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Jugend von heute: dance against reality

In unserer Jubiläumsausgabe haben wir uns ausführlich der Frage gewidmet, wie die Jugend von heute zu charakterisieren ist. Unsere Autorin Laura Küchler hat dabei die Meinung vertreten, wir könnten von einer »Generation Sehnsucht« sprechen. Ich hingegen kann nicht erkennen, auf welche Ideale sich diese Sehnsucht beziehen soll. Deshalb halte ich den Ausdruck »Generation Zaghaft« für angebrachter.

Eine Anfang Juli erschienene Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte hat sich nun dem Thema »Jugendkulturen« gewidmet. Die Ergebnisse bestätigen unsere Vermutungen. Der Leiter des Archivs für Jugendkulturen, Klaus Farin, führt in seinem Beitrag aus, daß etwa 20 Prozent der Jugendlichen einer Subkultur angehören. Wenn heute über »die Jugend« gesprochen wird, werden diese 20 Prozent meist absolut gesetzt, was für ein verzerrendes Bild sorgt. Die allermeisten Jugendlichen sind also völlig unorganisiert und ungebunden. Selbst die Angehörigen der Subkultur orientieren sich an Konsummoden. Musik spielt dabei eine besondere Rolle.

Beate Großegger betont in ihrem Beitrag »Jugend zwischen Partizipation und Protest«, daß Jugendkulturen heute »eine größtenteils politikfreie Zone« sei:

Die breite Mehrheit der Jugendlichen identifiziert sich mit Jugendkultur(en), doch sie nutzt diese nicht für politische Positionierungen, sondern vielmehr für ein bewusstes Ausklinken aus der Beschäftigung mit den großen politischen Themen unserer Zeit. (…)

Die alltägliche Überforderung, die das Leben in der Gegenwartsgesellschaft kennzeichnet und die in der sozialwissenschaftlichen Debatte mit Begriffen wie Komplexitätsdruck, Informationsüberlastung oder gesellschaftlicher Burn-out diskutiert wird, wirkt heute bereits im jungen Lebensalter. Sie lähmt bereits in jungen Jahren die Bereitschaft zu sozialem und politischem Engagement und mündet in eine Sehnsucht nach dem »emotionalen Sonnenstudio«, das drängende und nicht selten auch drückende gesellschaftspolitische Themen vergessen lässt.

Großegger findet einen schönen Slogan für die »Jugend von heute«: dance against reality. Selbst in linken Subkulturen ist dieses Motto angekommen. Das beweist sehr schön die Musikrichtung »Technopunk«. Politisch linke Inhalte werden dabei mit dem Hedonismus der Techno-Szene vermischt. Die antideutschen Hedonisten Egotronic haben für diese Musikrichtung bereits vor ein paar Jahren mit »Raven gegen Deutschland« eine Hymne geschaffen. Links-Sein muß eben tanzbar sein. Systemkritik ist nicht so wichtig, weil sich eh nichts bewegen läßt.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

6 Kommentare zu “Jugend von heute: dance against reality

  1. Geil!
    Let`s go Felix!Zzzzztschhchhczzzz

  2. Danke für diese wunderschöne Musik….

    Vielen Dank

  3. Das ganze Gerade von ,,Komplexitätsdruck, Informationsüberlastung oder gesellschaftlicher Burn-out«, mit dem man sich diese dekadente Spaßgesellschaft erklären will, ist in meinen Augen eine einfache Antwort, mit der man sich um die wahren beiden Ursachen herumdrückt:
    - zu hoher Lebensstandard der Gesellschaft und daher Verfettung und Verfaulung.
    - das Traume des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs und deren politische Instrumentalisierung und Verfälschung.

  4. Opferkind

    Genau, wir müssen Nachkriegs- und Dritte-Welt-Lebensstandards schaffen, damit wir wenigstens nur durch Verhungern oder Überanstrengung sterben. Hauptsache, wir sahen dabei irgendwie ehrenvoll oder heroisch aus und hatten garantiert möglichst wenig Spaß und geistige Dekadenz.

  5. Nils Wegner

    @ Opferkind:

    Das wäre in der Tat ein Anfang.

  6. @ Opferkind:
    Ihre Antwort ist eigentlich nur Spam, aber ich will mal trotzdem kurz drauf antworten:
    ich hab nix gegen Spaß, aber der vergeht mir bei der heutigen Gesellschaft – in jeder Hinsicht. Und ich glaube auch, daß die Gesellschaft mit anderen Werten glücklicher wäre.

    Und ich will auch nicht den Lebensstandard von 1946, aber so bis Ende der 40er/ Anfang der 50er Jahre sollten wir da denke ich schon zurückgehen.

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