Rezension

Liebe und Tradition (III)

Julius Evola versinnbildlicht in seiner „Metaphysik des Sexus“ verschiedene Formen der Geschlechter anhand antiker Götterbilder. So seien auf der Stufe der Materie bloß die Magna Mater, die Genetrix, die Erdenmutter und ihr phallischer Spross zu finden, welche das generative Prinzip der Materie darstellen.

Auf höherer Stufe zeigt Evola die Göttinnen des demeterischen und aphroditischen auf, welche je die Rolle der Frau zunächst als Mutter im näheren Sinne, und als Nächstes als Liebhaberin verkörpern. Als Gegenstücke finden wir die ekstatischen Gottheiten wie den Bacchus und die heroischen Gottheiten wie Herakles, die den Liebhaber und den Krieger darstellen.

Auf höchster Stufe finden wir die griechischen Amazonen, nordischen Valkyren und persischen Farvashi, kriegerische Jungfrauen, sowie andere Jungfrauen-Bilder wie die Sophia (die verkörperte Weisheit Gottes), die von Drachen bedrängten Jungfrauen europäischer Märchen und die heilige Jungfrau Maria unseres Abendlandes.

All diese stellen die sublimierteste Form des weiblichen Prinzips dar, und so als Born der ewigen Macht, welche der Mann zu erlangen hat. Das Gegenstück an der Spitze ist ein apollinisches (nun nicht an Nietzsche denken!) Bild des Mannes als Asket (Askese jedoch nicht als Strafe sündigen Fleisches, sondern am nächsten dem Prinzip der Unumstößlichkeit).

Versteht man die Geschlechter als Polaritäten der Form und der Materie, so ist die Form zuvorderst ein Abglanz des non-dualen Einen, während die Materie durch Privation der Form zustrebt. Als Analogie hierzu diene der Biblische Genesis, in der Erschaffung des Adams, und der Eva aus diesem. In diesem Licht betrachtet ist die Erbsünde der Beginn von Manifestation in Raum und Zeit, und der Beginn von Sex und Tod.

Metaphysische Imperative

Die Sonne als Wurzel des Lichts, welches in zyklischer Form vom Monde gespiegelt wird, ist das Sinnbild der Evolaschen Konzeption des Kosmos. Schließlich schreibt Evola, dass die Geschlechter aufgrund verschiedener metaphysischer Imperative auch in der Welt anders agieren müssen. Die treibende Kraft in der Frau sei also kosmisch-erhaltend, und zwangsläufig an den Mann gebunden, um von diesem die Form zu erhalten, sei dies metaphysisch oder schlicht durch die Befruchtung, welche das Rad des Lebens weiterdreht.

Der solare Imperativ des Mannes sei es, nicht zu zerfließen, und nicht mit seinem Bewusstsein bloß der Zeugung oder der Befriedigung seiner Sinne zu verfallen. So ist das Weibliche hier als Herausforderung und Möglichkeit begriffen. Eine gesunde Spannung zwischen der verschlingenden Liebe der Frau zum Manne und dem ruhigen Stand desselben führt so zur Manifestation, ob kosmisch oder individuell-biologisch.

Definition der Liebe nach Evola

Spürbar sei der Eros heute deutlich in tausendfältiger Gestalt durch das Bild der Frau und des Sexes, in medialer Verzerrung und Ausweitung auf so viele Lebensbereiche. Gerade diese pornografische Form sieht Evola als passiv und zerebral, und sieht in der Aufmerksamkeit welche diesen Bildern gilt eine narzisstische Ausformung des Sexus, durch das Zeigen des und Schmachten nach dem Körper. Dies führe zu Überstimulation und Taubheit. Der biologische und sentimentale Trieb zum Sex werden als Derivate des metaphysischen Triebes zur Vervollkommnung präsentiert.

Evola grenzt die sentimentalen Formen, und sogar die Agape Platons streng vom Eros ab, häusliche Liebe sei auch bloß ein Derivat des höheren. Ästhetische Liebe oder Liebe aus Stolz und Narzissmus sowie noch Eros-ferner die Liebe zum Vaterland oder zum Freunde seien nicht vom gleichen, höchsten Wert wie die leidenschaftliche, die Eros-entflammte Liebe. Die physische Liebe sieht Evola sogar als entseelt an, doch stellt er fest: Die leidenschaftliche Liebe braucht die physische als Tor zur Transzendenz.

