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Kategorie C

HooligansVor einigen Wochen ist ein autobiographisches Buch eines ehemaligen Hooligan und Polizisten herausgekommen. Es heißt „Gewalt ist eine Lösung“. Der Autor Stefan Schubert beschreibt sich darin als unpolitisch, was ihm und anderen Hooligans jedoch regelmäßig nicht abgenommen wird.

Gewöhnlich bedienen sich Beobachter dieser Szene einer Gleichung des Schriftstellers Klaus Theweleit, wonach Männlichkeit + Gewalt = Faschismus und damit Nationalsozialismus sei. Franziska Tenner hat mit ihrem 2008 veröffentlichten Dokumentarfilm „Kategorie C“ diese Gleichung hinterfragt und kommt zu einem anderen Ergebnis.

Zunächst: Als Kategorie C bezeichnet die Polizei gewaltsuchende Fußballfans. Außerdem gibt es eine Hooliganband, die so heißt und deren Videos bei Youtube mehrere Millionen Male angeklickt wurden. Ich habe mir gerade ihr aktuelles Album „Alte Schule“ angehört und keine politischen Inhalte feststellen können.

Die Filmemacherin Franziska Tenner hat sich einen noch besseren Überblick verschafft. Sie hat die Ultras von Lok und Sachsen Leipzig vor und während der Fußball-WM 2006 begleitet und mit vielen Hooligans über ihre Faszination gesprochen. Ihr Fazit:

Es geht hier ganz klar um Sozialisation von Männlichkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft. Diese war zu keiner Zeit, in keiner Gesellschaft leicht. Und mit dem Trauma des Dritten Reiches / Zweiten Weltkrieges im Gepäck war es bis heute nicht möglich, eine stabile, gegenwärtige Definition von Männlichkeit in Deutschland zu entwickeln, die den gesellschaftlichen Umständen entspricht. (…)

Es gab zwei starke, sich wiederholende Momente, die mich tief beeindruckt haben. Zum einen ist das die Kraft der Fanblöcke, die Gefühle, die dort während des Spiels zum Ausdruck kommen. Ich hatte nicht erwartet, einer solchen Intensität, die durchaus auch selbstironische Züge trägt, zu begegnen. Das andere waren natürlich Erlebnisse von Gewalt während oder nach Fußballspielen. Die Kraft und Energie, die dort entfesselt wurde, hat mich jedes Mal für Tage aus dem Gleis gehoben. Ich habe begriffen, wie wenig diese Kraft steuerbar ist, wenn sie einmal hervor bricht. (…)

Es gibt ganz klare mediale „Umgangsformen“ mit Fußballfans und Fangewalt. Da wird kaum noch differenziert und der Schuldige wird schnell benannt. Das da aber ein weit verzweigtes Gefüge an männlicher Subkultur, die durchaus eine Berechtigung hat, dahinter steht, da möchte lieber niemand genauer hinsehen. Wenn es ganz schlimm kommt, schreit man nach rollenden Köpfen. Dass das aber mitunter Köpfe sind, die viel an sozialer Bürger- und Jugendsozialarbeit leisten und die dabei nicht selten allein gelassen werden von Land und Kommune, wird dann lieber verschwiegen. Das ist eine so abgedroschene Attitüde. Niemandem ist damit geholfen.

Die Fans und auch die Verantwortlichen ziehen sich logischerweise immer mehr zurück, fühlen sich unverstanden und abgeurteilt. Die Fans kommunizieren fast ausschließlich untereinander übers Internet, geben eigene Zeitungen und Bücher heraus, drehen ihre eigenen Filme. So ist eine Parallelwelt entstanden, die Außenstehenden keinen Zugang mehr gewährt. Diese Entwicklung finde ich bedenklich. Eine Gesellschaft zerfällt und wir sehen tatenlos zu.

Das ist doch ein interessanter Ansatz von Tenner: Unserer Gesellschaft gelingt es nicht, angemessene Umgangsformen mit Männlichkeit zu vermitteln und deshalb entwickeln sich Subkulturen, wo diese fehlende Sozialisation auf eine ziemlich radikale Art und Weise nachgeholt wird. Das hat tatsächlich nichts mit Politik, aber mit den Eigenheiten des Mannes und von Männerbünden zu tun.

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16 Kommentare zu “Kategorie C

  1. … assoziales Wichserpack als sublimierte und dadurch in Form von Hooliganismus ausbrechende Männlichkeit dazustellen ist mal wieder dieses typische intellektuell verbrämte Wichtigtuertum, dass seine Bestandskarft durch schlichte Teilnahme an so einem »Männlichkeitsritus« probieren sollte …
    spätetens wenn die Lippe dick ist, wird so ein Blödsinn dann nicht mehr abgelassen….

    Assos sollen Assos bleiben – da gibts genau sowenig was zu beschönigen oder zu »erklären«, wie bei Kultubereicherergangs, die ja auch nur »Ausdruck von Männlichkeit« darstellen …

  2. @Martin: Wenn man keine Ahnung hat… Hast du die Ultràszene überhaupt schon aus der Nähe gesehen?

