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Meine Stadt …

Wohl jedem scheinen irgendwann unterbewußt die Abgründe einer Großstadt auf. Spätestens dann, wenn man sie einmal zu später Stunde abseits der großen Touristenzentren zu sehen bekommen hat. Letzte Woche, als ich am Berliner Alexanderplatz halb elf abends noch eine Currywurst essen wollte, erging es mir so. Gleichfalls stellte sich dieses Gefühl des Verfalls, das jedoch auch einen großen Charme besitzt, bei jedem Besuch auf der Reeperbahn nachts um halb eins ein.

Im April war mir auch so. Ich kam gerade zurück aus Italien und hatte an einem Sonnabend von zwei bis früh halb sechs Zeit, um Nürnberg und seine Partyjugend zu erkunden. Im Nürnberger Hauptbahnhof befindet sich dazu noch eine Diskothek. Alle Szenen, die ich hier erlebte, kann man sicher auch in einer Kleinstadt beobachten, aber irgendetwas ist anders: Der Sound, das Tempo, »irgendwas« eben.

Diesem »irgendwas« hat sich Marco Dzebro in seinem Briefroman Dorian. Ein Scheitern in Postkarten gestellt. Herausgekommen sind dabei lauter Aphorismen über die Großstadt, die in sehr schönen Bildern ihr Wesen einfangen. Zwischendurch nimmt Dzebro die Erzählweise seines Romans, der von einem alten Freund aus New York an ihn adressiert ist, selbst auf die Schippe, indem er Dorian schreiben läßt:

Meine Stadt ist ihr eigener Aphorismus.

Jede Postkarte von Dorian beginnt mit »Meine Stadt …«. Beim ersten Durchblättern des Buches war ich mir sicher, es nach spätestens 30 Seiten aufgrund von Langeweile wegzulegen. Aber der Sound von Dzebro riß mich dann doch mit und ich las das Buch in einem Zug.

Meine Stadt ist eine kleine, schlecht gelaunte Bakterie, die sich von verlebten Leben ernährt.

*

Meine Stadt ist die Absicht deiner Scheinwahrheiten.

Während des Lesens habe ich überlegt, ob es angemessen ist, Dzebro mit dem kolumbianischen Reaktionär Nicolás Gómez Dávila zu vergleichen, der neben Nietzsche die besten Aphorismen, die ich kenne, geschrieben hat. Dzebros Versuche beschränken sich aber einzig und allein auf ein Thema. Vielleicht will er sich mit Dorian zumindest dem einen entscheidenden Aphorismus über die Stadt nähern.

Meine Stadt ist auf dem Weg zu mir. Irgendjemand hat ihr verraten, wo ich wohne. Mit wütenden, polternden Schritten zieht sie eine Blutspur bis direkt vor die Eingangstür. Sie ruft meinen Namen und bricht dabei einer Sirene gleich durch die Nacht, sodass meine Hilfeschreie ungehört im Feuer der brennenden Zimmerwände explodieren. Sie wittert den letzten Rest von Wirklichkeit in meiner Seele und splittert gierig durch die feste Maserung der Holztür. Ihre Jagd ist ein wilder Rausch, der mich in der Mitte des Zimmers mit seinen gewissenhaften Flammen und deren Hass auf unvergängliche Geständnisse gefangen hält. So wie sie mich fressen wird, so wird sie auch dieses Gedicht fressen. Sie wird die Vergangenheit töten, und wenn diese tot ist, werde ich frei sein.

Dorian ist das Debüt von Marco Dzebro. Es erschien Ende September im asphalt & anders Verlag. Besprechungen in großen Zeitungen konnte ich bisher nicht finden. Insofern könnte ich jetzt sagen, Dzebro ist mein Geheimtipp für euch. Bestimmt der nächste Dávila! Aber das stimmt nicht, denn soweit man weiß, schreibt er gerade an seinem zweiten Roman und einem Drehbuch. Nichts also mit Aphorismen, oder doch?

Meine Stadt ist der Türsteher, von dem niemand weiß, dass er noch Jungfrau ist.

Auf den Seiten des Verlags findet sich ein langes Interview mit Dzebro. Sein erster Satz, noch bevor die erste Frage gestellt werden kann, lautet: »Bevor du deine erste Frage stellst, würde ich gerne sagen, dass der letzte Satz dieses Interviews eine Lüge sein wird.«

Meine Stadt ist ein großes buntes Haus, in dem all die universellen Schwächen der Menschheit zur Untermiete wohnen: Sie existieren dort unbemerkt vor sich hin, führen ein recht couchiges Leben und braten immer montags die Reste vom Vortag.

