Rezension

Liebe und Tradition (IV)

Julius Evola postuliert, dass die „Fetischisierung“ des Liebespartners das Potenzial zur Transzendenz verwirke. Eine solche Obsession sei stets zum Ruin verurteilt, da der Partner zwangsläufig das Bild des Absoluten enttäuschen wird, wenn eine absolute Identifikation herrscht.

Doch gerade diese Spannung der Obsession wurde in der mittelalterlichen höfischen Liebe zum Vehikel für einen Ritter, welcher seine Herzensdame nie erreichen durfte, nein, sondern sie stets aus der Ferne zu bewundern, und sie als Ideal zu bestaunen hatte. Dies mag man eine sublimierte Form des Weiblichen nennen, und gleichstellen mit der nach Evola postulierten valkyrisch-jungfräulichen Frau, die zum Born, zum Gral und zum Gefäß unendlicher Inspiration wird.

Des Weiteren war die höfische Liebe die der höheren Kaste, der Ritter. Sie schloss also nicht die breite Masse der rein prokreativen Liebe aus. Abermals ist Evolas aristokratischer und Kasten-/Stände-fokussierter Sinn zu beachten.

Narzisstische Selbstbefriedigung

Sex als narzisstische Selbstbefriedigung des Egos, also gar gemeinsame Masturbation, trennt Evola scharf von passioniertem Koitus. Er verweist auf das Bild des Don Juan, des ewig umherwandernden Lüstlings, ohne Linderung. In heutiger Zeit gesellt sich zu Myriaden Don Juans die Femme Fatale, und endlich ist die Inversion erreicht.

Und man mag zusätzlich fragen, wo gerade diese Angst vor der Union kommt, die Angst, welche zu polyamorösen Beziehungen, zu One-Night-Stands und Freundschaften mit Vorzügen führt? Nun, wenn das Selbst nicht erkannt ist, oder besser noch verkannt wird in dieser oder jeder Mode, dann wirkt eine Transzendenz dessen gar wie Tod und Zerfließen, eine Negation des Egos.

Evola schreibt, dass im Koitus das alltägliche Bewusstsein von anders, fremd und einzeln aufgehoben werde, und ein nicht initiiertes Individuum dadurch überwältigt werde. „Animal post coitum triste“ ist eine passende Phrase für den Zustand, der eintritt, wenn das Potenzial zur Transzendenz nicht genutzt wurde, so Julius Evola.

Im negativen Licht betrachtet, ist der Eros also eine verschlingende Kraft, eine Kraft, die seit dem Sündenfall bei uns ist, seitdem Sex und Tod, der ewige Ouroboros auftraten, eine rein quantitative Fortführung in Raum und Zeit.

Die Weisheit sitzt im Herzen

Doch ist dies nicht das ganze Potenzial der Liebe. Im alten Ägypten war der Sitz der Weisheit das Herz. So finden wir auch bei Platon den Thymos, den Geist in der Brust. Und weiterhin fanden die Sufis und andere Mystiker die Weisheit des Herzens, ja auch die Buddhisten und die Hermetiker.

Die Essenz der Evolaschen und damit traditionalistischen Sicht auf die Liebe und den Geschlechtsakt ist diese: Im tiefsten Punkt in der Materie entsteht ein Zustand der Transzendenz, Symbol der Manifestation im Kosmos, in welchem das geschulte Bewusstsein jenseits von der Dualität Materie-Geist steht. Solcherlei Schulung finden wir im Tantra, und auch können wir sie in den Bacchanalen vermuten.

Selbst den Tanz nennt Evola als Werkzeug vormaliger Kulturen zur Transzendenz. Man denke bloß an die bereits erwähnten Sufis. Eine sexuelle Tanzkultur in den Clubs und Tanzlokalen moderner Zeiten, die zum Schauplatz ritualisierten Balzens werden, sind wohl ein schwacher, dumpfer Nachhall von etwas, das in lang vergessenen Zeiten zu höheren Pforten führte.