  3. Züüriii aleee…FCZ FCZ

  4. Züriii aleee !FCZ FCZ!

  5. …Jan:

    Ich hab genug Fußballschlägerein mitbekommen (zum Glück nie als Opfer), um zu wissen, dass da nichts »fair«, »ritterlich« oder nach was- weis- ich für welchen »Ehrenkodizies« abläuft … ich gehe aus Prizip seit Jahren aus diesem Grund auch in kein Fußballstadion mehr.

    Für mich ist es einfach assozial, wenn man sich als über 18-jähriger prügeln muss, um sich seiner Umwelt mitzuteilen oder sich selbst zu verwirklichen und da gibt es gar nichts zu beschönigen, zu erklären oder auch nur irgendwie mit einen pseudo-intellektuellen Überbau zu versehen.

    Und wer als Polizist an sowas teilnimmt, der gehört unter Streichung der Pension sofort rausgeschmissen …

  6. »Sie hat die Ultras von Lok und Sachsen Leipzig vor und während der Fußball-WM 2006 begleitet und mit vielen Hooligans über ihre Faszination gesprochen.«

    Ultras sind keine beileibe keine Hooligans, auch wenn viele Ultra-Gruppen Gewalt als legitimes Mittel der Auseinandersetzung mit dem Gegner werten. Das sollte noch ausgebessert werden.

  7. Felix Menzel

    @ Jan P.

    Tenner hat die Ultras begleitet. Das heißt nicht, daß alle Ultras Hooligans sind.

  8. Man sollte nicht immer die Dinge vermischen.
    Ja, unsere Gesellschaft hat massive Probleme die Erscheinungsformen der Männlichkeit in ordnungsgemäße Bahnen zu lenken und sinnvoll umzuformen.

    Ja, die ereignisorientierten Strömungen rund um Fussball (ob Ultras, Hools,oder wasweißich) sind weitestgehende Erscheinungsformen einer Verpöbelung und des Kulturverlusts.

    ABER:

    Nein, dennoch ist die Erkenntnis, dass es geradem, um die weitere Allgmeinverprollung zurückzudrängen, Alternativen braucht, nicht falsch.

    Unglaublich schwer ist aber, das auch schöpferisch positiv umzusetzen.

  9. Willy Wichtig

    Was habt Ihr eigentlich gegen Gewalt?

  10. Vinneuil

    @Martin, das ist wirklich zu billig, diese Dinge mit einem Fluch auf das »Aso-Pack« vom Tisch zu wischen. Für einen differenzierteren Blick empfiehlt es sich, sich den Film selbst anzusehen.

  11. Interessant, wie sich die »gesellschaftliche Bewertung« geändert hat. 😉

    In den 80igern sollten (vor allem die britischen) Hooligans in Stellung gebracht werden als »Opfer Thatchers aus der Unterschicht«. Hinweise von Kriminalisten, es handle sich in starkem Maße um »erlebnisorientierte Mittelschichtskinder«, die mangels politischem Interesse nicht als »schwarzer Block« aufträten, wurden medial abgewürgt.

    Nun braucht man sie nicht mehr und schon ist man »betroffen«. Man würde, nachdem man die »Nazi-Schelle« umgehangen hat, gerne »Gesicht zeigen« aber es sind einfach zu viele … und die schlagen ggfs. zurück … deshalb soll hier eher die Staatsanwaltschaft ran.

    Hooligans haben sich idR gegenseitig geboxt – gegen Polizisten haben sie genauso häufig/selten »aktioniert« wie linksradikale Schläger – Opfer unter Unbeteiligten waren/sind selten, es gab/gibt keine Vergewaltigungen, keinen Messereinsatz, keine Brandstiftung.

    Daß die im Vergleich zu den 70igern/80igern erheblich geringeren(!) Aktivitäten auch Ottonormalo auffallen, hängt damit zusammen, daß mit der Eventisierung und Kommerzialisierung die Fußball-Zuschauergruppen weiblicher, älter, bürgerlicher geworden sind.

    Die »Ultras« haben mit »Hooligans« wenig zu tun – ihr »schlimmes Wirken« wird auch seit dem Zeitpunkt medial thematisiert, seit (in Italien) die linksradikale Orientierung relevanter Fangruppen (angeblich) schwindet.

    P.S. @Martin sollte sich einmal vor Augen halten, wer Außenminister war. Dessen Pension und »Beraterverträge« dürften anderen *Nullen* auf dem Konto zeigen als die Pension des o.g. (Ex-)Polizisten.

  12. @derherold:
    Der Ex Außenminister hatte leider das Glück, dass er wohl nie an den »richtigen« geraten ist …

  13. Martin II

    @Martin
    Du hattest wohl auch glück bisher noch nicht an den richtigen geraten zu sein…..Grüsse von Lok Leipzig

  14. Dynamo Dresden

    … sie ein holes gelaber hier ! wem das nich passt das man sich prügelt der soll es ignorieren und gut und nich irgendwelches geschwollenes gelaber von sich geben !

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