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Kunst, Skandal, Sexualität – Drei Lesehinweise

Ich würde gerne ausführlich einige grundsätzliche Anmerkungen zur Mapplethorpe-Retrospektive machen, aber mir fehlt leider die Zeit und deshalb begnüge ich mich mit ein paar Literaturhinweisen zum Themenkomplex »Kunst, Skandal, Sexualität«.

Erstens: Camillie PagliaSexualität und Gewalt oder: Natur und Kunst. Die 125 Seiten gibt es bei Amazon bereits ab 2,79 Euro. Hier geht es um den Geschlechterkampf und damit zugleich auch um die heikle Frage, ob Männer gegenüber Frauen die künstlerisch besseren biologischen Grundvoraussetzungen haben. Paglia ist der Meinung, die »Vormachtstellung des Mannes in Kunst und Wissenschaft« so begründen zu können:

Die Kunst vergegenständlicht. In der natur gibt es, wie gesagt, keine Gegenstände, nur den mörderischen Fraß der Naturkraft, ihr zerstückelndes, zersetzendes, zermahlendes Wirken, ihre Verflüssigung aller Materie zu jener dicken Ursuppe, aus der neue, nach Leben gierende Formen springen. Dionysos wurde mit Flüssigem identifiziert – mit Blut, Saft, Milch, Wein: das Dionysische ist das chtonische Flüssigsein der Natur. Apollon hingegen verleiht Form und Gestalt, grenzt das eine Wesen gegen das andere ab. Alle Kunsterzeugnisse sind apollinisch. Schmelzen und Zusammenfließen sind dionysisch, Trennen und Vereinzeln apollinisch. Jeder Knabe, der seine Mutter verläßt, um zum Mann zu werden, kehrt das Appollinische gegen das Dionysische. Jeder Künstler, den es zur Kunst drängt, der, wie andere atmen, Wörter oder Bilder formen muß, benutzt das Apollinische, um die chtonische Natur zu überwinden.

Zweitens: Mathias Döpfner hat in der Welt am Sonntag vom 9. Januar 2011 eine mehrseitige Besprechung des Bildes »Der Ursprung der Welt« (siehe Bild) von Gustave Courbet verfaßt, die man hier nachlesen kann. Döpfner blickt in diesem Essay auch auf das Kunstpublikum und fragt sich, warum Scham nicht mehr chic ist. Viel wichtiger erscheinen mir allerdings seine Aussagen zur Produktivität des Skandals. Die These lautet: Alle großen Kunstbewegungen haben mit Skandalen begonnen. In unserer heutigen reizüberfluteten Welt muß aber noch weiter gedacht werden: Ohne Skandale ist heutzutage nichts Neues mehr sagbar. Die Tiefendimension dieses Umstandes ist der schwierige Zusammenhang von Kunst und Natur:

Kunst ist das Gegenteil von Natur. Und doch kann Natur die größte Kunst sein. Die ultimative Provokation der Kunst ist es, das eigentlich Natürliche zu Betrachten. Der größte Skandal ist der direkte, »realistische« Blick auf die ersten und letzten Dinge. Das war vor 40.000 Jahren bei der ersten Venus-Skulptur so. Das ist heute noch so. Und das war so bei Courbets »L‹Origine du monde«. Das letzte der letzten Dinge ist die Vagina. Dort entsteht Leben. In der triebhaften Sehnsucht, in der Empfängnis, in der Geburt. In der Kreation. Am Ende ist der Trieb, die Sexualität der Ursprung der Menschheit. Und der Ursprung der Kunst. Dort, in diesem geheimnisvollen schwarzen Dreieck zwischen Scham und Schamlosigkeit, entsteht die Kreatur und die Kreativität. So einfach, so frech, so klar ist »L‹Origine du monde«. Ein Skandal?

Drittens: Nacktheiten von Giorgio Agamben. In diesem Essaybändchen wechseln sich Licht und Schatten ab. Sehr interessant fand ich den Beitrag über »K.«, eine theologische Deutung von Kafkas Romanfiguren, sowie den Haupttext über »Nacktheit«. Der italienische Philosoph knüpft darin an die »Theologie des Kleides« von Erik Peterson an und macht deutlich, was der Unterschied zwischen »unbekleidet« und »nackt« ist. Peterson betonte:

Nacktheit gibt es erst nach dem Sündenfall. Vor dem Sündenfall gab es wohl Unbekleidetheit, aber diese Unbekleidetheit war noch keine Nacktheit. (…) Das Wahrnehmen der Nacktheit ist an diesen geistigen Akt, den die Heilige Schrift das ›Aufgetanwerden der Augen‹ nennt, gebunden. Die Nacktheit wird also ›bemerkt‹, während das Unbekleidetsein unbemerkt geblieben war.

Das Sichtbarmachen der Nackheit ist ein (völlig wertfrei gesehen) skandalöser Vorgang, womit in einfachster Weise die Welt entzaubert und ihrer Schönheit beraubt wird und der Schöpfung zugleich »eine konstitutive Unvollkommenheit unterstellt« wird:

Und doch ist es diese Entzauberung der Schönheit durch die Nacktheit, diese erhabene und armselige Zurschaustellung des Scheins ohne Geheimnis noch Bedeutung, die dazu bestimmt sind, das theologische Dispositiv zu entschärfen, um jenseits des Prestiges der Gnade und der Verlockungen der verderbten Natur den schlichten, unscheinbaren Körper des Menschen sichtbar zu machen. Denn die Deaktivierung des Dispositivs wirkt auf die Natur und die Gnade, sei es als Nacktheit oder als Kleid, zurück und befreit sie von ihrer theologischen Signatur. Dieses schlichte Wohnen des Scheins in der Geheimnislosigkeit ist sein besonderes Zittern – die Nacktheit, die wie eine Knabenstimme nichts bedeutet und uns ebendeshalb durchdringt.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

7 Kommentare zu “Kunst, Skandal, Sexualität – Drei Lesehinweise

  1. Der Grinch

    Geiles Foto! Hier schau ich von nun an bestimmt öfter mal rein!

  2. Marco Reese

    Muß das sein?

  3. Marco Reese

    (in bezug auf Bild, nicht Vorgängerkommentar)

  4. beim Lesen kann einem schon übel werden, aber wenn das Kunst ist, könnte ich glatt kotzen

  5. Zu ergänzen wäre noch (als literarisch-essayistische Grundlagentexte) zu 1):

    Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
    Thomas Mann: Der Tod in Venedig

    und nicht zuletzt bzgl. einer streng appollinischen Kunst:

    Gottfried Benn: Dorische Welt

  6. Oha! Das hätte ich mir nicht gewagt. Hehe.

  7. Katrin Lampert

    Kunst u. Sexualität ?

    Ist nicht Kunst/ künstlerisches Schaffen, rein geistig u. hat Nichts mit rein körperlicher Geschlechtlichkeit zu tun ?
    Kunst ist Unendlich, wohingegen der »fleischliche« Körper endlich ist !

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