch und sein Abschied von Deutschland“ BN. 12. März 2019)

    Wir möchten mit Blick besonders auf Deutschland korrigieren: Funktionierende Nationalstaaten sind der beste Garant für qualifizierte Ordnungen.

    „In diesem ersten Artikel des Grundgesetzes und den zeitweise angenommenen Zusätzen zeichnet sich ab, daß nicht die Vertreter einer einheitlichen, selbstbewussten Nation sondern eine Schar von »Menschenrechtlern« am Schalthebel sitzen. Man sollte für die Geschichtslage, die dieser Formulierung Anlass gab, Verständnis haben. Jedoch verbat sich auch ein wiedervereintes Deutschland, ihre menschenrechtlichen Grundsätzen nach nationalen Anliegen umzuarbeiten.“ (Prof. Paul Gottfried „Jost Bauch und sein Abschied von Deutschland“)

    Wir empfehlen hier u. a. zur Lektüre: „Staat oder Verfassung“ von Markus Josef Klein, in Hans von Hentig (1887-1974) „Fouché – Ein Beitrag zur Technik der politischen Polizei in nachrevolutionären Perioden“ Brienna Verlag 2016

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