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Kafka-Jugendkulturpreis gestartet: Jetzt mit Beiträgen zum Thema »Alternativlosigkeit« teilnehmen!

Endlich geht es los mit dem Franz-Kafka-Jugendkulturpreis 2012 zum Thema »Alternativlosigkeit«. Bis zum 15. November 2012 habt ihr die Chance, zu diesem Thema Lyrik, Prosa und Kunst (Malerei, Fotographie, Video, …) einzureichen und damit schöne Preise abzusahnen. Teilnehmen kann jeder, der das 30. Lebensjahr noch nicht überschritten hat. Der Preis wird ausgerichtet von unserem Förderverein, dem Verein Journalismus und Jugendkultur Chemnitz.

Auf der Internetseite nach-dem-gedankenstrich.de findet ihr alle wichtigen Informationen rund um den Wettbewerb. 2010 initiierten wir den Jugendkulturpreis mit Rilke als Namenspatron. Das Projekt entwickelte sich so gut, daß 2011 ein Buch mit dem Titel Erste Worte nach dem Gedankenstrich entstand, in dem die Siegerbeiträge des Rilke-Jugendkulturpreises abgedruckt sind.

2012 möchten wir uns nun mit Kafka und dem Thema »Alternativlosigkeit« beschäftigen. »Alternativlos« hat es auf Platz eins der Unwörter des Jahres 2010 geschafft. Der Ausdruck ist deshalb so unsinnig, weil es immer unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Das Leben ist keine Einbahnstraße und schon gar keine Sackgasse. Diesen Eindruck gewinnt man jedoch, wenn man den gegenwärtigen Eliten zuhört. Die Bekämpfung der Schuldenkrise mit Schulden sei »alternativlos«, der Krieg in Afghanistan sei »alternativlos«, die Rettung insolventer Banken »alternativlos« und die nächste Steuererhöhung wird ebenfalls – na klar! – »alternativlos« sein. Die Rede von der »Alternativlosigkeit« trifft aber auch die Jugend. Einen anständigen Beruf zu erlernen, am besten Jura oder BWL zu studieren, sei »alternativlos«, wenn man mal was werden möchte. »Die brotlosen Künste« … »ach, hör mir damit auf!«

»Alternativlos« sei der alltägliche Streß. Termine, Termine, Termine – und das schon ab dem 14. Lebensjahr. »So ist nun mal das Leben! Streng dich gefälligst an, alle deine Verpflichtungen zu schaffen!«, rufen es einem die Verwalter der Alternativlosigkeit zu. Der Romantiker Joseph von Eichendorff hat diese Einfallslosigkeit der Lebensgestaltung mit dem dramatischen Märchen Krieg den Philistern (1832) auf radikale Weise angegriffen.

Literatur und Kunst sind seit jeher Räume, in denen über unbegrenzte Möglichkeiten, über Träume und Fantasien nachgedacht werden kann, ohne daß diese sich sofort zerstörerisch in der Realität auswirken würden. Zugleich ist es aber nur ein sehr unbefriedigender Weg, sich allein auf die Flucht aus der Wirklichkeit zu konzentrieren und den nächsten großen Science-Fiction-Roman in Angriff zu nehmen. Der Welt des Zeitdrucks und der Sachzwänge muß sich jeder stellen, ob er will oder nicht.

In unübertroffen klaren Linien hat Franz Kafka in seinen Romanen die Moderne als »Alternativlosigkeit« skizziert. Der Einzelne geht dort unter, wenn er die Vorgaben, Prozesse und das Verhalten seiner Umwelt pflichtbewußt imitiert. Kafka schreibt von pflichtbewußten Menschen, die in ein Hamsterrad geraten und keine Auswege finden. Bereits die ersten Sätze seiner Romane weisen in diese Richtung. Naive, blumige Leseerwartungen werden sofort enttäuscht: Die hiesige Welt ist grau und der Protagonist weiß nicht von der Existenz von Buntstiften.

Das gelobte Land Amerika erreicht Karl Roßmann nicht, weil er unbegrenzte Möglichkeiten sucht. Nein, er wurde dazu gezwungen:

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht.

