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Kracht, Thor Kunkel und die Sklaverei in der Zukunft

Als kleine Nachlese zur Skandalisierung von Christian Kracht empfehle ich eine Wutschrift des Schriftstellers Thor Kunkel in der aktuellen eigentümlich frei. Kunkel hat 2004 selbst erlebt, wie es ist, vom SPIEGEL zerpflückt zu werden. Anders als Kracht war er jedoch noch relativ unbekannt. Er hatte deshalb keine prominenten Fürsprecher. So nahm das Ganze seinen Lauf:

  • Kunkel erhielt achtzehn Morddrohungen.
  • Noch vor der Veröffentlichung des skandalisierten Romans Endstufe distanzierten sich etliche Schriftsteller seines Verlags (Eichborn). Darunter: Sven Regener, Roger Willemsen und Walter Moers.
  • Kunkel erhielt Ausladungen von Szenepartys, Festivals, …
  • Das Land Berlin wollte ihn fortan auch nicht mehr finanziell fördern.

Der Denunziant war damals übrigens Henryk M. Broder. Auch das ist bemerkenswert, weil dieser sich heute als Vorkämpfer für Meinungsfreiheit stilisiert.

Ich selbst habe Endstufe mit großem Genuß gelesen. Dieser Nazi-Porno-Roman hat stilistisch seine Schwächen, aber er ist auf jeden Fall lustig und unterhaltsam. Von einer Verherrlichung des Dritten Reichs keine Spur. Wenn man überhaupt etwas aus diesem Roman inhaltlich herausziehen und lernen kann, dann: Auch die Nazis waren nur Menschen mit all den dazugehörigen menschlich-allzumenschlichen Bedürfnissen und Schwächen. Broder aber schlug Alarm und machte Kunkel zur „Wiedergeburt Parsifals als rechter Schläger“.

Was ist nun aus diesem „rechten Schläger“ geworden? Seinen aus meiner Sicht bisher besten Roman hat Kunkel im letzten Jahr vorlegt. In Subs läßt er die Skalaverei in einer Großstadtvilla im Grunewald auferstehen. Er beschreibt damit auf pointierte Weise ein Szenario, das ich angesichts der ersten deutschen „gated communities“  für gar nicht mal so abwegig halte.

Kunkel deutet auch an, wann dieses Szenario reale Bedeutung gewinnen könnte: Sobald nämlich klar ist, daß sich der Großteil der Gesellschaft ihre demokratische Mündigkeit nur eingebildet hat und diese Lüge enttarnt ist, werden wir zu ursprünglicherer Herrschaft zurückkehren. Der Haussklave Bartos, einer der Protagonisten des Romans, hat das schon erkannt:

… ich glaube schon lange nicht mehr, dass das Grundgesetz zwangsläufig die Wirklichkeit widerspiegelt. Zumindest habe ich andere Erfahrungen gemacht. (…)

Ist es wirklich amoralisch, Menschenmassen, die darauf angewiesen sind, dass man ihnen klare Richtlinien gibt – also in erster Linie die ungebildeten, antriebslosen Subproletarier –, in die Herrenhäuser und Mustergüter zu integrieren, statt sie der Verwahrlosung zu überlassen?

Damit ist die Frage aufgeworfen, ob die persönliche der abstrakten Abhängigkeit vorzuziehen ist. Das aktuelle HartzIV-Modell zieht die Menschen in diese abstrakte Abhängigkeit hinein. Mit Ernst Jünger gesprochen, passiert folgendes:

Die Sklaverei läßt sich bedeutend steigern, indem man ihr den Anschein der Freiheit gewährt. (aus: Blätter und Steine)

Wer erkannt hat, daß die Menschen ungleich sind, weiß auch, daß nicht alle gleichermaßen zur Freiheit begabt sind. So ist nun mal die Welt: Die einen können Verantwortung tragen, die anderen fühlen sich wohler, wenn man ihnen vorgibt, was zu tun ist. Die einen wollen sich ihre Ziele selbständig aussuchen, andere würde dies überfordern. Sie sind glücklicher, wenn sie jemand an ihrer Seite haben, der ihnen eine klar beschriebene Aufgabe erteilt.

Ich bin mir ganz sicher, daß sich viele HartzIV-Empfänger mit dem Gedanken anfreunden könnten, für ein reiches Ehepaar kostenlos zu arbeiten und dafür von ihnen mit Kost und Logis versorgt zu werden. Die Alternative hört sich jedenfalls bedeutend schlechter an: Wohne weiter in deiner Mietsbaracke mit Fernsehen und Internet und entscheide „frei“ über ein paar Hundert Euro im Monat!

Nochmal Bartos:

Das ist das wirklich Perverse an dem System: Es verlangt von Unfreien, sich frei zu fühlen, und setzt dabei das Einverständnis zur Selbstversklavung voraus. Schön ist sie nicht, die Unfreiheit in der Maske von Gleichheit und Freiheit. Kommt heute nicht jedes Kind als Schuldner zur Welt? Was ist die globale Marktwirtschaft anderes als der brutalste und elendste Sklavenmarkt, den es gibt?

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2 Kommentare zu “Kracht, Thor Kunkel und die Sklaverei in der Zukunft

  1. stechlin

    Schon damals beim Erfolg von »Die Wohlgesinnten« schrieb TK eine Wutschrift (noch immer auffindbar auf seiner Seite). Ohne jetzt den Inhalt des Textes in EF zu kennen, kann man immerhin zwei Dinge nüchtern festhalten: »Endstufe« und »Imperium« haben genauso wenig miteinander gemeinsam, wie Kunkel und Kracht.
    »Endstufe« ist Trash (ich hab’s trotzdem gemocht), »Imperium« ist Literatur (ich tat mich schwer damit). TK ist TK und CK ist der hauptberufliche Sohn eines Axel-Springer-Vorderen mit zahllosen Freund- und Bekanntschaften in die Systempresse hinein. Als Mensch scheint TK sehr ernst zu sein, CK ist ein lustiger Kauz, einer, bei dem man nie sicher sein kann, was er wirklich denkt und meint.
    Selbst die m.E. einzige offensichtliche Gemeinsamkeit der beiden – nämlich das sie »rechts« sind, reicht nicht aus um daraus ein Band zu flechten. Sie leben und schreiben in anderen Welten. Das der eine daran so schwer trägt, ist schade.

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