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Kafka im »Spiegel«

spiegel_kafkaWenn es Franz Kafka wie diese Woche auf das Cover des Spiegel schafft, dann ist das eine mutige Entscheidung, weil sich Literatur nicht verkauft. Wir haben das mit unseren Thesen-durch-Fakten-Anschlägen über »Kafka und Alternativlosigkeit« selbst gemerkt.

Keine Druckausgabe von uns hat sich so schlecht verkaufen lassen wie diese. Ganz zu schweigen von den widerlichen antisemitischen Leserbriefen, die wir damals bekamen. Trotzdem war es eine richtige Entscheidung, Kafka zum zweiten Namenspatron unseres Jugendkulturpreises zu machen und sich intensiv mit ihm zu beschäftigen, denn er ist in der Tat »Der Dichter unserer Zukunft«, so der Titel des Spiegel-Beitrags. Beim Lesen des Beitrags bin ich z.B. über ein Zitat gestolpert, was zeitlos gültig ist, aber gerade über unsere Zeit eine ganze Menge aussagt:

Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! (…) Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Weg ausgetrunken.

Viele Kafka-Interpreten machen es sich recht einfach, indem sie solche Zitate und im schlimmsten Fall auch gleich das Gesamtwerk des Schriftstellers erklären und zu entzaubern versuchen, indem sie einzig und allein nach autobiographischen Bezügen Ausschau halten.

Der Spiegel-Beitrag hebt sich davon positiv ab. Autor Volker Hage hat sich durch die dreiteilige Kafka-Biographie von Reiner Stach gearbeitet und ist dabei auf eine sehr wesentliche Erkenntnis gestoßen: Kafka hat nicht einfach seine persönlichen Ängste in Romanform gepackt. Nein, er wußte durch seine Arbeit bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt von 1908 bis 1922 sehr genau, welche technischen Revolutionen sich gerade vollziehen und welch ein monströser bürokratischer Apparat dadurch entstehen dürfte.

Neben dem Kafka-Portrait haben mich im aktuellen Spiegel vor allem zwei weitere Beiträge interessiert. Zum einen eine Reportage über »Die Vergessenen« Überlebenden der Lampedusa-Katastrophe von vor einem Jahr. Der Spiegel hat drei Überlebende getroffen und läßt sie von ihren Irrfahrten quer durch Europa berichten. Der einzige Flüchtling, dem bisher Asyl (in Schweden) gewährt wurde, hat für seine Reise unglaubliche 47.700 Dollar und drei Jahre gebraucht, seine Eltern mußten ihr Haus in ihrer Heimat verkaufen und die Flucht war nur erfolgreich, weil Berhane Yoboyo Folter, Hunger und die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer mit viel Glück überlebt hat.

Der Spiegel suggeriert mit dieser Reportage, die europäischen Staaten sollten die Tore für Flüchtlinge (egal ob politische oder wirtschaftliche) weiter öffnen. Das hätte jedoch nur zur Folge, daß noch mehr Menschen über den Erdball irren und irgendwann ohne Perspektive in Europa von einem Sozialstaat durchgefüttert werden müssen. Es gibt aus meiner Sicht nur einen Weg, um die noch lang anhaltende Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen: Obergrenze für Asylbewerber, Botschaftsasyl und eine gerechte, europaweite Verteilung der Flüchtlinge. Ausführlich habe ich diese Vorschläge in meinem Essay »Neuordnung des Asylwesens« erklärt.

Man könnte das Asylthema auch noch viel weiter fassen und diskutieren, wie wir durch eine falsche Außenpolitik ständig neue Flüchtlinge produzieren. Eins dürfte ja klar sein: Wir bekommen jede größere internationale Krise sofort in Form von Flüchtlingsströmen zu spüren. Aus diesem Grund sollten wir z.B. hinterfragen, ob die westliche Politik in Afghanistan, dem Irak, Syrien oder Libyen richtig war.

Christiane Hoffmann stellt sich diese Frage im aktuellen Spiegel und hat den wohl provokantesten Beitrag des Heftes geliefert. Ihre These: Es war ein Fehler, der ganzen Welt Demokratie, Freiheit und Menschenrechte bringen zu wollen. Insbesondere funktioniere dies nicht, wenn es dafür keine ausreichenden Traditionen gebe. Die unmittelbare Folge der Militärinterventionen des Westens sei deshalb lediglich gewesen, daß an die Stelle einer Diktatur Chaos getreten sei.

Dieses Chaos sorge jedoch für noch mehr Tote als ein Regime wie das von Saddam Hussein es verursacht. Hoffmann betont:

Die gescheiterte Demokratisierung im Irak und der erfolglose Arabische Frühling in Syrien haben dem »Islamischen Staat« den Boden bereitet. In keinem dieser Länder ist Demokratie im Moment eine realistische Perspektive. Der beste Weg für Syrien – und das ist nicht zynisch! – wäre vielleicht ein Militärputsch gegen Assad: Er würde den Diktator hinwegfegen und gleichzeitig die letzte lokale Ordnungsmacht, die dem IS etwas entgegensetzen kann, die syrische Armee, intakt lassen.

