Anstoß

#MitMirAuchNicht

Dieser Zeit geistert eine neue Kampagne durch das Netz und die Gesellschaft. Seit Oktober 2017 haben Frauen zunehmen das Bedürfnis ihre Erlebnisse mit tatsächlichem und vermeintlichem Sexismus zu schildern. Entweder über die sozialen Netzwerke oder – wenn entsprechende Popularität derjenigen vorhanden ist – auch mal für die Feder eines Journalisten. „#metoo“ steht für die Kampfansage an alle Sexisten dieser Welt, vor allem an die weißen und heterosexuellen.

Jeder hat etwas dazu zu sagen. Auch wird so getan, als ob diese Kampagne das Bild des Sexismus revolutioniert hätte. War es nicht schon zuvor bekannt, dass Männer sich dieser Tage gerne einmal zu diversen Aussagen über Frauen genötigt fühlen, die nicht ganz koscher sind? Auch war davor schon bekannt, dass zumeist Frauen das Ziel solcher „verbalen Angriffe“ sind.

Die Frage war immer nur, was genau ist jetzt schon zu weit und was ist noch in Ordnung? Fest steht nur, dass diese erneute Sexismusdebatte mehr Schein als Sein ist. Wir haben seit Jahren immer wieder eine Debatte dieses Kalibers. Und was passiert? Gar nichts. Es verläuft sich wieder im Sande. Daran wird sich auch nichts ändern, obwohl der Begriff #metoo es unter die Wörter des Jahres geschafft hat.

Ein guter Text auf ZEIT-Online … zumindest zu 25 %

Sexismus ist nicht die Ursache, sondern das Symptom eines Problems. Sexismus entsteht nicht einfach so. Es hat Gründe, warum sich Frauen von einigen Männern nicht respektiert und auf ihre Sexualität reduziert fühlen. Das liegt aber nicht an den Männern per se, weil die so böse und verdorben sind. Vielmehr steckt dahinter ein gesellschaftliches Problem. Erstaunlicherweise geschehen noch Zeichen und Wunder. So hat eine Kolumnistin auf ZEIT-Online einen erhellenden Text veröffentlicht, der zumindest jene gesellschaftlichen Prozesse, die Sexismus begünstigen, benennt. Freilich sollte man von Portalen, wie ZEIT-Online nicht allzu viel erwarten. Daher sei angemerkt, lediglich die ersten 25 Prozent dieses Textes gestalten sich als lesbar.

Überschrieben ist der Text mit „#OhneMich“, was den Inhalt eigentlich schon vorwegnimmt. Hier wird angeprangert, es würde sich über ein Problem aufgeregt werden, ohne die Ursachen zu beachten. „Solange sich Frauen als das schöne Geschlecht gerieren, bleibt die #metoo-Debatte oberflächlich.“ Eine Frau lege traditionell mehr Wert auf ihr Aussehen, weil es ihr natürliches Kapital gegenüber Männern sei.

Dadurch entstehe eine potenzielle „Asymmetrie“ zwischen den Geschlechtern. Denn dieser Umstand könne schnell dahin gehen, dass man Frauen und Mädchen auf diesen Aspekt eindampft. „Bei der Partnerwahl und auch sonst im Leben gilt: Die Frau muss in erster Linie schön sein.“ Wohl etwas plakativ formuliert, aber nicht ganz Unrecht hat sie damit schon. Es scheint in der Natur der Sache zu liegen, dass Männer mehr auf das Aussehen achten.

Schönheit bis zum Exzess

Soviel zum Allgemeinen: Nun kommt Frau Kolumnistin jedoch ans Eingemachte. „Frauen und Mädchen im 21. Jahrhundert machen sich so eifrig schön, wie chinesische Prinzessinnen.“ Weiter heißt es: „Sie stellen freizügig ihre Reize zur Schau: Mädchen tragen Hotpants, Businessfrauen figurbetonte Kostüme und glänzende Strumpfhosen.“ Damit wird eigentlich auf den Punkt gebracht, was in diesem Land falsch läuft. Frauen werden heute implizit dazu aufgefordert, die Aufmerksamkeit ihres männlichen Gegenübers dadurch auf sich zu ziehen, indem die Schönheit des weiblichen Körpers bis zum Exzess zur Schau gestellt wird.

Dadurch wird der Eindruck verstärkt, Schönheit und das Feilbieten sexueller Reize seien kongruent, was aber nicht so ist. Denn eine Frau kann sehr wohl auf eine anständige Art und Weise sehr attraktiv und bezaubernd sein. Es wird aber niemand leugnen können, dass Hotpants und kurze, hautenge Kleider das eben nicht bewirken. Es liegt in der Natur dieser Kleider, sexuell aufreizend auf den Mann zu wirken. Etwas plakativ formuliert: So, wie sich heute das weibliche Geschlecht kleidet, wenn es auf die Straße geht, haben sich vor 50 Jahren ausschließlich Prostituierte angezogen. Warum haben diese das getan? Weil sie damit das sexuelle Interesse potenzieller Freier erregen wollten. Weil Mann eben so funktioniert. Warum sollte das heute anders sein?