Auch der Roman Das Schloß läßt zunächst alle Seifenblasen zerplatzen. Es handelt sich nicht, wie man erwartet, um einen prunkvollen Palast, sondern um ein Phantom, dem der Landvermesser K. ohne Erfolg nachjagt.

Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.

Dieser Leere gewachsener Institutionen sieht sich auch Josef K. im Prozeß ausgesetzt.

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Diese Verleumdung ist der Beginn einer Selbst-Verleumdung. Wer den Prozeß annimmt, der einem durch eine anonyme Macht gemacht wird, der hat ihn schon verloren. Das ist das Wesen der »Alternativlosigkeit« und deshalb kann ein Jugendkulturpreis über »Alternativlosigkeit« nur Kafka als Namenspatron auswählen.

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1 Kommentar zu “Kafka-Jugendkulturpreis gestartet: Jetzt mit Beiträgen zum Thema »Alternativlosigkeit« teilnehmen!

  1. »alternativlos« ist auch in meinen Augen ein Unwort. Leider wird es dennoch von Politikern immer wieder nachlässig benutzt, z.B. in der Entwicklungspolitik.Wann immer jemand behauptet, es gäbe zu unserer Entwicklungspolitik keine Alternative, werde ich skeptisch und frage mich, wer von solch einer Darstellung profitiert.Die reklamefreudige Entwicklungshilfe-Lobby befeuert mit Verve immer wieder die Diskussion, denn allein in Deutschland leben über 100.000 Menschen von der Entwicklungshilfe.Wer diese Art »Hilfe« kritisch hinterfragt setzt sich vehement der Kritik einer immer mächtiger werdenden Lobby aus. Warum wollen deutsche Politiker nicht mit der Realität in Afrika konfrontiert werden? Wenn man an den Stellen nachhakt, wo Phantasie und Realität nicht mehr deckungsgleich sind, und man die Wunschvorstellungen gezielt in Frage stellt, dann ist keiner mehr interessiert. Unachtsame Hilfe oder die Tolerierung von Ungerechtigkeiten sind das Hauptproblem der Entwicklungshilfe. Die Gründe weshalb junge Afrikaner wenig Vertrauen in die Zukunft, besonders in den Großstädten haben und ihr Heimatland verlassen möchten werden nicht ernsthaft untersucht. Die machtlosen Bevölkerungen fühlen sich von ihrer eigenen politischen Klasse und deren Führern verlassen und verraten. Afrikanische Gesellschaften agieren noch immer zu oft nach tribalistischen Prinzipien, ökonomische, politische, soziale und andere Entscheidungen gründen sich auf familiären oder Klan ähnlichen Verbindungen, das macht die afrikanischen Gesellschaften oft unflexibel. Solange sich die politische Klasse nicht reformiert, werden die Gründe für die empörende Arbeitslosigkeit -trotz reichlichen Bodenschätzen in den meisten Staaten-bestehen bleiben. Die Partizipationsmöglichkeiten der Bürger müssten verstärkt werden, um z.B. Bestechungen und Steuerhinterziehung zu verfolgen. Mit den alten Regierungsriegen-die ihr Schäfchen längst ins Trockene gebracht haben- scheint es mir unrealistisch auf einen Gesinnungswechsel zu hoffen.Die Polarisierung zwischen einer sehr kleinen und sehr vermögenden Schicht und den Armen schreitet fort. Die Ausbreitung von Demokratie und Bürgerrechten wäre auch für Afrika eine Quelle wirtschaftlichen Wohlstandes. Die Teilhabe möglichst vieler Menschen am politischen und wirtschaftlichen Leben könnten Anreize schaffen, Innovationen zu entwickeln und wirtschaftlich zu nutzen. Der technische Fortschritt könnte wie in China dadurch erreicht werden, dass durch das Kopieren reicherer Länder Entwicklungsschritte übersprungen werden können.Ich bin zwar mit meinem Kommentar weit weg von Kafka, aber vielleicht ist mein Kommentar dennoch nachdenkenswert.
    Volker Seitz, Autor »Afrika wird armregiert«

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