Denn hier kommen wir dem Kern der Evolaschen Auffassung vom Eros nahe: dort, wo Körper und Geist aufgehen, dort finden wir die non-duale Transzendenz, ja, die Gottheit, den Grund Gottes, wie Meister Eckhardt sagen würde (jedoch natürlich fern der Erotik-besetzten Thematik).

Evola stellt die Liebe als subtile Sache vor, in einem Gedankenwerk, das auch im Körper bloß den Abglanz der Seele sieht, ein Bildnis ihrer. Das transzendente Prinzip des Eros führt in allem animalischen zu einem zeitweiligen Untergang des Bewusstseins, ob in Form der quasi-schizophrenen Obsession mit dem oder der Geliebten und dem damit verbundenen zwanghaften Bild im Blick des inneren Auges, oder der dunkle, das Bewusstsein lahmlegende Höhepunkt des Aktes.

Drang nach Ganzheit

In all jener Lust steckt der Drang nach Ganzheit. Evola konstatiert, dass die passionierte Liebe nach Gesetzen eines erotischen Magnetismus vonstattengehe, welcher darauf beruht, wie viel Anteil maskulin und wie viel feminin im jeweiligen Partner vorzufinden sind, und wie diese in der Ganzheit auch wahrlich eine Ganzheit von einem Teil Mann und einem Teil Frau bilden. Die Liebe auf der Stufe der Persona, also in Form ökonomisch motivierter Zwangsheirat oder einer Liebe, welche durch wie auch immer geartete Mode motiviert ist, habe kein Potenzial zur Transzendenz, wenn in ihr nicht auch das verschlingende, erotische Verlangen aufflammt.

Und nochmals nehmen wir Platon zur Hand, denn im Mythos vom Hermaphrodit steckt der Schlüssel zum ganzen Rätsel. Mann und Frau benötigen sich zur Ganzheit ebenso sehr, wie Form und Materie sich zur Manifestation benötigen. So wird die Liebe zum Vehikel zur Transzendenz – es geschieht die Annullierung der Dualität von Selbst und Nicht-Selbst. Evola geht sogar so weit zu sagen, dass der Drang zum Akt auch als Linderung der Entfremdung vom Sein zu verstehen sein kann, wenn er kompulsiv und pathologisch ausgelebt wird, wie wir in etwaiger Promiskuität heute beobachten.

Letztlich lieben sich die Geschlechter schlicht für die Transzendenz, doch das in vielerlei Gestalt. Die Transzendenz des eigenen Lebens in der folgenden Generation, und die Transzendenz der Entfremdung in der Seele, ob nun als Einzelding im Kosmos oder als Geschlecht, welches sein Komplement sucht.

Doch gerade dieses innere Gefühl der Liebe als höchstes Gut macht sie der Seele auch so gefährlich. Wer je Herzweh verspürte über verschmähte Liebe, der hat dieses Prinzip in der eigenen Seele erfahren. Denn, mit Evola gedacht, ist die verschmähte Liebe verschmähtes Sein, und hat so manchen Mann dazu gebracht keine Katastrophe zu meiden, um sie nicht doch zu erlangen, denke man an Faust, Paris, Orpheus, Abaelard oder Heinrich VIII.

Sexuelle Tyrannei

Liebe fordert, und Liebe reißt mit. Der Engländer sagt ›‹all is fair in love and war'‹. Liebe, welche von Geltungstrieb motiviert ist, führt zu Neid und sexueller Tyrannei, und spielt sich ab auf der Stufe der Illusion, wo man sich den Besitz des Seins unbewusst vorgaukelt. Möchte man gar sagen, dass die Pole des modernen Sex-Erlebnisses die Illusion des Besitzes und die Unbewusstwerdung im Akte sind?

Ja, ein fehlgeleiteter Wille zur Union kann sogar zum Tode führen im Suizid, also auch zur Rückkehr zur Materie im engsten und radikalsten Sinne. Demnach geurteilt ist jedoch für den Mann der Fall in die Materie durch die Zeugung ebenfalls nicht das höchste Ziel, wenn nicht gar mit Evolascher Härte von Niederlage die Rede ist.

Hier geht es zu Teil 1 und 2. Der abschließende vierte Teil erscheint nächste Woche.

(Bild: Pixabay)


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