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Marshall McLuhan zum 100.

Der Medienphilosoph Marshall McLuhan wäre heute 100 Jahre alt geworden. Von den Zeitungen wird er zu seinem Jubiläum wahlweise als »populärer Prophet«, »Medienversteher« oder «Magier« bezeichnet. Das zeigt bereits, daß ich mit meinen Annahmen in dem Büchlein Medienrituale und politische Ikonen nicht ganz falsch liege. Im ersten Kapitel dieses Essays geht es übrigens um McLuhan.

Als kleinen Anreiz, sich mit dem »Magier« zu beschäftigen, seien im folgenden einige wichtige Passagen von ihm zitiert.

1. Der berühmte Satz:

In a culture like ours, long accustomed to splitting and dividing all things as a means of control, it is sometimes a bit of a shock to be reminded that, in operational and practical fact, the medium ist the message.

2. Eine seltsame Unterscheidung:

Ein heißes Medium schließt aus, ein kaltes schließt ein. Heiße Medien erfordern von den Benutzern nur geringe Eigen- und Ergänzungsleistung, kalte Medien hohe. (…) Eine Vorlesung ist heiß, aber das von derselben Person gehaltene Seminar ist kalt. Ein Buch ist heiß, aber ein Gespräch oder eine Diskussion ist kalt.

3. Die »Leere des Ichs« im »globalen Dorf«:

Die elektronisch erzeugten technologischen Ausweitungen unseres zentralen Nervensystems (…) werfen uns in einen globalen Pool von Informationen und ermöglichen es dem Menschen so, die gesamte Menschheit in sich selbst aufzunehmen. Die distanzierte und vielfach aufgesplitterte Rolle des alphabetisierten Menschen der westlichen Welt weicht einem neuen, von den elektronischen Medien erzeugten, intensiven, tief gehenden Beteiligtsein, das uns wieder mit uns selbst und anderen in Kontakt bringt. Gleichzeitig bewirkt die Unmittelbarkeit der elektronischen Informationsübertragung jedoch nicht so sehr eine Erweiterung der Menschenfamilie, sondern eher eine Dezentralisierung, die für eine neue Situation mit vielfältigen tribalen Lebensformen sorgt. Besonders in Ländern, wo die mit der Alphabetisierung verbundenen Werte fest institutionalisiert sind, ist das ein hoch traumatischer Prozeß, da der Zusammenprall der alten, unterteilten, visuellen mit der neuen, integralen elektronischen Kultur zu einer Identitätskrise, einer Leere des Ichs führt, wodurch ungeheure Gewalt freigesetzt wird – Gewalt, die nichts anderes als die Suche nach einer persönlichen, gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen oder beruflichen Identität ist.

4. Das Undenkbare

Wenn Sie Schwierigkeiten haben, sich etwas so Triviales wie das nicht allzu ferne Ende von Wahlen vorzustellen, dann wird es Ihnen schon gar nicht gelingen, sich eine Zukunft vor Augen zu führen, in der die gesprochene Sprache abdankt und durch ein globales Bewußtsein ersetzt wird.

5. Die Gegenoffensive

Statt sich in eine Ecke zu verkriechen und darüber zu jammern, was die Medien mit uns anstellen, sollte man zur Attacke blasen und ihnen in die Elektroden treten.

6. Seine Meinung

Ich habe keine Lust, den Menschen zu erzählen, was meiner Meinung nach gut oder schlecht an den von den neuen Medien hervorgerufenen sozialen und psychischen Veränderungen ist, aber wenn Sie mich unbedingt auf meine eigene, subjektive Reaktion festnageln wollen, mit der ich die Rückkehr zu einer primitiven Kultur beobachte, muß ich gestehen, daß ich diese Umwälzungen überhaupt nicht mag und damit sehr unzufrieden bin.

Es scheint mir manchmal, als sei der McLuhan-Schüler Neil Postman aufgrund eines populistischen Buchtitels weitaus bekannter als sein Meister. Hier geht es zu einer Zusammenfassung von Wir amüsieren uns zu Tode.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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