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Nach dem Wachstum

nach_dem_wachstumLaut offiziellen Schätzungen besitzt jeder Deutsche ca. 10.000 Gegenstände. Die wenigsten davon brauchen wir tatsächlich. Wir leben im Überfluß und produzieren jeden Tag neuen Konsummüll. Doch die Klage darüber hat häufig einen faden Beigeschmack.

Denn die meisten Konsumkritiker sind lediglich gut darin, Verbote zu fordern. Die Grünen sind dafür das beste Beispiel. Aber wirklich überzeugend wird Konsumkritik erst dort, wo der Kritiker auch bereit ist, selbst auf lieb gewonnenen Luxus zu verzichten.

Grünes Wachstum und Fassadenlinke

Wir haben uns damit ausführlich in unserem Thesen-durch-Fakten-Anschlag zu »Umwelt und Konsum« beschäftigt und nun bin ich zu diesem Thema zurückgekehrt, da ich mich seit letzter Woche intensiv mit der »Postwachstumsökonomie« von Niko Paech beschäftige.

Zunächst: Welche Grundaussagen haben wir bereits in dem Thesen-durch-Fakten-Anschlag geliefert?

  • Nando-Dragan Augener beschäftigte sich mit den »Fassadenlinken«, die eine »grüne Kommerzialisierung« vorantreiben. Paech sieht das übrigens genauso und kritisiert die »Zauberkunst« des »grünen Wachstums«. Diese verfahre nach dem Motto: Friß das Doppelte – und nimm ab dabei!
  • Philip Stein portraitierte den russischen Einsiedler German Sterligow. Der Multimillionär entschloß sich vor einigen Jahren, in den Wald zu ziehen und weitestgehend autark zu leben. Klar sollte jedoch auch sein, daß dies nur ein Lebensmodell für wenige Extrentriker ist.
  • Für breitere Schichten umsetzbar erscheinen da schon die Konzepte, die Carlo Clemens und Wolf Dieter Lassotta vorstellten. Lassotta schrieb über Guerilla Gardening und Clemens lieferte eine Reportage über das »Kölner Neuland«. Diese ökologischen, alternativen Konzepte weisen ein erstaunliches »konservatives Moment« auf. »Das Schöpfen und Gestalten im Rahmen seiner Möglichkeiten hat zum Ziel, etwas Beständiges in der steten Dynamik zu schaffen. Das reine Konservieren von Altem kann nie die Lösung sein.« (Clemens) Paech ist auch in diesem Punkt sehr nah bei uns: Er schwärmt von einer »Kultur der Reparatur«, Gemeinschaftsgärten sowie Regional- und Selbstversorgung.
  • Der Thesen-durch-Fakten-Anschlag zu »Umwelt und Konsum« enthält zudem ein Interview mit den französischen Identitären und den italienischen Aktivisten von CasaPound. Die Franzosen plädieren für eine »Décroissance«, eine nachhaltige Wachstumsrücknahme (ein Kapitel dazu findet sich im neuen Bändchen Junges Europa). Die Italiener zeigen ebenfalls, daß es ein ökologisches Bewußtsein gerade bei Rechten geben muß. In den Reihen von CasaPound existiert sogar eine eigene Umweltschutzorganisation, »La Foresta Che Avanza« (Der vorrückende Wald).
  • Den komplexesten Artikel hatte schließlich Sebastian Rast verfaßt. Der Titel: »Freiheit ist immer die Freiheit des selbständigen Tuns«. Rast schreibt gegen die Vorstellung vom »globalen Selbstbedienungsladen« an. Er betont:

Es ist deshalb für die junge Generation Zeit, die Selbstverständlichkeit von Lohnarbeit, Massenproduktion und Konsum in Frage zu stellen. Mehr denn je lautet die Frage für die Zukunft: Wie wollen wir auf dieser Welt leben? Wollen wir weiterhin jeden Tag unseren Kindern einen Berg aus Plastikmüll und Verpackungsresten hinterlassen? Wollen wir uns mit einer Existenz abfinden, in der die einzigen intuitiv zu bewältigenden Aufgaben am Computer stattfinden, während wir nicht einmal mehr wissen, wie man ein Loch in einem Kleidungsstück flickt oder ein Gemüsebeet anlegt?

In ähnlichen Worten steht auch dies bei Paech. Doch immer noch ungeklärt bleibt trotzdem die Frage nach einem Ausweg, die damit verbunden ist, ob der Mensch zu Verzicht überhaupt bereit sein kann.

