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Leserbrief zu »Urkraft«

Dieser Brief erreichte Carlo Clemens als Reaktion auf seine Kurzgeschichte »Urkraft«. Der Brief wurde nicht korrigiert:

Hallo Carlo,

lange Zeit Funkstille, ich bin mir dessen bewusst. Und auch wenn du wahrscheinlich nicht mehr damit gerechnet hast: Ich schreibe dennoch zurück und mag etwas zu deinem Text sagen. Erst habe ich ihn gelesen, und fand ihn nicht schlecht, keineswegs, aber diese ganzen politischen Dinge liegen mir und meinem Verstand wirklich fern.

Klingt wirklich schrecklich, aber ich bin ein Mensch mit politischer Minimalbildung und politischen Minimalinteresse. Das ist ehrlich gesagt fast peinlich für einen Kerl in meinem Alter, der sogar einen Hochschulabschluss anstrebt, aber ich schätze ich habe meinen Fokus auf anderes gelegt und werde wohl auch weiterhin mich in meinen Mikrokosmos verkriechen, auch wenn ich jederzeit lernbereit bin.

Also diese lange Erklärung dient nur dazu dir klar zu machen, dass ich erst wenig beeindruckt war und mir danach komplett entfallen ist zu antworten. Ziemlich unnett. Dennoch muss ich nun etwas dazu schreiben, da der Text mich im Nachhinein, beim zweiten Lesen, erfasst. Ich weiß gar nicht ob ich es dir erzählt habe, aber ich war zwecks Bachelorarbeit zum zweiten Mal einen Monat lang in Athen.

Und wie du als politisch interessierter Mensch mitbekommen hast kam es letzten Monat vermehrt zu straßenkriegsähnlichen Ausschreitungen. Natürlich rühren die nicht von einer Naturkatastrophe, die Sonne brennt in Athen deutlich weiter (was mein Monster-Sonnenbrand bestätigt), aber einige Textpassagen erinnern sehr deutlich an die griechischen Verhältnisse. Deshalb erzähle ich dir mal ein bisschen von meinen Erlebnissen:

Eigentlich habe ich keineswegs viel erwartet, ich wusste von den Dauercampern auf dem Syntagma Platz, schlenderte täglich an ihnen vorbei. Leider verstand ich nie die Parolen die sie durch ihre Megaphone grölten und auch die Plakatbanner verstand ich nicht. Aber deutlich war eine gewisse Grundaggressivität, aber was folgte habe ich nun nicht erwartet.

Wir kamen aus unserem Arbeitsgebiet, dem Hymettos Gebirge nach Hause, mussten quer durch die Stadt ins Viertel Kallithea düsen, wobei uns die Stadtstraßen eigentlich immer am Syntagma Square vorbei führen. Wir wussten vom Generalstreik der Mittwoch stattfinden sollte, ein Au Pair mit dem ich befreundet bin hat mich gewarnt, aber damit hatten wir nicht gerechnet. Niemals zuvor sind mir so viele Polizisten unter gekommen, mit Panzerung, diesen Plexiglas – Schilden, Schlagstöcken und Helmen. Auf Motorrädern riegelten sie die ganze Innenstadt ab.

Der zwanzigminütige Weg gestaltete sich zu einer vierstündigen Autofahrt. Der gesamte Stadtkern war abgeriegelt. Sogar Krankenwagen mit Blaulicht steckten im Verkehr. Wer fährt denn bei so nem Verkehr schon Auto, nehmen die doch die Öffentlichen, ach nein. Die streiken ja. Wir kamen nicht an. Worauf wir uns in eine Bäckerei setzen um Bugatsa (Blätterteig mit unglaublich leckerer süßer Grießfüllung) zu essen und der Fahrer brauchte nen Kaffee, da wir seid 5 wach waren und schon eine Bergsteigeaktion hinter uns hatten. Aber die Bugatsa schmeckte nicht besonders himmlisch wie zuvor: Ein Fernseher lief, und verdarb mir die Laune. Wir sahen Lifeübertragungen von Straßenschlachten und schauten zu wie Syntagma zertrümmert wurde, und die Demonstranten in Rauchbomben ersoffen.

