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Marina und die totale Öffentlichkeit

Wollt ihr die totale Öffentlichkeit? Als Pirat muß man diese Frage bedingungslos bejahen wie auch das Grundeinkommen. Aber noch mehr: Man hat den ganzen Tag damit zuzubringen, das gerade Erlebte möglichst in Echtzeit über Twitter und Facebook zu verbreiten.

  • Was habe ich gerade eingekauft?
  • Klappt´s grad mit dem Stuhlgang nicht so richtig?
  • Wann gehe ich ins Bett?
  • Was gibt es denn heute zu essen?
  • Und was steht noch auf meiner »To-Do-Liste«?

Bei 95 Prozent der Menschen, die jeden Bruchteil ihres Lebens so kommunizieren, ist dies einfach nur peinlich. Bei den anderen fünf Prozent gibt es Gründe, warum die Öffentlichkeit diese Lebensschnipsel bedingungslos ausschlachtet. Zu diesen fünf Prozent gehört Marina, die heute bei Markus Lanz nach ihrem Twitter-Account gefragt wird und diese Frage sich morgen bei Harald Schmidt sicher auch gefallen lassen muß.

Marina hat die totale Öffentlichkeit gewollt und auch bekommen. Nun regt sie sich darüber auf. Dabei vergißt sie sogar ihre FAZ-Kolumne, die diese Woche das erste Mal ausgefallen ist. Marina schreibt:

Man könnte meinen, wenn man Ziel eines medialen Hypes ist, würde gehört, was man zu sagen hat. Dem ist nicht so.

Warst du wirklich so naiv? Oder anders: Seid ihr Piraten alle so naiv? Wer die totale Öffentlichkeit will, landet am Ende doch nicht bei der Aufklärung. Dann wären doch längst alle großen Probleme dieses Landes und dieser Welt gelöst. Wir setzen uns alle an einen Runden Tisch, schlagen schnell noch mal bei Habermas nach, wie das mit dem »herrschaftsfreien Diskurs« war, diskutieren unsere Ideen und wählen am Ende die besten aus, die die Öffentlichkeit danach nicht etwa zerpflückt, sondern auf Herz und Nieren prüft und sie so noch besser macht. Das ist die Ideologie der Internetoptimisten, die meinen, das Netz habe eine basisdemokratische Funktion und die virtuellen Gegenöffentlichkeiten hätten so viel Gewicht, daß sie von den Leitmedien beachtet werden müßten.

Wäre das so, würde nicht Marina für die FAZ bloggen, sondern Till Röckes Lyrikkolumne dort erscheinen und ein Talent wie Robin Classen über den Niedergang der europäischen Kulturnationen schreiben dürfen. Marina sollte also froh sein, daß sie überhaupt beachtet und nicht wie wir totgeschwiegen wird. Sie betont:

Seien wir ehrlich. Meine Medienpräsenz besteht zu 80% aus Fotos, Kommentaren über meine Frisur, meine Kleidung, meine Hobbies, meine Art. Hach, wie hübsch und hach, wie erfrischend, heißt es da immer. Ja, ich bin für die Öffentlichkeit gerade eine angenehme Gestalt – jung, engagiert, weiblich. Aber wofür ich engagiert bin, warum ich in meinem Alter eine unentgeltliche 60-Stunden-Woche arbeite, was für eine Idee es ist, hinter der wir stehen, danach fragt man bestenfalls oberflächlich.

Unsere Medienpräsenz besteht zu 95 Prozent aus Verleumdungen und abstrusen Schmähreden. Es interessiert sich zwar niemand für unsere Frisuren und Kleidung, aber die Öffentlichkeit weiß, daß wir das Böse verkörpern – jung, zu intelligent für Rechte und aus dem braunen Osten. Wofür wir uns wirklich interessieren, was hinter unseren Ideen steht, danach fragt nicht mal ein Journalist oberflächlich. Denn der Journalist weiß es, schon bevor er sich mit uns beschäftigt hat.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

3 Kommentare zu “Marina und die totale Öffentlichkeit

  1. Hans-Christof Tuchen

    Die Intelligenz dieser Dame mit sporadischer Timoschenko-Frisur zeigt sich in ihrer Lernfähigkeit. Als Tochter von Kontingent-Flüchtlingen hatte sie hierzulande gewisse Vorteile. Daß sie auch noch vorzeigbar aussieht (im Gegensatz zum Klischee-Piraten) und daraus Nutzen zieht, kann man ihr nicht vorwerfen – alles andere wäre dämlich. Ebensowenig, daß die Medienfuzzis das vermeintliche Interesse des Publikums am Oberflächlichen bedienen, damit ja keiner auf die Idee kommt, sich mit Inhalten zu beschäftigen. Man sollte Frau Weisband den gleichen Idealismus zubilligen, den man für sich selbst reklamiert, statt sich an ihr und ihrer Medienpräsenz abzuarbeiten. Mißgunst und Neid sind und machen häßlich und sind überhaupt nicht vornehm.

  2. Roman Herzog

    ich musste lachen, über das Aufs-Korn-Nehmen der Haupttätigkeit dieser Vorzeige-Piratin Julia Timo..äh ne Marina W.: Aber auch jede heiße Luft aus einer Körperäffnung in den göttlichen Orcus, genannt Twitter zu pupsen. Schon allein diese Tatsache disqualifiziert…Danke für die Erheiterung am Abend

  3. Anton Schneider

    Das nenne ich gut recherchierten Journalismus! Frau Weisbrand beschwert sich nicht über die »totale Öffentlichkeit« sondern über die Fixierung auf ihre Frauenrolle.

    Aber warum kommentiere ich überhaupt einen Artikel, der genau so auch in einem Grundschulheftchen hätte abgedruckt werden können?

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