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Kolumne über Alles und Nichts: Barca, ManU, RB und der CFC

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Eben weil es eine Nebensache ist, gehöre ich nicht zu denjenigen, die jede Woche ins Stadion rennen. Aber manche Spielen reizen eben schon. Vor einer Woche machte mein Heimatverein Chemnitzer FC (CFC) den Aufstieg in die 3. Liga perfekt. Noch dazu ging es an jenem Samstag gegen Red Bull Leipzig, also neureiche Vertreter eines ekligen Gummibärchensaftes, die vor der Saison von allen Experten als Aufstiegsaspirant Nummer eins gehandelt wurden. Zum Glück kam es anders: Chemnitz fegte Red Bull weg und ich war wieder einmal nicht im Stadion, sondern verbrachte den ganzen Tag freiwillig in einer miefigen Turnhalle.

Mit Blick auf den Chemnitzer FC könnte man meinen, er hätte eine perfekte Saison hingelegt. Als Außenseiter gestartet, entwickelten sich die Himmelblauen schnell zur Übermannschaft der Regionalliga. 6:0, 5:0, 4:0 – Siege in dieser Größenordnung waren keine Seltenheit. Am letzten Spieltag besiegte die Truppe von Trainer Gerd Schädlich den ärgsten Verfolger VfL Wolfsburg II ebenfalls mit vier Toren Differenz und kommt so in der Endabrechnung auf 82 Punkte und damit sieben mehr als Wolfsburg.

Doch Perfektion ist nicht gleich Perfektion. Unsere moderne, durchökonomisierte Welt ist der Grund dafür, warum wir zwischen Perfektion und Perfektion unterscheiden müssen. Die Perfektion des CFC beruht auf jahrelanger harter Arbeit mit wenig Mitteln. Der Input war gering, der Output ist jetzt endlich maximal. Gerd Schädlich hat über drei Jahre hinweg eine Mannschaft mit jungen deutschen Spielern entwickelt, die sich Stück für Stück steigerte und am Ende in der Lage war, als David gegen den Goliath Red Bull zu siegen.

Ganz anders sieht es beim FC Barcelona aus: Bei Barca ist alles perfekt und der Verein (oder sollten wir besser von einem global agierenden Unternehmen sprechen?) stellte dies am letzten Sonnabend im Champions League-Finale gegen Manchester United eindrucksvoll zur Schau. Ich meine gar nicht mal das lockere 3:1 gegen ManU. Aber schaut euch doch nur mal diesen Trainer, den Pep Guardiola an. Völlig ruhig, fast teilnahmslos, steht er da am Seitenrand, mit den Händen in den Hosentaschen. Er ist perfekt gekleidet mit einem dunkeln Anzug und natürlich auch noch jung, so wie es die neue Trainergeneration der erfolgreichen Klopps und weniger erfolgreichen Klinsmanns eben sein muß. Im Gegensatz dazu Gerd Schädlich, der immer in einem mehr oder weniger gut sitzenden Trainingsanzug erscheint, seine Mannschaft lautstark dirigiert und bei der Presse als Fanatiker deutscher Tugenden gilt.

Guardiola und Barca könnten dies nicht stärker kontrastieren. Der Moderator von vorgestern sprach von „moderner Architektur“, um die Spielanlage der Katalanen zu beschreiben. Guardiola gelingt es, selbst das freigeistige Genie Lionel Messi in diese perfekte Konstruktion als kreatives Element zu integrieren. Es paßt einfach alles: Barca ist ein global agierendes Großunternehmen mit mehreren 100 Millionen Jahresumsatz. Selbst die „Corporate Social Responsibility“-Strategie des Unternehmens mit Unicef als Hauptsponsor wurde sorgfältig gewählt, um nicht nur sportlich erfolgreich, sondern auch moralisch gut herüberzukommen. Es hätte zum Champions League-Finale eigentlich nur noch gefehlt, daß danach das mythenreiche Wembley-Stadion in Greenpeace-Arena umbenannt wird. Der Initiator dieser feinen Geste hätte nur Barca heißen können. Dann wäre die gute Welt endlich perfekt vollendet gewesen.

Doch ich muß zugeben, daß mich die Perfekten und noch dazu moralisch Guten nur wenig interessieren. Mehr noch: Ich langweilte mich am Samstag vor dem Fernseher, weil von Anfang an feststand, wie das Spiel des Jahres ausgeht. Zu perfekt trat Barca auf. Da beobachte ich also doch lieber das Geschehen in der dritten oder vierten Liga. Und sollte Chemnitz nach langer Durststrecke mal wieder in die 2. Fußball-Bundesliga aufsteigen, wird der Abstiegskampf umso spannender.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare zu “Kolumne über Alles und Nichts: Barca, ManU, RB und der CFC

  1. derherold

    Glückwusch zum Aufstieg !
    Ich hoffe, daß der CFC an der Gellertstraße immer noch diese einzigartige Infrastruktur hat … nämlich den Eingangsbereich eines Supermarktes wenige Meter von der Gegentribüne entfernt.

    Allerdings darf man auch erwähnen, daß Schädlich für den sportlichen Erfolg die Tradition der Himmelblauen zerschlagen hat: Während jahrzehntelang Spieler aus dem eigenen Nachwuchs sächsisches tiki-taka mit nummerierten Spielzügen vorführten, ist der aktuelle Kader weit davon entfernt. Eine »andere Philosophie« brachte Fußballer aus anderen Vereinen … und auch dauerhaften Erfolg ?

  2. Wenn man schon über Barcas Fußball-System abkotzt, dann vielleicht noch Folgendes:
    Im Finale in Wembley gegen ManU standen 8 Spieler aus der eigenen Jugend auf dem Platz (darunter 1 Argentinier, 2 Spanier, 5 Katalanen), auf der Bank saßen weitere drei aus der Jugend (ich glaube, das gibt es sonst nur in Jugendteams, höhö).
    Barca hat, das sollte BN freuen, eine extrem starke nationale Ausrichtung als Verein (nicht als Marke, wohlgemerkt), versteht sich als so etwas wie die Nationalmannschaft Kataloniens – deswegen auch der klassische Spruch: Visca el Barca i visca Catalunya!
    Pep Guardiola mag zwar smart sein, aber er ist kein Großmaul (Mourinho) und kein Faulpelz (Klinsmann). In den drei Jahren seiner Amtszeit als Trainer der ersten Mannschaft hat er fast seine kompletten Haare verloren und einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten. Er war schon als Spieler der geborene Trainer, aber er scheint auch recht sensibel zu sein.
    Sela.

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