Gruselig wars. Aber wir konnten nicht lange weiter gucken, weil die Athener den Strom stellenweise abstellten. Ja du ließt richtig. Stellenweise wurde / wird der Strom in einzelnen Vierteln ausgeschaltet, als Streik- und Druckmittel. Das heißt die Öffentlichen fahren nicht, der Strom fällt aus, worauf auch keine Ampeln funktionieren (!) und der Verkehr wird wegen Bürgerkrieg in spe eingefroren.

Selbst die Leute die arbeiten wollten, kamen also kaum zur Arbeit. Der Flughafen wird geschlossen, die Akropolis wird für Besucher abgeriegelt. Ob das die richtige Antwort auf ein wirtschaftliches Defizit ist, wie man es in nett nennt, bezweifle ich doch sehr. Selbst wir konnten nicht mehr zur Arbeit fahren. Harrten in der Wohnung aus und hofften, dass wenn wir kochen der Strom nicht weggeht. Daran musste ich denken, als ich von den Versorgungsproblemen las, die du beschrieben hast. Wie die aufgebrachten Bürger das Flugzeug stürmen und die Wachmänner es verteidigen. / Wie die aufgebrachten Bürger das Parlament stürmen und von Polizisten geschlagstockt und vergast werden.

Als ich tage später am Syntagma war, erkannte ich den Platz kaum wieder, selbst der fette Straßenhund von der Ecke war weg. Überall Polizisten, immer noch Demonstranten, die schönen parkähnlichen Anlagen niedergetrampelt, Bushaltestellen kaputt, McDonalds machte wieder zaghaft auf. Eigentlich unvorstellbar. Wenn man sich mit einheimischen unterhält sind natürlich die Polizisten an der Eskalation schuld, auch wenn sie höchstwahrscheinlich nicht mit Steinen und Kaffeestühlen werfen angefangen haben. Dennoch sind viele friedliche Mitdemonstranten nun etwas desillusioniert.

Dimitiris, ein Freund den ich dort kennen gelernt habe, hat dank der Rauchgranaten Lungenprobleme, die Reizung wird ihn wohl noch einige Wochen begleiten. Das unbeliebte Paket wurde beschlossen, und als deutscher darf man sich nun anhören wie schrecklich unsere Politiker sind. Excharchia, das alternativen Viertel habe ich gemieden, letztes Mal wurde ich schon ständig nach Hitler gefragt als ich da war, weil ich blonder Junge nun mal viel zu Deutsch aussehe. In der angespannten Stimmung wollte ich mich nun nicht dem Politdebakel aussetzen.

Dein Text, um auf diesen zurückzukommen, hat mir erst beim zweiten Lesen, nachdem ich in Athen war, einen gewissen Kick gegeben. Obwohl es wirklich nicht mein Thema ist, hat er mich etwas, ergriffen ist falsch gesagt, berührt trifft es eher. Der gelungene Wechsel von Nachrichten und Privatschicksal gefällt mir wirklich gut. Vor allem weil man beim Lesen erstmal die Kernkatastrophe sucht. Trotzdem geht der subtile Humor nicht verloren, ich las bestürzt und stieß dann auf sexy Carmelita und musste doch etwas grinsen. Der Schluss ist im Übrigen definitiv der aufregendste Teil, wie ich finde. Ich muss ihn gleich noch mal lesen, wenn ich diesen Brief, ja so kann man diese Nachricht schon fast nennen, weil ich sie ihm Intercity nach Trier schreibe und später abschicke, fertig gestellt habe.

(…)

Lg

Mo (haha, falls du dich überhaupt noch erinnerst :D)

und ja, ich möchte mehr lesen.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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