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Lektüre am Sonntag

herman_loensDas erste Blockseminar in unserem Dresdner Zentrum für Jugend, Identität und Kultur ist vorbei: es war erfolgreich, wir haben ein neues Veranstaltungsformat etabliert. Im Januar findet dann das zweite Blockseminar über ein Wochenende statt. Trotz der Freude über den erfolgreichen Verlauf des Seminars (ausführlicher Bericht folgt noch) steckt es uns noch etwas in den Knochen. Vorbereitung und Durchführung waren anstrengend. Deshalb heute Morgen nur einige Notizen:

Nach einem solchen Wochenende, wo wir uns in einem Paralleluniversum befinden, frage ich mich manchmal, ob es überhaupt notwendig ist, etwas vom Tagesgeschehen mitzubekommen. Es geschieht ja sowieso nichts Weltbewegendes. Als Journalist hat man trotzdem ein schlechtes Gewissen und kauft deshalb zumindest eine Sonntagszeitung (in meinem Fall die Frankfurter Allgemeine) und durchstöbert den Videotext (insbesondere die Sportseiten).

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Aber was hat man uns schon zu sagen? Der Aufmacher für den Sportteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist eine Geschichte über rechte Tendenzen in deutschen und europäischen Fankurven. Zunächst ist man verwirrt durch eine klassische Bild-Text-Schere. Während die Überschrift suggeriert, deutsche Fußballfans würden für ein neues 1933 kämpfen, zeigt das Bild eine Antifa-Fahne und Fans, die sich über »Nazis raus!« profilieren.

Im Text muß dann Autor Michael Horeni offen zugeben, daß er die bösen rechtsextremen Fußballfans nur sehr vereinzelt gefunden hat. Der Widerstand gegen diese winzige Minderheit ist jedoch gerade in Deutschland besonders ausgeprägt. In Rußland, Italien und auf dem Balkan sehe es jedoch anders aus. Dort werde »ganz offen« Rassismus, Nationalismus und Sexismus im Stadion artikuliert. Daniela Wurbs, Sprecherin der »Football Supporters Europe«, darf deshalb warnen: »Es gibt im europäischen Fußball einen Rechtsruck, der sich auch im Europaparlament spiegelt.« Sie meint damit vermutlich den derzeitigen Höhenflug von rechten Parteien in den Umfragen für die Europawahl 2014.

Im Politik-Teil gibt es dagegen gleich auf Seite zwei und drei eine Überraschung: Der Heimatdichter Hermann Löns (1866 – 1914) wird auf einer Doppelseite portraitiert. Unabhängig von irgendwelchen Jubiläen liegt die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg und der Zeit davor gerade im Trend. Warum? Haben die Seismographen unseres Landes etwa das Gefühl, daß sich die Geschichte vielleicht doch zumindest in Grundmustern wiederholen könnte? Es spricht einiges dafür und auch der Text über Löns ist getragen von dieser Stimmung.

Der Knall nach der großen Langeweile

Es handelt sich hier um eine Stimmung, die beunruhigt danach fragt, wie sich das Individuum der großen Langeweile und »Alternativlosigkeit« der Moderne stellt. Welche Avantgarde-Bewegungen können in einer solchen Zeit (1913, 2013) entstehen? Welche Aggressionen werden geboren, welche Sehnsüchte?

Die FAS charakterisiert Löns so:

Er war vieles: Kind der Gründerzeit, Revoluzzer, Alkoholiker, Umweltpionier, Nationalchauvinist. Und phasenweise vollkommen irre.

Der Jugendfreund Max Apffelstaedt beschrieb ihn so:

H. Löns, Lyriker, in der Jugend Anarchist, später Reaktionär, Nietzscheaner, endlich Verteidiger des Satzes: omnia schnuppe.

1914 ist dann nicht mehr alles schnuppe. Europa befindet sich im Ausnahmezustand und die Massen jubeln. Löns auch: »Ist das eine herrliche Zeit!«, »Mensch, das Leben ist so schön jetzt, dass es sich lohnt zu sterben.«

Die FAS resümiert: »Löns war wohl zeitweilig irre. Die Welt, die nach ihm kam, war erheblich irrer.«

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2 Kommentare zu “Lektüre am Sonntag

  1. »Die FAS charakterisiert Löns so:

    ›Er war vieles: Kind der Gründerzeit, Revoluzzer, Alkoholiker, Umweltpionier, Nationalchauvinist. Und phasenweise vollkommen irre.‹«

    Ein Unverschämtheit sondergleichen!

    Der Irrsinn liegt nicht bei dem großen Heimatdichter Löns, sondern im heutigen Zeitgeist und der aus diesem erwachsenen Journaille. »Vollkommen irre«, hätten Löns und seine Zeitgenossen auch die heutige Nationsvergessenheit und den widernatürlichen Wertekanon der Globalisten und Volkszerstörer bezeichnet.

  2. Der Irrsinn liegt offen, wie eine umgekehrte Haut. Dort reinzustechen ist die Aufgabe, um den Preis selbst als irrsinnig weggestempelt zu werden. Darin liegt ein Gewinn an Lebenskraft und Gesundheit. Der Verlust liegt auf der anderen Seite. Die habens drauf angelegt und verloren. Genauer: einen Leser. Aber mal ernsthaft: was soll diese konträre Berichterstattung bewirken? Daß man das Blatt in Zukunft noch genauer liest? Da greife ich mir lieber ein Buch. Die Antiquariate sind voll damit. Zeit zum lesen ist allerdings rar. Der unbewältigte Bücherberg wird immer höher. Neben dem Waldgänger gibt es also auch den Typus des Bergsteigers.

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