Achtung, Achtung, liebe Geschlechtsgenossinnen!

Zurück zum Text der Frau Kolumnistin: So weit ganz gut, jedoch wird es ab hier ungenießbar. Denn nun entwickelt dieser Text eine Lösung für die gestellte Diagnose, die wahrlich vollkommen am Ziel vorbeischießt. Denn nun wird gefordert, Frauen sollten sich nicht mehr mit ihrem Äußeren beschäftigen. Auch liest sich der folgende Text eher wie ein radikal-feministisches Pamphlet („Geschlechtsgenossinnen“). Wie gesagt, der Fehler liegt nicht darin, dass sich Frauen generell schön machen, sondern sie es auf die falsche Weise und in der falschen Intention tun.

Dafür spricht beispielsweise folgender Umstand: Vor einigen Jahren galt es als angesagt unter jugendlichen Mädchen, den Vorgang des Schön-Machens als „aufbitchen“ zu bezeichnen. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie einige junge Mädchen und Frauen heute in der Öffentlichkeit auftreten, muss man zugeben, dieser Begriff ist gar nicht mal so falsch. Niemand will diesen weiblichen Wesen unterstellen, sie würden das mit Absicht tun, weil sie wie – ich entschuldige mich für folgenden Ausdruck – eine „Bitch“ auftreten wollen.

Was ist unser Frauen-Ideal?

Vielmehr wird diese Erwartungshaltung, sich entsprechend zu kleiden, von der Gesellschaft vorgegeben. Es gilt ja gerade als Schönheitsideal, wenn die Hose oder das Kleid nicht kurz und der Ausschnitt nicht tief genug sein kann. Insofern hat Frau ZEIT-Kolumnistin schon recht. Jedoch wird dieses Ideal von der Gesellschaft vorgegeben. Also sollte man schleunigst etwas an diesem „Ideal“ ändern, wenn man einen dauerhaften Schritt in Richtung einer Gesellschaft machen möchte, in der die Geschlechter respektvoll miteinander umgehen.

Wer hingegen leugnet, dass dieses Land ein entsprechendes Problem mit einem sittlichen und moralischen Verfall hat, sollte sich während einer großen Pause einmal neben einen Schulhof stellen – na gut, Männer vielleicht nicht, weil es könnte Probleme geben – und zuhören, wie der Umgangston unter den Jugendlichen ist. Ja, auch auf Gymnasien und Grundschulen und vor allem in den Städten. Mädchen sind „Schlampen“. Freundinnen bezeichnen sich untereinander als „Bitch“. Jungs gelten als besonders cool unter den Altersgenossen, wenn jedes zweite Wort eine Obszönität ist. Auch gilt man als angesagt, wenn man lauthals verkündet, mit wie vielen Mädchen man schon geschlafen habe.

Das Schlüsselwort: Anstand!

Frau Kolumnistin spricht sich dafür aus, das Übel an der Wurzel zu packen, doktert aber selbst nur an Problemen herum. Und die Lösungsansätze, die sie vorschlägt, gehen an der Realität vorbei. Stattdessen sollte sie sich lieber mal fragen, warum Mädchen und Frauen in Sommer nur kaum mehr mit Unterwäsche herumlaufen, statt davon zu schwafeln, der Umstand, dass sich Frauen die Beine rasieren, führe zu deren Knechtung unter die Männer.

Auch bringt es niemandem etwas, wenn Frauen in Zukunft verwahrlost auftreten. Vielmehr muss man den Jungs und Männern wieder mehr Anstand beibringen, genauso wie den Frauen. Jungs muss klar werden, dass es nicht von innerer Größe zeugt, wenn man Mädchen auf den Hintern oder in den Ausschnitt starrt, statt in ihre Augen zu schauen. Und Mädchen müssen begreifen, dass es nicht notwendig ist, sich halbnackt der Welt zu präsentieren, wenn man die Aufmerksamkeit eines Jungen wecken will. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

So mokiert sich unsere ZEIT-Schreiberin zurecht darüber, „dass enge Hosen und hohe Schuhe Männern kein Recht zum Grapschen und zu schlüpfrigen Sprüchen geben“. Jedoch ist das eine, wie das anderen nur ein Symptom jenes gerade beschriebenen gesellschaftlichen Problems. Daran sieht man, dass man offensichtlich unfähig für die Entwicklung einer nachhaltigen Lösung ist, wenn man sozialistisch atmet und neoliberal lebt.

Der Journalistin kommt es schlechterdings nicht in den Sinn, anzunehmen, an der Gesellschaft an sich stimme etwas nicht. Aber erst, wenn man dieses metaphysische Problem anpackt, wird man zu einer Lösung kommen. Dann verschwinden Probleme, wie Hotpants und Grapscher von ganz allein.

(Bild: Pixabay)

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