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»Mein Kind braucht kein Abitur«

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von heute beschäftigt sich Inge Kloepfer auf Seite 43 mit dem Zusammenhang von sozialer Herkunft der Eltern und den Bildungschancen der Kinder. Sie hat zu diesem Thema nichts Neues zu sagen, aber die Zementierung alt bekannter Ansichten ist ja manchmal auch aufschlußreich.

Kloepfer kapiert nicht, daß jede Gesellschaft soziale Ungleichheit braucht, um zu funktionieren. Denn mit sozialer Ungleichheit ist immer eine Ausdifferenzierung verbunden, durch die alle wesentlichen Aufgaben in einer Gesellschaft abgedeckt werden. Des weiteren ist es eine Fehlannahme, daß nur der glücklich sein könne, der viel Geld verdient.

Von einer bodenständigen Glücksdefinition ist Klopefer jedoch weit weg. Sie denkt, jeder müsse so weit wie möglich nach oben kommen und die Eltern dürften dem Karrierismus der Kinder nicht im Wege stehen. Ihr Untersuchungsobjekt für ihren Artikel, die Familie Huber, sieht das – zum Glück! – anders:

Besser wäre es, sie lernten was »G´scheits«, um dann spätestens mit 20 auf eigenen Beinen zu stehen. So sei es schließlich auch bei ihnen gewesen. »Es braucht in Deutschland doch nicht jeder das Abitur«, kontert der Familienvater noch. »Wir haben doch alles. Ein Auto, ein Haus und eine Familie, die zusammenhält.« Stimmt ja auch. Warum also sollte man mehr wollen?

»Bildungsentscheidungen der Eltern für ihre Kinder tragen zur Zementierung der sozialen Ungleichheit bei«, sagt Trautwein (Tübinger Psychologe, Anm. FM). So wie bei Hubers eben. Dagegen ist im deutschen Schulsystem bisher kaum ein Kraut gewachsen.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

5 Kommentare zu “»Mein Kind braucht kein Abitur«

  1. Platon

    Gescheiter Menschenverstand eben. Siegt meistens über irgendwelche Politik oder Ideologien.

  2. Tut nüscht zur Sache

    Habe den Artikel ebenfalls mit Interesse gelesen.
    Umso bemerkenswerter, weil ich mehr blätterte und selektiv las.
    Ich möchte ihn nicht nochmal hervorholen, um ihn nach abermaligem Lesen mit deiner Assoziation abzugleichen.

    Er hat mich nämlich doch schon ein wenig nachdenklich gemacht.
    Sagt er doch ganz unverblümt, dass in erster Linie soziale Herkunft über den Aufstieg entscheidet, und dass, obwohl der Junge, wenn ich recht erinnere, dem Vernehen nach ein überdurchschnittliches Talent in Mathematik besaß.

    Umgekehrt, um zu einem nachgerade entgegengesetzten Beispiel zu kommen, grämt mich der böse Verdacht, dass in gewissen, sagen wir linksliberalen Kreisen, bei dem »Wechsel« auf eine weiterführende Schule die »bildungsbewußten« Eltern ein gehöriges Wörtchen mitzureden hatten, und dass obwohl das Kind objektiv den Anforderungen vielleicht gar nicht genügte. Dieser Zweifel aber, der sich dem herangezogenen Kind erst viel später das solcher entpuppt, und die schmerzliche Erfahrung aus einem weiteren, diesmal ungewollten Wechsel auf eine rangniedrigere Schulform, wenn nicht gar Gesamtschule, können diesem Zögling später ganz schön zu schaffen machen, wenn er sieht, wie andere, wie in diesem Fall, deutlich Begabtere, aber aus »unakademischen« Familien stammende, um ihre Gymnasiallaufbahn gebracht werden, während mann seblst diese Chance nur wegen eines »resoluten« linken Elternduos, das fortwährend auf allen Elternsprechtagen ihre heilige Fürsorgepflicht zum Besten gibt, in die Belange ihres Sprößlings einmischt, der ingsgeheim viel lieber Zeitsoldat geworden wäre, wozu er aber nicht den Mumm hat, weil ihm das die Ächtung seines sozial geprägten Umfelds eingebracht hätte.

  3. L'ancien régime

    Eine Ausschaltung der sozialen Hintergründe würde umfassende Zwangsprogramme totalitären Zuschnitts erfordern, letztlich kollektive Erziehung, nur also um irgendeine »Gleichheit« herzustellen, die niemandem nützt, andererseits allen schadet.

    Jeder muß nach seinen Begabungen und Interessen gefördert werden. Mag sein, daß dem aber manchmal finanzielle Gründe entgegenstehen. Dem kann aber doch anders abgeholfen werden.

    Wenn die Begabungen anders liegen, benötigt der betreffende Schüler allerdings wirklich kein Abitur, sondern fährt besser damit, rechtzeitig eine solide Ausbildung zu absolvieren. Bildung ist ohnehin kein Nullsummenspiel.

  4. Da ich den Artikel in der Gesamtfassung nicht kenne, will ich der Autorin nicht zu nahe treten.

    Ansonsten: Bullshit !
    Die »Familie Huber« mag solche Meinungen »nicht jeder braucht Abitur« durchaus äußern. Das ist aber letztendlich nicht relevant. Es ist die Frage, ob sie der Empfehlung einer Lehrerin (die auf der Grundschule idR nicht nur lieb, sondern auch grün ist), den kleinen Kevin-Pascal auf ein Gymnasium zu schicken, WIDERSPRECHEN.
    … das hätten sie wahrscheinlich nicht. In den 70igern haben sie es schon nicht getan.

    »Die Bildungsentscheidungen der Eltern« sind insoweit »verzerrend«, weil die Mittelschicht durch die Bildungs- und Abiturinflation ihre Chance wittert, ihren weniger begabten Torben-Malte GEGEN die Empfehlung von Lehrern zum Abitur zu schleifen.

    Ansonsten ist es nicht verkehrt: Der Handwerksmeister mit seinem 6-Mann-Betrieb dürfte etwas mehr in der Brieftasche haben, als etliche Akademiker mit dem bachelor in Medienwissenschaften und Alternative Tanztherapie.

    P.S. Ergebnis einer DDR-Studie über das eigene Bildungssystem: »Kennzeichnend für das Schul- und Bildungssystem der DDR ist die Eigenreproduktion der Intelligenz.« 😉

  5. OT:

    Russisch-Orthodoxe Kirche warnt vor Stalins Verherrlichung
    http://wp.me/pzNay-9y

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