Das Argument der Stabilität ist nicht sympathisch. Es klingt nach schnöder Realpolitik. Es ist ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht, der begrenzten Möglichkeiten des Westens, seine Werte und sein Lebensmodell zu exportieren.

Aber was ist die Alternative? Utopistische Politik betreiben, einen weiteren Krieg aller gegen alle auslösen und am Ende brav die Flüchtlinge, die es rechtzeitig über die Grenze geschafft haben, für immer aufnehmen? Das kann natürlich nicht die Lösung sein. Noch einmal Hoffmann: »Westliche Politik sollte daher in Zukunft dem Funktionieren des Staates einen höheren Wert beimessen.« Demokratie und Menschenrechte sind halt auf absehbare Zeit doch nichts für die ganze Welt. Schön, daß so etwas auch mal im Spiegel steht.

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1 Kommentar zu “Kafka im »Spiegel«

  1. Carabus violaceus

    Sehr geehrter Herr Menzel,

    ich gebe Ihnen vollkommen recht, wenn Sie schreiben – »Aus diesem Grund sollten wir z.B. hinterfragen, ob die westliche Politik in Afghanistan, dem Irak, Syrien oder Libyen richtig war.«

    Die Flüchtlingsfrage ist eng mit der westlichen Außenpolitik der NATO unter amerikanischer Führung im nahen Osten verbandelt. Unser wirklicher außenpolitischer »Feind« ist daher die USA – ein souveränes Europa kann es also nur geben, wenn wir die »Bündnisfrage« stellen. Das erfordert aber auch historische und geopolitsiche Kenntnis – erinnern wir uns: Im kalten Krieg hat Washington aktiv muslimische Kräfte (Mudschahedin) im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt. Seit dem 11.09.01 bekämpft der Westen, ebenfalls unter US-Führung, islamische Gotteskrieger. Im Irak diente der Vorwand des ABC-Waffenbesitzes zum Einmarsch gegen Hussein, dass der Irak im Besitz solcher Waffen war, wurde mehrmals widerlegt aber zumindest öffentlich stark angezweifelt. Für Libyen gilt Ähnliches, jahrelang wurde Gadaffi vom Westen hofiert, bis er plötzlich weg sollte. Im »demokratischen Westen« war man scharf auf die Ölvorräte. Eine Rolle dürfte zudem auch seine goldgedeckte Handelswährung gespielt haben, denn diese hätte die Hegemonie des Dollars im nordafrikanischen Raum womöglich in Frage gestellt. Siehe hier: http://denkbonus.wordpress.com/2011/10/31/die-untaten-des-muammar-al-gaddafi/ Es sollte wohl klar sein , dass das westliche Bündnis, allen voran die USA als sogenannte »Schutzmacht« der eigentliche Grund für Flüchtlingsströme und Überfremdung in Europa sind. Gedeckt wird diese Praxis durch eine völlig fehlgeleitete Asylpolitik, verstärkt durch Integrationslobby und linksliberale Vereinigungen wie »Pro Asyl«. Die Agenten des Großkapitals machen mit den Agenten des sogenannten Humanismus / der »Menschlichkeit« also gemeinsame Sache, das beschreibt auch Manfred Kleine Hartlage in seinem Buch »Die liberale Gesellschaft – vom Selbstmord eines Systems«.

    Ich bin allerdings etwas enttäuscht, dass Sie dem Spiegel-Reporter das Wort reden, wenn dieser sagt: »Der beste Weg für Syrien – und das ist nicht zynisch! – wäre vielleicht ein Militärputsch gegen Assad: Er würde den Diktator hinwegfegen und gleichzeitig die letzte lokale Ordnungsmacht, die dem IS etwas entgegensetzen kann, die syrische Armee, intakt lassen.« – Natürlich hat Hoffmann recht, wenn er sich eingesteht, der Export westlicher Vorstellungen in andere Weltgegenden sei gescheitert. Letztenendes bleibt aber auch Hoffmann in der westlichen Denk-Matrix gefangen, wenn er durch seine liberal-rosarote Brille Leute wie Assad als »Diktator« bezeichnet. Eher Säkular ausgerichtete Präsidenten wie Assad oder Mubarak waren DIE Garantie für eine relative Sicherheit im nahen Osten! Als kritischer Journalist hätten Sie ergänzen und hinterfragen sollen, warum Spiegel-Reporter denn grundlegend von der Annahme ausgehen, dass rechtmäßige Regierungapparate prinzipiell »diktatorisch« seien – So erweckt der Begriff »Diktator« doch ausschließlich negative Assoziationen, der nichtsahnende Spiegel-Leser wird das in der Folge natürlich auch als Grundlage annehmen.

    Beste Grüße

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