Noch mehr?

Meine Stadt ist die pumpende Erektion des Fleischverwerters, während er mit warmen Händen durch kalte Därme knetet und dir ein Lächeln wie stählerne Messer in  den Nacken bohrt.

Einen letzten Versuch habe ich noch:

Meine Stadt ist eine zentrale These. In ihrer Verführungskunst verspricht sie jungen Mädchen mit festen Brüsten und kleinen Jungen, die sich in teuren Anzügen verstecken, Unsichtbares für sie sichtbar zu machen, um sie dann in ihren eigenen paradoxen Gedanken in den Wahnsinn zu treiben.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

7 Kommentare zu “Meine Stadt …

  1. Nicht zu vergessen ist, dass es auch im S-Bahnhof Alexanderplatz eine Disco zu geben scheint. Zumindest weisen die Solariumstypen und die in den Schminkkoffer gefallenen 16-jährigen darauf hin.

    Das mit derr Currywurst ist natürlich der Oberhammer. Ich empfehle den Ostbahnhof, dort gibt es rund um die Uhr Currywurst und Bockwurst für einen Teuro!

  2. Und Hähnchendöner für sagenhafte 1,50! Bedingung ist, dass man sich mit strengen Alkoholgeruch »anfreunden« kann und über einen resisten Magen sowie eine flexible Ekelgrenze verfügt.

  3. L'ancien régime

    Mich stört das gar nicht einmal, wenn in Berlin in jedeem Straßenabschnitt eine Dönerbude zu finden ist, zumal ich der Sache sehr zugeneigt bin, muß ich doch sagen.

    Und Berlin war schon in den 20ern teilweise problematisch.. Hauptsache, es herrscht Ordnung, Sauberkeit, es wird deutsch gesprochen im Kleinen und deutsch gehandelt im Großen, dann kann meinethalben die ganze Friedrichsstraße aus Dönerbuden und amerikanischen Bars bestehen, das ist mir dann gleich oder unter Umständen auch recht.

    Aber wenn es dann in einer Kleinststadt wie Stadtroda mit 7000 Einwohnern schon zwei gibt – mindestens, vielleicht noch weitere, die ich nicht gesehen habe – ist das befremdlich.

  4. L'ancien régime

    Ergänzung: was freilich gefährlich ist, sind diese Schächter-Dönerbuden. Die müssen weg.

  5. Soll das ein Witz sein?

  6. Jede Hauptstadt hat einen gewissen multikulturellen Einschlag, freilich. Mir stellt sich bloß die Frage, inwiefern man etwa die Hugenotten oder die Salzburger Protestanten mit den Mihigrus arabischer und vorderasiatischer Länder heute vergleichen kann. Normal wäre es, wenn es in Berlin gehäuft Dönerbuden und internationale Restaurants gebe. Normal wäre es, wenn ich öfter englisch oder andere Sprachen hören würde. Normal wäre der inflationäre Touristenansturm. Wenn ich aber mit der Ringbahn durch Neukölln fahre und den Eindruck gewinne, in Anatolien zu sein oder aufpassen muß, wo ich hinschaue, damit die »jungen Männer« nicht überschnappen, läuft etwas schief.

    Es ist ein Unterschied, ob eine Hauptstadt einen multikulturellen Einschlag hat (was in Paris, London, Berlin, Rom etc. schon immer normal war) oder ob das Staatsvolk die Kontrolle über seine Stadt verliert. Letzteres scheint sich quantitaitv in Berlin durchzusetzen… Spätestens dann, wenn die Generation der Ost-Rentner wegstirbt.

  7. L'ancien régime

    Freilich. Deswegen sprach ich ja von der Friedrichstraße, die schon in der Zwischenkriegszeit nicht ganz ohne gewesen sein muß (keine Türkenläden freilich, aber eben Amüsierlokale usw., nach dem, was man so hier und da aufschnappt).

    Mit den Problembezirken brechen aber ja gleichsam ganze Kleinstädte weg (waren sie mal). Und das kann sich auch ausbreiten. Und das erstaunt nicht, wenn es außer NS-Neurose, Sozialleistungen und Semesteranfangparties nichts gibt, was die Gemeinschaft, auch die autochtone erst einmal, zusammenhält.
    Wenn das so wäre, wäre wie gesagt eine gewisse Anzahl von Dönerbuden, India-Restaurants und amerikanischen Bars durchaus zu ertragen (ganz abgesehen von persönlichen Präferenzen; ich interessiere mich ja durchaus gelegentlich für fremde Küche.)

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