Mit dem Blick nach vorne – und zueinander

Es ist wichtig, das Weltbild Evolas ins Verhältnis zu setzen mit den Gegebenheiten einer Bewegung, die sich als patriotisch und konservativ versteht. Das traditionalistische Weltbild ist stark aristokratisch geprägt, und in vielem schwingt ein gewisses Kastendenken mit. Das Wissen um dieses Denken jedoch kann die augenscheinliche Schärfe der Beurteilung solcher Grundpfeiler eines Vaterlandes, wie z.B. die Familie, dämpfen. Die Konzeption des Geschlechterlebens als polar ist ein Grundgerüst, das eine Verständigung der Geschlechter in einem gesunden Selbstverständnis miteinander erst möglich macht.

Ein Verständnis von der Kostbarkeit des Aktes motiviert zum sinngebenden Bund. Und, es tut Not zu wiederholen, dass rigorose asketische Praktiken nach den Traditionalisten nicht, als ethischer Imperativ für das gesamte Volk zu verstehen sind. Im Familienleben, das mit Kindern beglückt ist, finden wir ein Spiegelbild jener Prinzipien, die das ganze Universum durchdringen, und so ein gottgefälliges Bildnis.

Vielmehr können wir aus Evolas Ausführungen wertvolle Geschlechter-Imperative ableiten. So sehen wir für die Frau den zweifachen Weg der Mutter und der Liebsten, im ersteren als Aufopferung und im letzteren als Kraftort ihres Liebsten, und daraus folgend als Grundstein des glücklichen Familienlebens.

Im Manne sehen wir den Weg des Kriegers, der beschützt und zum Opfer bereit ist im Kampfe, und den Asketen, zugegebenermaßen in der Fülle dieser Rolle doch weniger oft gefragt, ist die Essenz dieser Gestalt ebenfalls ein Prinzip, welches einem jeden Manne innewohnen sollte: die Standfestigkeit.

Orientierung hin zum Absoluten

Evola bietet einen Kompass, der zum Ideellen zeigt, zur Welt des Seins, der Welt der Aktion, die wie ein Dirigent den Trubel der Welt um sich beherrscht. Seine Philosophie gibt uns eine Orientierung hin zum Absoluten, wie auch immer unser Naturell gestaltet sein mag, woher wir kommen. Gerade in einer solchen materialistischen Zeit wie der unseren – und das im schärfsten Sinne! – welche nach Reduktion und Revision strebt, ist ein Absolutes, welches nicht bloß Abstraktion, sondern lebendes Prinzip ist, von vitaler Notwendigkeit. In allem sehen wir die ewigen, polaren Kräfte von Sein und Werden in Harmonie, in unendlich vielen Verhältnissen sich manifestieren.

Eine solche Welt auch im sozialen zu zementieren, mit Hilfe jenes Wissens, das in der Theorie jedem Manne und jeder Frau durch die Erfahrung offen steht, ist ein Ziel, das den Kampf wert ist. Darum, ein Appell an jede Frau und jeden Mann, nicht zu verzagen, auch wenn die Frustration über die heutigen Gegebenheiten den Wahnsinn an die Wand malen. Und ein Appell, mit dem anderen Geschlecht nicht zu hart ins Gericht zu gehen; denn wir alle wurden modernen, anti-traditionellen Gefahren ausgesetzt, und darum, dafür möchten wir versuchen, ewige Prinzipien auch wieder in und zwischen uns aufleben zu lassen, um die folgenden Generationen nicht den gleichen Gefahren auszusetzen, die wir durchstehen mussten und durchstehen.

Und darum, zuletzt ein Wort der Liebe zur Liebe selbst, und zum Werte dieser, in all jeder Spiegelung, sei es die Liebe zum Vaterland, die Liebe zum Freunde, die Liebe zur Muse, zur Kunst und zu Gott. Auch wenn solch Liebe nicht zur asketischen Transzendenz führen mag, so wurzelt sie doch in ihr, wärmt unser Herz, stärkt unseren Arm und lässt uns Ja sagen zueinander und zum Leben. Eine Liebe zum Partikulären im Transzendenten gefasst, eine Liebe zum Kosmos, dies ist ein Samen, den ein jeder im Garten seines Herzens pflanzen sollte.

Hier geht es zu den Teilen eins, zwei und drei.


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