Nur noch die halbe Woche arbeiten?

Der linke Volkswirtschaftler Paech windet sich um die Brisanz dieser Frage herum: Er weiß natürlich, daß Verzicht demokratisch nicht durchsetzbar ist. Und er weiß auch, daß man den Menschen nicht zu viel zumuten sollte, wenn man ein Buch gut verkaufen will, was ihm gelungen ist. Also greift er wie die Grünen in die Zauberkiste und erfindet die optimale Arbeitswoche der Postwachstumsökonomie. Die Menschen sollten nur noch 20 Stunden für ihren Verdienst arbeiten gehen. 20 Stunden würden somit für Selbstversorgung (Lebensmittelherstellung, Handwerk, nachbarschaftliche Hilfe, Erziehung der eigenen Kinder) frei werden.

Das klingt natürlich toll. Nur noch die halbe Woche »richtig« arbeiten gehen und ansonsten Gemüse anbauen, die Kinder erziehen und in der Garage werkeln. Doch wer kann sich das leisten? Und: Sind die Menschen, die es sich leisten könnten, bereit, es zu tun?

Die Friseurin, um ein besonders plakatives Beispiel zu wählen, kann es sich definitiv nicht leisten, und dem Top-Manager, der in seinem bisherigen Leben bereits genug Geld angehäuft hat, dürfte im Durchschnitt das dafür notwendige Bewußtsein fehlen.

Alles also nur eine nutzlose Utopie? Ich glaube, man muß den Menschen schon die ganze Wahrheit erzählen: Die Zeit nach dem Wachstum können wir nicht wählen. Entweder es geht immer so weiter wie bisher, oder wir erleben irgendwann einen Crash, der uns zu einem heute unvorstellbaren Verzicht zwingt. In der »Postwachstumsökonomie« dürften wir auch 40 Stunden arbeiten müssen, haben aber dann vielleicht kapiert, unsere Freizeit sinnvoller als heute zu nutzen – weil wir dazu gezwungen sind. Ein anderes Szenario ist zumindest für mich unvorstellbar.

Hier geht es zu unserem Thesen-durch-Fakten-Anschlag zu »Umwelt und Konsum«.

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2 Kommentare zu “Nach dem Wachstum

  1. Besitz ist erst einmal nicht schlecht, Besitz fördert auch Kultur. Und warum nicht 10.000 Gegenstände im Haushalt? Ich habe einen Fernseher weggeworfen und etwa 5000 Bücher reingestellt und sehe das als ungeheuren Gewinn an. Macht aber ein Plus an 4.999 Gegenständen. Und so ist es mit vielen anderen Dingen, die man für geistige, handwerkliche, sportliche oder musische Freizeitbeschäftigungen benötigt, weil die Zeit frei ist, die man sonst vor der Glotze verdämmert hätte.

  2. Die Zeiten eines an Faktoren wie dem wachsenden Ausstoß von Produkten gemessenen Wirtschaftswachstums lassen sich schon aus physikalischen Gründen nicht unbegrenzt fortsetzen, aber man sollte sich eine Wirtschaft mit weniger Automatisierung und Arbeitsteilung nicht zu romantisch vorstellen.

    Wenn man sich heute auch mit schmalem Einkommen eine Bibliothek leisten und bildenden Tätigkeiten wie dem (Selbst-)Studium, Tätigkeiten für die Gemeinschaft oder Sport nachgehen kann anstatt auf dem Acker zu arbeiten, dann ist das auch eine Folge von Wirtschaftswachstum und enorm gestiegener Produktivität. Daß die erarbeiteten Früchte in der Regel in allerlei häßliche Dinge umgesetzt werden und Zivilisation sich häufig in Verfallserscheinungen äußert, ist ein davon unabhängiges Problem, das durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch kaum gelöst werden wird.

    Armut ist oft noch häßlicher als Reichtum, und eine Favela oder ein Township sind keine besseren Orte, nur weil deren Einwohner weniger Zeit mit Erwerbsarbeit und mehr Zeit mit Selbstversorgung verbringen. Not ist weder eine Tugend noch tugendfördernd, und es wird eine Herausforderung sein,Teile der in besseren Zeiten erworbenen Kultur in den Deutschland und Europa leider bevorstehenden schlechten Zeiten und der damit verbundenen Verelendung aufrechtzuerhalten, über sie hinauszuretten und zu neuer Blüte zu bringen.

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