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Leserbrief von Vera Lengsfeld

Vera LengsfeldZum Artikel von Sebastian Rast über »Linke und rechte DDR-Nostalgie« hat uns Vera Lengsfeld einen kritischen Leserbrief geschrieben. Diese Kritik möchten wir unseren Lesern selbstverständlich nicht vorenthalten:

Heruntergelassene Hose? Ich hatte ein Kleid an!

Das Wort von der heruntergelassenen Hose scheinen die Narzisse Autoren ja zu lieben, wenn es gleich zwei mal auf der Startseite vorkommt (was übrigens gar nicht der Fall ist, Anmerk. d. Red.). Abgesehen davon frage ich mich, auf welcher Veranstaltung Ihr Autor war. Weder wurde mir eine Banane überreicht, noch war von undichten Plattenbaudächern die Rede, noch von der maroden Wirtschaft der DDR. Was eine ironische Replik ist, sollte ihr Autor ruhig mal lernen.

Es hat offenbar das Fassungsvermögen ihres Autors überschritten, um was es bei dieser Veranstaltung ging: seit Jahren wiedergekäute Gruselgeschichten über die Gedenkstätten des DDR-Unrechts und Verunglimpfung der Referenten. Kann man die Stasi nicht einfach in Ruhe lassen? Lieder nein, denn die Demagogen wissen nur zu genau, dass man Lügen nur oft genug wiederholen muss, damit sie den Anschein von Wahrheit erhalten. Also müssen wir ihnen widersprechen, auch wenn wir Besseres zu tun hätten. Übrigens: ich wünsche der Dame, die symbolisch ihre Bananen für DDR-Bildung und kostenloses Gesundheitswesen tauschen wollte nichts Schlechtes. Aber eine halbe Stunde DDR-Zahnarzt, wo ohne jede Betäubung auf dem Nerv rumgebohrt wurde, nicht mit Turbo, so wie jetzt, sondern mit langsamen Bohrern … Ich bin sicher, danach würde sie eine Weile wenigstens die medizinischen Behandlungen, die sie heute genießen darf, schätzen.

(Bild: Franz Richter / Wikipedia / CC)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

5 Kommentare zu “Leserbrief von Vera Lengsfeld

  1. Frau Lengsfeld hat recht. Die penetrante Dauerverniedlichung der DDR nervt gewaltig. Dass wir heute, Merkel & Co sei Dank, auf einen erneuten Überwachungs- und Gängelstaat, aber eben mit pseudo-marktwirtschaftlichen Anstrich, zugehen, wird durch die DDR-Nostalgie direkt mit verharmlost. Nach dem Motto, so schlimm war´s damals ja auch nicht und so schlimm wird´s dann diesmal auch nicht werden.

    Mich interessiert nicht, was Ex-Stasi-Schergen für vermeintliche Insiderinfos von damals kolportieren – mich interessiert eher, was Ex-Stasi-Schergen heute, also nach etwas mehr als 20 Jahren danach, für ein Bankkonto haben – viele haben auch nach der Wende ihren Schnitt durch Seilschaften etc. gemacht. Hierzu könnte der eine oder andere mal plaudern …

  2. Klar, Frau Lengsfeld hat Recht. Ich mag die »Blaue Narzisse«, aber der von ihr kritisierte Beitrag war wirlich recht hohl. Mich widert es an, wie Symbole präsentiert werden oder Nachfolgeorganisationen der DDR Veranstaltungen organisieren. Wieso kann das nicht wir bei der anderen Deutschen Diktatur verboten werden?

  3. Sebastian R.

    Sehr geehrte Frau Lengsfeld,

    in der Tat war es in dem Raum so voll, dass ich nicht gesehen habe, ob Ihnen tatsächlich eine Banane überreicht wurde oder nicht, ich habe das daraus geschlossen, dass die Frau sinngemäß sagte »…dann gebe ich Ihnen hiermit meine Banane zurück und hätte dafür gerne…etc.«. Daran, dass Sie sich anschließend ironisch unter Anderem für undichte Plattenbaudächer und die marode DDR-Wirtschaft bedankten, ändert das jedoch nichts. Wenn es Ihnen also nicht darum geht, sondern um die Stasi-Verharmlosung des Herrn Kierstein, warum dann der durchgängige Hohn gegenüber der DDR als Gesamtbild, der selbstverständlich bei dem anwesenden Publikum entsprechende Gegenreaktionen provozierte? Ich fühlte mich auf dieser Veranstaltung stark an nicht minder festgefahrene Schlammschlachten zwischen »antifaschistischen« Zeloten und vermeintlichen oder tatsächlichen »Rechten« erinnert.

    Da ich nach dem Ende der DDR geboren wurde kann ich Ihre Erlebnisse mit dem Staatsapparat der DDR nicht nachfühlen und es liegt mir fern, Ihr Engagement verächtlich zu machen. Als zumindest darum bemühter Querdenker stehe ich jedoch nicht nur einer DDR-Verniedlichung, sondern mindestens ebenso einer selbstgerechten Vorstellung von der Überlegenheit des westlichen Lebensmodells gegenüber dem der DDR kritisch gegenüber. Ihre Schilderung eines Zahnarztbesuches (womit Sie ein weiteres Mal den Wohlstand der BRD gegen die DDR in Stellung bringen) in der DDR bestärkt mich in meiner Überzeugung: Es ist unredlich, bei all den gravierenden Problemen, denen wir uns heute gegenüber sehen die Vergangenheit ausschließlich an den positiven Seiten der heutigen Bundesrepublik zu messen.

  4. Sie irren, Herr Rast: Unredlich ist es, Menschen mit im Prinzip vorgehaltener Waffe zu einem Lebensmodell zu zwingen, daß ihnen in jeder Hinsicht zum Nachteil gereicht (schlechte Versorgung usw., all die genannten Beispiele). Jeder, der in einem DDR-ähnlichen Staat leben will, kann dies von mir aus gern tun: Bildung – aber nicht für Abweichler, Arbeit – aber die, die die Bedürfnisse der Gesellschaft erfüllen, keine soziale Verwahrlosung – nein, sicher, wir waren alle gut aufgehoben im Schoß der FDJ. Bitteschön! Nur möchte ich mir doch verbitten, daß auf mich geschossen wird, wenn ich ein Leben mit der Möglichkeit der Betäubunsgspritze beim Zahnarzt vorziehe. Und, Herr Rast: Ganz und gar unanständig ist es, mich dann für meine Entscheidung moralisch zu bewerten.

  5. Sehr geehrter Sebastian R,

    als älterer Mensch, der beide System noch lebhaft in Erinnerung hat, möchte ich folgendes konstatieren:

    Zum Zeitpunkt 03.10.1989 war die BRD der DDR in jeder Hinsicht überlegen und da ist kein Jota Besserwessi oder ähnliches dabei.

    Seit dieser Zeit ist aber einiges passiert und auch die Gesamt-«BRD« hat sich doch erheblich weiter- und fortentwickelt. In vielen Punkten jedoch nicht positiv, wenn man einmal davon absieht, dass es tatsächlich eine wirtschaftliche Fort- und auch Aufwärtsentwicklung gab. Die aktuelle BRD kann daher nicht als Referenz uneingeschränkt herangezogen werden. Die alte DDR kann jedoch als deutliche Warnung an die Jetzt-Zeit dienen und die »alte« BRD uns als ein Maßstab dafür, was alles zwischenzeitlich verloren gegangen ist.

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