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Kriegsrethorik der Gutmenschen in Chemnitz zwei Monate nach der Niederlage

Ich hätte wirklich nicht gedacht, wie tief der Stachel bei allen Chemnitzer Gutmenschen sitzt, die am 5. März den »braunen Trauermarsch« aufgrund des völlig normalen Einschreitens der Polizei nicht im Verbund mit gewalttätigen Linksextremisten wegräumen konnten. Noch heute, also zwei Monate später, debattieren in der überhaupt nicht freien Lokalzeitung FREIE PRESSE Prominente der Stadt, wie das passieren konnte und warum nicht noch mehr Bürger den Blödsinn der Gutmenschen unterstützt haben. Die Argumentationsmuster schwanken dabei zwischen Nostalgie (»Die 89er sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Ach herje!«) und Kriegsrethorik. Bei dem aktuellen Aufsatz von Hartwig Albiro fragt man sich wirklich, ob er sich diesen nach dem Schreiben noch einmal durchgelesen hat und ob es nicht eine Etage tiefer geht. Der Zweite Weltkrieg scheint für den 1931 geborenen noch nicht zu Ende zu sein.

Im folgenden möchte ich einfach mal zuerst die kriegerischen und dann die gutmenschlichen Vokabeln dieses demokratischen Helden auflisten. Zuerst die Ausdrücke aus dem Kriegsbericht um die umkämpfte Besetzung von Chemnitz:

… von Gegenkräften zu besetzen …

Die wesentlichen Plätze der Innenstadt waren von Chemnitzern besetzt … Aber die Zersplitterung der Kräfte war dadurch programmiert – der Gedanke, ganztägig Massen in Bereitschaft zur Gegendemo zu halten, wurde nicht realisiert.

Gegen 15 Uhr setzte sich innerhalb des »Hochsicherheitstrakts« der braune Sumpf, behütet und geschützt, zum »Trauermarsch« durch die Innenstadt in Bewegung. Vom Hubschrauber beobachtet, durch Sperrketten behindert, verschaffte sich der Protest mit der Oberbürgermeisterin an der Spitze am Forum Gehör, aber aufgehalten wurden die Neonazis dadurch nicht.

Die Friedenskräfte sind objektiv immer zum Reagieren verdammt. (mein absoluter Lieblingssatz, FM)

… anschließende Säuberung und Desinfizierung der Naziroute vom braunen Morast mit Reinigungsfahrzeugen der Stadt und den mit Besen und Schrubbern bewaffneten Bürgern …

So, das soll erstmal reichen. Herr Albiro hat aber nicht nur zu seiner Schulzeit die Vokabeln fleißig gelernt. Auch heute noch ist er aufnahmebereit für die Worthülsen der Gegenwart:

Zeichen für Menschlichkeit und Toleranz

… friedliche demokratische Kreativität …

»Wir stehen da und sind betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen«, hieß es bei Brecht.

Mit diesem Brecht-Zitat muß alles gesagt sein und alle Fragen offen. Die Debatte kann also weitergehen, damit so etwas nie wieder passiert. Nie wieder!

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare zu “Kriegsrethorik der Gutmenschen in Chemnitz zwei Monate nach der Niederlage

  1. Enkel des HJ-Wolfs

    *kotz*

  2. Calito

    Die selben Worthülsen auch in den Bekundungen, anlässlich des »Marsches für die Freiheit« von Pro NRW gestern in Köln (Beispiel aus der »Rheinischen Post«):

    »Hannelore Bartscherer vom Katholikenausschuss Köln sagte, nicht die Fremden seien die Bedrohung, »sondern eine Ordnung, die Ausgrenzung akzeptiert«.«

    »Beck forderte: »Wir müssen die Vielfalt Kölns gegen die Einfalt von Pro Köln bewahren und den Rechten die Maske der Rechtschaffenheit vom Gesicht reißen.««

    usw.

    Würde mich mal interessieren, ob der halbinformierte Otto-Normal-Bürger die heiße Luft für bare Münze nimmt.

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