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Markt und Moral

„Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, schrieb Frank Schirrmacher jüngst über ein »Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie«. Er glaubt, daß der Globalkapitalismus zu einer „Selbstbewusstseinskrise des politischen Konservatismus“ führen müsse. Der linke Michael Naumann, Chefredakteur des Cicero, erwiderte darauf, gerade die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder habe eine Politik für das Großkapital betrieben. Die Linke habe also genauso versagt.

Diese Interpretationen sagen nicht viel über die ethisch indifferenten Superstrukturen der Finanzwelt aus. Sie zeigen lediglich, wie wenig sich die etablierten Parteien heute unterscheiden. Die sozialdemokratische CDU ist genauso mittig wie die SPD der »Agenda 2010″. Die Grundideen des Konservatismus haben mit dieser konformistischen Parteienpolitik ebenso wenig zu tun wie die ideologischen Pfeiler der Sozialdemokratie. Die Parteien verstellen mit ihrer Ideenlosigkeit jedoch die Sicht auf mögliche Alternativen. Schirrmacher und Naumann gelingt es nicht, in diesem Einerlei den Durchblick zu gewinnen.

Dabei mangelt es wahrlich nicht an Alternativen: Neben dem politischen Standard-Repertoire des Verbietens und Besteuerns brauchen wir gerade heute in Zeiten scheinbar überhand nehmender Komplexität einen eindeutigen ideellen Kompaß. Warum denken wir nicht mal über eine »Lebensphilosophie der Langsamkeit« nach, die sich der »Tyrannei der Eile«, die gerade an den Finanzmärkten herrscht, widersetzt? Der französische Anthropologe Marc Augé bringt es auf den Punkt, wenn er davon spricht, daß der »Zins nur ein Kurzzeitgedächtnis benötigt, nicht die lange Erinnerung – und erst recht kein kulturelles Gedächtnis«.

Wer es nicht ganz so philosophisch und allumfassend mag, wird auch bei dem Hohenheimer Soziologen Franz Kromka ganz gut, wenn auch nicht sonderlich originell, bedient. In Markt und Moral (2008) ruft er die Ansätze der Gründungsväter der Sozialen Marktwirtschaft in Erinnerung.

Wer eine gut funktionierende Marktwirtschaft will, darf nicht allein auf die wirtschaftlichen Vorgänge blicken. Sorge ist auch dafür zu tragen, dass es zu einer lebendigen Synthese aus fester Moral und unverfälschtem Wettbewerb kommt.

(…)

Die freie Gesellschaft hat nur dann Bestand, wenn sich der Einzelne diszipliniert verhält, das heißt bemüht, die Regeln der wirtschaftlichem, der sozialen und der ethischen Ordnung, der »ordo«, zu beachten. Gerade weil sich heute vor allem hierzulande jener regellose, anarchische »falsche Individualismus« (von Hayek) ausbreitet, kann durchaus jener oft missverstandenen »Formierten Gesellschaft« (Erhard) das Wort geredet werden, bei der die Individuen und Gruppen nicht durch staatlichen Zwang zur Kooperation gebracht werden, sondern – im Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit – aus eigenem Willen und eigener Kraft.

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1 Kommentar zu “Markt und Moral

  1. Ein anspruchsvolles Thema. Passend dazu hadert Micha Brumlik in der heutigen taz auch noch mit ausgewählten Exponenten einer scharf linken Kapitalismuskritik.

    »Man braucht sich nichts vorzumachen. Die Liberalkommunisten sind in jedem fortschrittlichen Kampf, der heute geführt wird, der schlimmste Feind.« (Slavoj Zizek, laut Wiki angeblich »einer der bedeutendsten Intellektuellen der politischen Linken«)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Slavoj_%C5%BDi%C5%BEek

    Dazu Brumlik:

    »Jetzt, in der Krise, wo es sogar hartgesottenen Fans von Margaret Thatcher dämmert, dass die Linke mit ihrer Kapitalismuskritik recht hatte, könnte die kommunistische Idee wieder an Attraktivität gewinnen. Indes: gerade dort, wo sich kommunistische Intellektuelle um eine Klärung der Grundlagen dieser Idee bemühen, treten Bekenntnisse zu Tage, die nur noch abstoßen.«

    http://tinyurl.com/3uqxrm7

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