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Kulturpessimismus und deutsche Vitalität

Im aktuellen Cicero hat der Schriftsteller Gerhard Henschel fünf Seiten über den konservativen Geschichtsphilosophen Oswald Spengler vollgepinselt. Wie ein roter Faden zieht sich durch seinen Text der fehlende Wille, den Kulturpessimisten verstehen zu wollen. Statt dessen beschränkt sich Henschel darauf, Spenglers Probleme im Umgang mit Frauen zu erörtern. Seine These lautet also: Weil der Autor von „Der Untergang des Abendlandes“ gefangen in persönlichen Problemen war, schrieb er die Apokalypse herbei.

Diese Art der psychologisierenden Argumentation ist heutzutage beliebt, um Sachthemen zu umschiffen. So kann man z.B. schnell zu dem Schluß kommen, daß der Rechte prinzipiell Unrecht haben muß, weil er bestimmt eine schwere Kindheit erlebt hat.

Dabei hätte Henschel, der in seinem neuen Buch „Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes“ anscheinend alle Kulturpessimisten überführen möchte, durchaus einen wichtigen Beitrag zum Verständnis und zu den Fehlannahmen Oswald Spenglers liefern können. Zweifelsohne wirkt Spenglers Kulturkritik stellenweise unpräzise und trifft nicht immer ins Schwarze. Gerade die kulturelle Blüte der Zwischenkriegsjahre scheint ein bißchen an ihm vorbeigegangen zu sein.

Diese Ungenauigkeiten in der Kulturanalyse kann man Spengler aber getrost verzeihen, weil er vorausahnend die großen Niedergangstendenzen der europäischen Kultur des 20. Jahrhunderts (Verlust der moralischen Selbstverständlichkeiten, zivilisatorische Züge der Kulturindustrie, …) ertastet hat. Und im übrigen sollte man immer auf dem Zettel haben, daß berühmte Intellektuelle wie Thomas Mann mit dem gleichen Wortschatz den Übergang von Kultur zu Zivilisation beschrieben haben. Dieses Denken war einem Zeitgeist geschuldet und gerade an dieser Zeitbedingtheit kann eine sinnvolle Spengler-Kritik ansetzen.

Zwar gibt es heute nicht mehr so viele Kulturpessimisten wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber es gibt sie noch. Gerade an den Schwellen des Aufkommens neuer Kulturtechniken beginnt ihr großes Klagen. Viele machen es sich dabei zu leicht und wiederholen Spenglers Ungenauigkeiten.

Aber nur wer bestimmte Kulturphänomene kennt, kann auch darüber fachkundig urteilen. Wer Hiphop verteufelt, muß sich zuvor eingehend mit dessen Ausdrucksformen und den Motiven der Künstler auseinandergesetzt haben. Wer sagt, Fernsehen ist generell schlecht, muß die Spezifika dieses Mediums kennen. Und wer meint, die deutsche Jugend gebe keine Lebenszeichen mehr von sich, der muß jene Orte auf dem Schirm haben, an denen sich noch deutsche Gemeinschaften zusammenfinden.

Ich spiele hierbei auf eine JF-Kolumne unseres Redakteurs Carlo Clemens an, der sich angesichts der Vitalität der islamischen Kultur fragt, ob „Deutschlands Jugend noch wahrhaftig lebt“. Diese Frage ist natürlich berechtigt, sollte aber nicht in einem Ohnmachtsgefühl enden, solange es noch Deutsche gibt, die sich zusammentun und gemeinsam etwas machen.

Vielleicht haben ja schlichtweg die sich ohnmächtig fühlenden Kulturkritiker die Orte, an denen Vitalität herrscht, noch nicht aufgesucht? Aber sie gibt es: In Subkulturen (Punk, Gothic, Hooligans, …), Vereinen und NGOs finden sich immer noch deutsche Massen, die durch einen gleichmäßigen Rhythmus ihre Körper synchronisieren lassen und zu kurzen exzessiven Ausstößen an Vitalität führen. Ich habe vor einiger Zeit mit einem ehemaligen Hooligan gesprochen, der dieses Gefühl sehr schön beschrieb. Selbstverständlich haben alle die von mir aufgezählten Gemeinschaften ihre Makel, aber trotzdem zeigen sie, daß es auch für Deutsche noch Gruppen gibt, die gemeinsame vitale Erlebnisse organisieren.

Das alles soll nicht heißen, daß es keine faulen, fetten Säcke vorm Fernseher gibt, aber es ist eben auch noch nicht alles verloren. Und wer mit den von mir aufgezählten Gemeinschaften nichts anfangen kann, für den habe ich einen Auftrag: Baue doch bitte eine rechte NGO auf. Wir nennen diese dann Reconquista und führen regelmäßig Veranstaltungen und Aktionen durch, die sich gewaschen haben.

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2 Kommentare zu “Kulturpessimismus und deutsche Vitalität

  1. In Spenglers Rezeption ist von Beginn an auf diese Weise auf die Diskrepanz zwischen dem Denker Spengler und der Person Spengler hingewiesen worden.
    Ich sehe darin im Grunde nicht mehr als die Flucht vor den Argumenten, die uns ja allen hier gut bekannt ist. Hätte dieser Berufsschlaukopf den Willen aufgebracht, sich mit Spenglers Denken tiefgehender zu beschäftigen, hätte er sicher einige Argumente gegen diesen gefunden. Aber indem er an Spenglers Werk vorbeiargumentiert beweist er erstens seine wissenschaftliche Unfähigkeit und zweitens gibt er Spengler einmal mehr Recht.

    Das, was Henschel im Cicero in Angriff nimmt, haben zig andere schon besser gemacht, aber gelingen kann es nicht.

    Drüberlesen – Augenrollen – Wegschmeißen.

  2. Eine Diskrepanz zwischen Denken (Schreiben) und Handeln findet man auch bei anderen Philosophen – man denke nur an Schopenhauer. An der Kernaussage, dass es eben NICHT stetig bergauf in der Entwicklung geht, sondern alles zyklisch zu betrachten ist, ändert das hingegen wenig. Allerdings ist diese Ansicht nicht ganz so neu…zumindest Nietzsche hat schon paar Jährchen eher so geschrieben:

    »Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.«

    Von Naturreligionen mal ganz zu schweigen…

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