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Melancholia: Wir brauchen eine naturphilosophische Debatte

Vorgestern habe ich endlich einmal wieder die Zeit gefunden, ins Kino zu gehen. Der Film Melancholia von Lars von Trier mußte es sein. Wir Rechten sind halt anfällig für Untergangsszenarien. Kurz vor dem Film holte ich mir noch schnell eine Bionade – fürs gute Gewissen, weil ich zur Kulturschickeria dazugehören will und natürlich um die Umwelt zu retten. Das Kino war etwas mehr als halbvoll. Die Hälfte davon wiederum stellte ihre Angehörigkeit zur Kulturschickeria zur Schau (sie hatten sich alle einen besonders intellektuellen Film ausgesucht und dazu braucht man einen besonders intellektuell wirkenden Schal – ich hatte auch einen um); die andere Hälfte war einfach alt und hatte keine Lust auf den Tatort.

Bei all der biedermeierlich-verkrampften Lässigkeit des gewöhnlichen Kulturrezipienten frage ich mich immer, ob überhaupt ein auch noch so guter Film wirklich wirken kann. Sind die Leute, die mit ihrem Wein oder ihrer Bionade in den Kinosaal geschlürft kommen, überhaupt aufnahmebereit und wollen etwas sehen, was ihre Sehnerven trifft?

Melancholia ist ein Film, den man sehr einfach in eine psychoanalytische Schublade schieben kann. Dann reicht es aus, wie die etablierten Medien über Depressionen und Kontrollfanatismus zu sprechen. Wer sich rein auf die visuelle Ebene konzentriert, kommt ebenfalls auf seine Kosten und kann mitverfolgen, wie Regisseur Lars von Trier an die Bilderwelten der Romantik und des Surrealismus anknüpft. Das alles sind aber intellektuelle Spielereien für die Kulturschickeria. Debatten also, die bei der Zigarette danach mal kurz angeschnitten werden.

Viel entscheidender ist es, den Film unter einem naturphilosophischen Gesichtspunkt zu betrachten. Die Schwestern Justine (Kirsten Dunst) und Claire (Charlotte Gainsbourg) verkörpern zwei Menschen- und Weltbilder, die sich in der Geschichte ständig in Konkurrenz bewegen. Die depressive Justine gibt sich dem kommenden Weltuntergang voller Demut hin. Sie kann kein Glück empfinden, während die anderen heiter und ausgelassen sind (z.B. zu ihrer Hochzeit), weil sie sich in Verbindung mit mehr als nur den Mitmenschen wähnt. Bis fast ans Ende der Handlung erscheint Justine als kraftlos. Sie kann nicht handeln und unbeschwert leben, weil sie ahnt, was kommt. Diese Kraftlosigkeit ist aber nur eine Oberfläche. Hinter dieser führt sie ein geheimes Gebet, das ihr am Ende im Gegensatz zu ihrer tüchtigen Schwester die Kraft gibt, dem Untergang mit der Kraft ihres Glaubens zu begegnen. Die Welt verändert sich so, wie sie sich eben verändert. Daran können wir nichts ändern. Das ist unser Schicksal, das wir annehmen müssen. Dieser kalte, realistische Blick (optimistisch gesprochen eine »zweite Geburt«) stellt sich erst nach einer Phase der Ernüchterung und der Erkenntnis des Ausgeliefert-Seins ein.

Die Schwester Claire ist der Gegenentwurf dazu: Sie und ihre Familie glauben an die Machbarkeit der Welt. Sie gehen mit großer Gelassenheit davon aus, daß jede Krise – auch eine von kosmischem Ausmaß – mit menschlicher Technik und Rafinesse zu bewältigen ist. Der Mensch habe sein Schicksal in der Hand und müsse es steuern. Wenn dann – wie im Film – dieses Urvertrauen in den positiven Gang der Weltgeschichte erschüttert wird, bleibt allerdings nichts als die blanke Angst übrig.

Welcher Entwurf nun besser ist, darüber darf sich der eingangs beschriebene Kulturrezipient den Kopf zerbrechen – oder auch nicht, denn am Tag darauf geht es wieder auf Arbeit oder in die Uni, wo die Probleme meistens etwas alltäglicheren Charakter haben.

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